Wirtschaftskrise : Metallindustrie im Wechselbad der Gefühle

Gesamtmetall-Präsident Kannegiesser warnt vor "Wundertütenpolitik" und wünscht sich eine Verschiebung der Tariferhöhung.

Alfons Frese
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Berlin - Von einem „atemberaubenden Wechselbad der Gefühle“, sprach der Präsident, und sieht sich nun mit der gesamten Branche „ganz dicht am Wind segeln“. Martin Kannegiesser, Chef des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, kreiert die schönsten Bilder, um die Lage des wichtigsten deutschen Industriebereichs zu beschreiben. Am Dienstag in Berlin würdigte Kannegiesser, der selbst als Hersteller von Wäschereimaschinen auf den Weltmärkten unterwegs ist, die Krisenprogramme der Bundesregierung, reklamierte gleichzeitig Entlastungen für die Unternehmen und warnte vor einer „Wundertütenpolitik“ und zu vielen Schutzschirmen. „Wir sehen bald vor lauter Schirmen den Wald nicht mehr.“ Die Politik dürfe sich nicht zu stark einmischen, die Verstaatlichung von Banken sei die ultima ratio.

Von einer „Bad Bank“, sozusagen ein staatliches Institut, in dem die Banken ihre Wertpapiermüll abgeben können, hält Kannegiesser nichts. „Bad Bank – was ist denn das wieder? Die waren alle bad“, meinte der Maschinenbauer. Verständnislos betrachtet er auch, dass die sogenannten Leerverkäufe, riskante Wetten auf sinkende Kurse, noch immer nicht verboten seien. „Da kriegt man große Augen, als realer mittelständischer Unternehmer.“

Über die Dauer des Krise wollte der Arbeitgeberpräsident keine Mutmaßungen anstellen, „weil immer noch Tretminen hochgehen“. Immerhin gibt es erste, vorsichtige Anzeichen einer möglichen Besserung. Das vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelte Stimmungsbarometer liegt im Januar bei minus 31 Punkten, das ist im Vergleich zum Vormonat ein Plus um gut 14 Punkten. Die 312 vom ZEW befragten Finanzanalysten äußerten die Hoffnung auf Besserung ab Mitte des Jahres. Die Konjunkturpakete der Regierung sowie die Zinssenkungen durch die Europäische Zentralbank würden helfen.

Kannegiesser appellierte an die Unternehmen, sich „normal“ zu verhalten, die Belegschaften wenn möglich zu halten und die geringe Auslastung der Fabriken zu nutzen, um liegen gebliebene Arbeiten aufzuholen. „Man kann sich natürlich auch in einer solchen Phase Vorsprünge erarbeiten“, so sieht der Unternehmer Kannegiesser durchaus Chancen in der Krise. Eine Krise übrigens, die für ihn bislang ausschließlich eine zeitlich begrenzte Konjunktur- und keine Strukturkrise ist, unter der in den 90er Jahren die deutsche Industrie gelitten habe. Seitdem steigerten die Unternehmen die Produktivität enorm, erweiterten ihre Eigenkapitalbasis und erhöhten auch wegen der moderaten Lohnentwicklung hierzulande ihre Weltmarktanteile.

Kannegiesser appellierte an die IG Metall, den Firmen in diesem Jahr „finanzielle Entlastungen“ zu verschaffen. Und zwar vordringlich, indem die zweite Stufe der vereinbarten Tariferhöhung um 2,1 Prozent bei Bedarf um sieben Monate verschoben wird. „Für viele Betriebe ist das notwendig“, sagte Kannegiesser. Berthold Huber widersprach sofort: „Eine Verschiebung der Tariferhöhung wird der Ausnahmefall sein“, kündigte der IG-Metall-Vorsitzende an. In den Unternehmen müssen die Betriebsräte einer Verschiebung zustimmen.

Kannegiesser betonte den Willen der Betriebe, Entlassungen zu vermeiden. Und zwar mit Hilfe von Arbeitzeitkonten, Arbeitszeitverkürzung ohne Lohnausgleich sowie schließlich Kurzarbeit. Und doch werde „ein gewisser Anstieg der Arbeitslosigkeit nicht zu vermeiden sein“, sagte der Gesamtmetall-Chef.

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