Wirtschaftskrise : Siemens setzt auf den Staat

Der Industriekonzern Siemens will von Konjunkturprogrammen in aller Welt profitieren. Ob das gegen die Krise reicht, ist offen.

Corinna Visser
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Berlin Siemens hofft auf Unterstützung des Staates – nicht durch Bürgschaften oder Kredite, sondern durch Aufträge. Der Technologiekonzern rechnet damit, dass von den weltweit aufgelegten Konjunkturpaketen Aufträge im Volumen von 15 Milliarden Euro an Siemens gehen werden. Von diesen 15 Milliarden wiederum entfiele sechs Milliarden Euro auf grüne Infrastrukturprojekte. „Wir werden noch grüner“, sagte Siemens- Chef Peter Löscher am Montag in einer Telefonkonferenz.

Unter grünen Geschäftsfeldern versteht Siemens erneuerbare Energien (zum Beispiel Windkraft), besonders energieeffiziente Produkte (Energiesparlampen) und Umwelttechnik (Wasseraufbereitung). Im vergangenen Geschäftsjahr habe Siemens mit grünen Produkten und Lösungen 19 Milliarden Euro umgesetzt, sagte Löscher. „Wir haben uns vorgenommen, bis 2011 die Marke von 25 Milliarden Euro zu erreichen.“ Zum Vergleich: 2008 lag der Gesamtumsatz des Konzerns bei 77 Milliarden Euro.

Löscher: Konjunkturprogramme wirken erst 2010

Das größte Potenzial aus den weltweiten Konjunkturprogrammen im Volumen von insgesamt zwei Billionen Euro sieht Siemens in den USA, China und Deutschland. Der Konzern baut auf die staatliche Nachfrage, weil er bereits jetzt unter den rückläufigen Aufträgen aus der Industrie leidet. Siemens stellt sich darauf ein, dass sich das Geschäft in der zweiten Jahreshälfte weiter abschwächt. Die Abwärtsentwicklung scheine sich aktuell aber zu verlangsamen, sagte Löscher. „Es besteht also die Hoffnung, dass wir uns der Talsohle nähern.“ Wie lange sich die Weltwirtschaft jedoch auf dem niedrigen Niveau bewegen und wie schnell und stark es dann wieder bergauf gehe, sei derzeit schwer zu sagen.

Löscher sagte, der teilweise starke Rückgang der privaten Nachfrage werde durch die staatlichen Maßnahmen zumindest abgefedert. Ob die erwarteten öffentlichen Aufträge den Einbruch ausgleichen können, sei aber nicht absehbar. Hinzu kommt: Siemens geht davon aus, dass sich die Programme frühestens ab dem kommenden Jahr stabilisierend auf das Geschäft auswirken und sich dann über die Jahre 2010 bis 2012 verteilen werden.

Analysten reagieren zurückhaltende

Die Börse reagierte in der Folge auch abwartend auf die Ankündigung: Nach einem anfänglichen Kursplus gaben Siemens-Aktien am Montag aber schließich nach. Mit minus 3,4 Prozent auf 48,93 Euro liefen die Papiere leicht schlechter als der Gesamtmarkt.

„15 Milliarden Euro über drei Jahre hinweg sind gemessen am gesamten Auftragsvolumen von Siemens nicht überwältigend“, kommentierte Frank Rothauge vom Bankhaus Sal. Oppenheim. 2008 lag der Auftragseingang von Siemens bei 93 Milliarden Euro. Für 2009 rechnet Rothauge im Zuge der Wirtschaftskrise mit einem Auftragseingang von 79 Milliarden Euro. Positiv wertete der Analyst, dass Siemens nun ein Ziel genannt habe, mit welchen Aufträgen das Unternehmen aus den Programmen rechne. „Das Problem ist, dass niemand einschätzen kann, ob und wann die Aufträge tatsächlich kommen.“

Zahl der Mitarbeiter nur schwer zu halten

Zuletzt hatte es in einigen Ländern protektionistische Tendenzen gegeben mit der Folge, dass die Gelder aus den Konjunkturprogrammen womöglich vor allem an einheimische Unternehmen fließen könnten. Löscher wies jedoch auf den hohen Wertschöpfungsanteil hin, den das Unternehmen vielerorts habe. Der Konzern ist in 190 Ländern vertreten. Allein in den USA habe Siemens rund 70 000 Mitarbeiter, in China 40 000, sagte Löscher. „Die aktuelle Debatte um den Schutz der nationalen Industrien sehen wir daher mit einem gehörigen Maß an Gelassenheit.“

Ob Siemens allerdings bei der weiter sinkenden Nachfrage aus der Industrie die Beschäftigtenzahl in Deutschland halten kann, daran zweifelt Analyst Rothauge. „Ich glaube, es wird unvermeidbar sein, dass infolge der Krise noch eine fünfstellige Zahl an Arbeitsplätzen abgebaut werden muss.“ Ein Anhaltspunkt dafür seien die 19 000 Mitarbeiter, die sich derzeit in Kurzarbeit befinden. Anders als in den industrienahen Geschäftsfeldern liefen die Geschäfte im Sektor Energie bisher noch glänzend, sagte Rothauge. Allerdings sei es jetzt schon sicher, dass dies im kommenden Jahr nicht mehr der Fall sein werde.

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