Wirtschaftskrise : Weniger Lehrstellen - zu wenig Lehrlinge

Krise paradox: Die Wirtschaft verbindet den düsteren Blick auf Einbrüche beim Lehrstellenangebot in der Krise mit deftigen Warnungen vor künftigem Lehrlingsmangel.

Basil Wegener[dpa]

BerlinFast drei von vier Unternehmen wollen ausbilden, auch wenn sie vielfach derzeit ganz andere Sorgen haben, wie aus einer am Mittwoch in Berlin präsentierten Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) hervorgeht. Doch die Rezession macht auch viele Fortschritte des Ausbildungspakts zunichte - zehntausende Plätze fallen weg. Die Folge dürfte sein, dass es noch weniger qualifizierten Nachwuchs gibt, wenn der Konjunkturmotor wieder brummt.

Verträge fürs anstehende Ausbildungsjahr werden zwar noch bis zum Sommer abgeschlossen, bei den Großunternehmen wurden die Unterschriften aber schon im Herbst gesetzt. Klar ist schon: Fünf bis zehn Prozent der neu angebotenen Plätze bei Industrie und Handel fallen weg. Demnach sind es im schlimmsten Fall mehr als 36.000. 365.000 Neuverträge gab es 2008, etliche Stellen blieben unbesetzt. Klar: Wenn die Wirtschaft weiter in den Keller geht, Firmen verstärkt pleitegehen und die Arbeitslosenzahlen steigen - dann droht auch dem Ausbildungsmarkt die tiefe Krise.

Derzeit setzen vor allem kleinere Betriebe und exportorientierte Unternehmen den Rotstift an. In Zeiten grassierender Kurzarbeit falle es vielen Unternehmen schwer, voll auf Ausbildung zu setzen, sagt der DIHK-Geschäftsführer Martin Wansleben. Doch die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist für 41 Prozent der Industrieunternehmen der entscheidende Grund für Ausbildung - nicht die aktuelle Geschäftslage. Bei Banken und Bau sind die Motive ähnlich ausbildungsfreundlich, in Dienstleistungsbranchen deutlich weniger.

"Tut, was möglich ist"

Einen klaren Appell richtete Wansleben an die Unternehmerschaft: "Tut, was möglich ist." Auch DIHK-Präsident Ludwig Georg Braun beklagt, dass die Unternehmen wegen der Wirtschaftskrise weniger ausbilden. Schon 2009 geht die Zahl der Schulabgänger in den alten Ländern um 1,5 Prozent, in den neuen sogar um 15,5 Prozent zurück. Die Zeichen stehen auf Mangel beim Nachwuchs. Bessere Kindergärten und Schulen zur Qualifizierung - die Forderungen der Wirtschaft liegen seit langem auf dem Tisch. Mit dem Schlagwort "Der Meister der Zukunft ist ein Türke" rührt bereits die Handwerksbranche die Werbetrommel für die Anwerbung junger Leute mit Migrationshintergrund.

In den einzelnen Branchen hatten zuletzt zwischen 15 Prozent der Firmen (Verkehr) und 39 Prozent (Gastgewerbe) Probleme mit der Besetzung der Stellen. Auch die Baubranche und die Bereiche IT/Medien und Banken/Versicherungen klagen darüber besonders. Der Trend, dass ostdeutsche Jugendliche zur Ausbildung in die alten Länder gehen, könnte sich tendenziell umkehren. Während es in Heidenheim im High- Tech-Ländle Baden-Württemberg laut DIHK zuletzt nur zehn offene Stellen in der Metall- und Elektrobranche gab, waren es in Dresden 103.

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