Wirtschaftskrise : Lkw-Branche rollt auf Pleitewelle zu

Der Autoverband sieht die Existenz tausender Mittelständler gefährdet, die Abwrackprämie hilft dem Pkw-Markt.

Henrik Mortsiefer

Die deutschen Lkw-Hersteller, ihre Zulieferer und das mittelständisch geprägte Speditionsgewerbe befinden sich nach Angaben des Automobilverbandes VDA in einer dramatischen Krise. „Die Aussichten auf dem Fahrzeugmarkt sind insgesamt bewölkt, die schwersten Wolken hängen aber über der Nutzfahrzeugbranche“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann am Mittwoch in Berlin.

Die Branche – mit einem Jahresumsatz von zwölf Milliarden Euro Weltmarktführer – steuere wegen des weltweiten Absatzeinbruchs auf eine Pleitewelle zu. „Einige tausend Unternehmen werden bis zum Sommer an der Existenzgrenze stehen“, warnte Wissmann. So hätten etwa Hersteller von Anhängern und Aufbauten zuletzt einen Umsatzverlust von 90 Prozent hinnehmen müssen. „Bei den Nutzfahrzeugherstellern übersteigt die Zahl der stornierten Aufträge inzwischen die der Neubestellungen“, sagte der VDA-Präsident. Die Erhöhung der Lkw- Maut sei in dieser Situation Gift. „Eine Aussetzung um ein bis zwei Jahre wäre das richtige Signal.“

Der Autobauer Daimler hat eine Prämie auch für Lastwagenkäufer vorgeschlagen – „in der gleichen Größenordnung wie beim Pkw, also etwa zehn Prozent des Anschaffungspreises“, sagte Nutzfahrzeugvorstand Andreas Renschler in einem Interview. Bei einem durchschnittlichen Kaufpreis von 80 000 Euro wären dies 8000 Euro. In Verbandskreisen hält man eine solche Prämie aktuell allerdings politisch nicht für durchsetzbar. „Das ist unrealistisch“, heißt es.

Der deutsche Pkw-Markt profitiert unterdessen stärker als erwartet von der Abwrackprämie. Setze sich die seit Ende Januar zu beobachtende Belebung fort, sei 2009 eine Zahl von mehr als drei Millionen Neuzulassungen in Deutschland zu schaffen, sagte Wissmann. Er bekräftigte damit eine im Tagesspiegel-Interview unlängst geäußerte Erwartung. Inzwischen seien rund 120 000 Anträge auf eine Umweltprämie eingereicht worden, die Zahl der Auftragseingänge bei den Herstellern liege um 100 000 höher als im Vorjahr. Opel teilte am Mittwoch mit, die Abwrackprämie kurbele den Verkauf des in Eisenach montierten Corsa an. Die täglichen Auftragseingänge für den Kleinwagen seien derzeit dreimal höher als vor Einführung der Verschrottungsprämie Mitte Januar, teilte der Autobauer in Rüsselsheim mit. Aufgrund der hohen Nachfrage arbeite das Thüringer Corsa-Werk mit 1700 Beschäftigten im März wieder voll im Dreischichtbetrieb. Zusätzlich fahre Opel in Eisenach vier Sonderschichten. Auch das Werk im spanischen Zaragoza, wo unter anderem auch der Corsa gebaut wird, arbeite rund um die Uhr.

Gleichwohl bleibe die Situation der Hersteller, Zulieferer und Händler insgesamt äußerst kritisch, sagte der VDA-Präsident. „Wir werden das schwierigste Jahr für die Autoindustrie seit dem zweiten Weltkrieg erleben“, sagte Wissmann. Die Exporte der deutschen Autoindustrie seien im Januar um 39 Prozent zurückgegangen. Zwei Drittel der deutschen Autoproduktion wird im Ausland verkauft. Mit Blick auf Produktionskürzungen, Sparmaßnahmen und möglichen Stellenabbau warnte der VDA - Präsident aber vor Überreaktionen. „In der Krise darf nichts verloren gehen, was strukturell gesund ist.“ Dies gelte auch für die Zulieferindustrie, in der ebenfalls mit einer Pleitewelle gerechnet wird. Zum Fall Schaeffler wollte sich Wissmann nicht konkret äußern. „Wie Gesellschaftsstrukturen geordnet werden, müssen die Unternehmen und die Banken selbst entscheiden“, sagte er lediglich.

Die EU-Kommission erteilte einer europaweiten Initiative zur Unterstützung der Autoindustrie eine Absage. „Die Kommission wird keinen europäischen Plan vorlegen, wie der Strukturwandel in der Autoindustrie vonstattengehen soll“, sagte Industriekommissar Günter Verheugen am Mittwoch. Die Unternehmen seien selbst verantwortlich, die Krise zu meistern. Dabei könnten die EU-Länder ihnen mit allen verfügbaren Hilfen beistehen. Bei Opel etwa seien Beihilfen aber nur vertretbar, wenn das Unternehmen damit dauerhaft überlebensfähig werde. Die Kommission werde dafür sorgen, dass Wettbewerbsrecht und Regeln des Binnenmarktes eingehalten würden. „Die Kommission wird keinen ökonomischen Nationalismus zulassen“, sagte Verheugen. Im Kampf gegen die Krise der Branche forderte die EU-Kommission Regierungen, Industrie und Gewerkschaften zum Schulterschluss auf. Alle Beteiligten sollen sich an einem Runden Tisch austauschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar