Wirtschaftskrise in Berlin : Mindestens zwei Prozent weniger

Auch Berlins Wirtschaft schrumpft. Unternehmensverbände und der Senat haben jetzt Daten vorgelegt.

Alfons Frese
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Berlin - 2008 war gut, 2009 ist ein Jahr mit offenem Ausgang. Auf diese Kernaussage lassen sich die neuesten Wirtschaftsberichte für Berlin reduzieren. Denn nun ist „die internationale Wirtschaftskrise in Berlin angekommen“, wie Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linke) den aktuellen Konjunkturbericht kommentierte. Von „Herausforderung ungeahnten Ausmaßes“ sprach Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), die am Montag ihren Jahresbericht vorlegten. Immerhin ein paar Branchen werden nach Einschätzung der UVB stabil durchs Krisenjahr kommen: Ernährungsindustrie und Gesundheitssektor, Gebäudemanagement und Garten- und Landschaftsbau sowie der Bau überhaupt. Wie sich dagegen die Industrie schlägt, ist offen. Ebenso wie die Entwicklung der Arbeitslosigkeit, die in den vergangenen drei Jahren in Berlin und Brandenburg um 30 Prozent gesunken war. Amsinck betonte den Willen der Firmen, ihre Belegschaften zu halten. Doch wenn bis Spätsommer keine Besserung eintrete, werde es wohl Kündigungen geben.

Nicht zuletzt wegen des zweistelligen Absturzes der Industrieaufträge Ende 2008 erwartet Senator Wolf im laufenden Jahr einen „deutlichen Rückgang“ der Berliner Wirtschaftsleistung. „Wird die aktuelle Prognose der Bundesregierung zugrunde gelegt, könnte die Berliner Wirtschaft mit knapp zwei Prozent ins Minus rutschen“, glaubt Wolf und sieht darüber hinaus „erhebliche Abwärtsrisiken“. Zum Beispiel, wenn sich die Lage erst gegen Ende des Jahres bessert. Dann dürfte das Minus noch deutlich größer ausfallen.

2008 war die Berliner Wirtschaft um 1,6 Prozent und die brandenburgische um 0,8 Prozent gestiegen. Im Bundesdurchschnitt betrug das Wachstum 1,3 Prozent. Wolf als auch Amsinck betonten die Bedeutung der Industrie als Wachstumstreiber. In diesem Bereich gab es erstmals seit der Vereinigung wieder mehr Jobs. Zurzeit arbeiten in der Region knapp 200 000 Industriebeschäftigte (in Betrieben mit mehr als 20 Mitarbeitern). Nach einem „umfassenden Strukturwandel“ und dem massenhaften Verlust von Arbeitsplätzen habe sich die Industrie „spürbar konsolidiert“, konstatieren die Unternehmensverbände. Gut ein Drittel der Berliner Industrieprodukte gehen inzwischen in den Export, in Brandenburg sind es rund 25 Prozent.

UVB-Chef Amsinck nutzte die Vorstellung des Jahresberichts zu einem Appell an die Politik, ein „Zukunftsinvestitionsprogramm“ auf den Weg zu bringen. Damit sollten in den kommenden zehn Jahren in Berlin zwei Milliarden Euro und in Brandenburg 570 Millionen Euro zusätzlich in Infrastruktur gesteckt werden. Die Mittel dazu will Amsinck aus dem Solidarpakt II nehmen, der noch bis 2019 läuft. „Investiert werden muss vor allem in die Bildungsinfrastruktur“, sagte Amsinck, und zwar vor allem auch in Personal, Lehrmittel und eine bessere Bezahlung der Lehrer. Die Schülerzahlen in der Hauptstadtregion seien rückläufig, Gesellschaft und Wirtschaft könnten es sich nicht länger leisten, dass beinahe jeder zehnte Schüler in Berlin und Brandenburg die Schule ohne Abschluss verlässt, meinte der UVB-Chef.

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