Wirtschaftskrise : Welche Branche erwischt es als nächstes?

Nach den Banken ist die Automobilbranche in die Krise gerutscht. Nun drosselt mit BASF ein Unternehmen die Produktion, das von der Autoindustrie abhängig ist. Wer ist der Nächste in dieser Kette?

Carsten Brönstrup

Bislang waren nur die Prognosen schlecht. Jetzt kommen Tag für Tag die Krisenmeldungen aus der Realwirtschaft – und geben eine Ahnung davon, wie tief der Abschwung in den nächsten Monaten wirklich werden dürfte und welche Branchen er besonders hart treffen wird. Nicht nur in Deutschland: So schlecht wie derzeit war die Stimmung in der Weltwirtschaft in den vergangenen 20 Jahren nicht, hat das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung am Donnerstag ermittelt. „Die Rezession frisst sich durch das System durch“, warnt Wolfgang Franz, Mitglied im Sachverständigenrat. Er sieht die Welt in einer „historisch fast einmaligen Situation“ – weil die schwache Konjunktur mit der Finanzkrise zusammenfällt.

Bei den Autoherstellern sind die Arbeiten an der Krise bereits in vollem Gang: Werke werden geschlossen, Kurzarbeit angeordnet, Stellen gestrichen. „Eine rasche Trendwende ist nicht in Sicht“, ließ Daimler-Chef Dieter Zetsche wissen. Es dürfte eher noch schlechter werden, bevor es besser wird, sagte er.

Das sind schlimme Nachrichten für die Branchen, die von Daimler, Porsche, Volkswagen, BMW, Ford oder Opel Aufträge bekommen. Elektronikfirmen etwa machen zwei Drittel ihres Geschäfts mit der Autoindustrie. Und für die Werbewirtschaft wie für die Medien ist die Autobranche der zweitwichtigste Auftraggeber. Bereits 2008 kürzten die Konzerne ihre Anzeigenausgaben um zehn Prozent. Was 2009 kommt, ist offen – besser dürfte es aber kaum werden.

Das ahnen auch die Manager in der Chemieindustrie. Der Weltmarktführer BASF will ab Januar ein Fünftel seiner Fabriken vorerst stilllegen und in 40 weiteren Anlagen die Produktion drosseln. Branchenkenner werten dies als Beleg dafür, dass derzeit fast keine neuen Aufträge mehr hereinkommen. Bei BASF-Konkurrenten wie Lanxess oder Bayer ist die Situation nicht anders.

Das lässt nichts Gutes für andere Industriesparten ahnen. Chemiefirmen beliefern direkt oder indirekt praktisch jede Fabrik: Autobauer beziehen Lacke, Katalysatoren oder Kunststoffe, Bauunternehmer Dämmstoffe oder Styropor, Textilhersteller ordern Fasern und Farben. Einbrechende Aufträge deuten daher auf einen sicheren Abschwung auf breiter Front hin.

„Momentan sind alle betroffen. Jede Branche spürt, dass es abwärts geht, weil heute alle Bereiche der Wirtschaft so eng miteinander verknüpft sind“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Hinzu kommt, dass sich keine Region auf der Welt von der Krise abkoppeln kann – Europa steckt bereits in der Rezession, Japan auch, die übrigen asiatischen Staaten sowie Amerika sind auf dem besten Weg dorthin.

Deshalb müssen vor allem Exportfirmen zusehen, wie ihre Auftraggeber aus dem Ausland ihre Bestellungen reihenweise stornieren. Das trifft die produzierenden Unternehmen besonders hart, die jeden zweiten Euro durch den Verkauf im Ausland verdienen. „Firmen, die Investitionsgüter oder langlebige Konsumgüter wie Autos oder Möbel herstellen, werden es mit besonders starken Einbrüchen zu tun bekommen“, warnt Commerzbank-Ökonom Krämer. „Dafür geht es in jedem Aufschwung auch stärker nach oben.“ Bei den Prognostikern herrscht Einigkeit darüber, dass 2009 ein besonders tiefer Abschwung zu erwarten ist. „Wir erwarten, dass im gesamten kommenden Jahr Stellen in der Industrie abgebaut werden“, heißt es in einer Studie der Bank Unicredit.

Wenn keine Güter für den Export mehr hergestellt werden, muss sie auch niemand transportieren. Etwa jeder zehnte Lastwagen fährt für die deutsche Autoindustrie und transportiert Schrauben, Einspritzdüsen oder fertige Fahrzeuge. Die Absatzkrise wird nach der Schätzung von Branchenverbänden einige zehntausend Stellen bei den Speditionen kosten.

Auch im Hamburger Hafen, dem Tor zur Welt für die deutschen Exportprodukte, ist die neue Lage zu besichtigen. Bislang kamen die Logistikfirmen mit der Verladung der Container auf die Schiffe kaum nach, ständig mussten die Terminals modernisiert und ausgeweitet werden, neue, immer größere Schiffe liefen die Umschlagplätze an. Nun beruhigt sich das Geschäft spürbar. „Hält der Trend an, wird das Handelsvolumen 2009 zum ersten Mal seit 1982 zurückgehen“, heißt es in einer neuen Studie von Analysten der Bank UBS über den Hamburger Hafenbetreiber HHLA.

Abkoppeln kann sich vom Abschwung vermutlich kaum eine Branche. Allein die Aktien konsumnaher Hersteller, etwa Versorger, Nahrungsmittelkonzerne oder Gesundheitsfirmen, können sich an der Börse noch behaupten – alle anderen verzeichnen stete Einbrüche. Der Rückgang des Ölpreises und die zurückgehende Inflation sorgen dafür, dass die Kaufkraft der Verbraucher um gut zehn Milliarden Euro höher ausfallen dürfte. Doch die Freude könnte von kurzer Dauer sein: Commerzbank-Ökonom Krämer rechnet für 2009 mit dem Verlust von bis zu 400 000 Stellen – mit entsprechenden Folgen für die Kauflust der Bürger.

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