Wirtschaftskrise : Weniger Wohlstand

Die durch die Finanzkrise ausgelöste schwere Rezession wird Deutschland bis Ende kommenden Jahres rund eine Viertel Billion Euro kosten. Je Bundesbürger wären das etwa 3000 Euro Wohlstandsverlust.

Carsten Brönstrup
Lehman
Zentrum des Geschehens. Lehman - hier die Zentrale in New York. -Foto: dpa

Berlin - Die durch die Finanzkrise ausgelöste Rezession wird Deutschland bis Ende kommenden Jahres rund eine Viertel Billion Euro kosten. Je Bundesbürger wären das etwa 3000 Euro Wohlstandsverlust. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für den Tagesspiegel geschätzt. „Der Abschwung war außergewöhnlich scharf, ohne die Finanzkrise wäre es bei weitem nicht so schlimm gekommen“, sagte DIW-Konjunkturexperte Stefan Kooths. Frühestens im Jahr 2011 werden die Unternehmen seiner Ansicht nach wieder auf dem Niveau von vor der Krise produzieren.

Die Pleite der US-Bank Lehman Brothers am 15. September 2008 gilt als Auslöser der schwersten Konjunkturkrise seit 1929. In der Folge trockneten die Geldmärkte aus, Banken konnten nur mit massiver Hilfe von Regierungen und Zentralbanken gerettet werden.

Indes befand sich die Weltwirtschaft zu diesem Zeitpunkt bereits im Abschwung. „Es hätte vermutlich ohnehin eine milde Rezession gegeben“, sagte DIW-Fachmann Kooths. In diesem Fall wäre die deutsche Wirtschaft 2009 noch schwach gewachsen und 2010 möglicherweise leicht geschrumpft. Nun kalkuliert die Regierung offiziell mit einem BIP-Rückgang von sechs Prozent. Andere Experten gehen von nur noch gut vier Prozent aus, nachdem es im zweiten Quartal wieder ein leichtes Plus gab. 2010 rechnen viele Ökonomen wieder mit einem geringen Wachstum. Durch den tiefen Abschwung verliert die Republik laut DIW in zwei Jahren insgesamt gut 250 Milliarden Euro an Wirtschaftsleistung. „Das ist eine enorme Summe, ein großer Verlust in puncto Lebensstandard“, erklärte Kooths. „Durch Lehman fiel der Abschwung viel schärfer aus – der Kollaps einer anderen international ähnlich vernetzten Bank hätte aber wohl denselben Effekt gehabt.“

Der Wohlstand wird zusätzlich durch die Abschreibungen der Banken geschmälert. Sie hatten in großem Stil in strukturierte Wertpapiere investiert, die stark an Wert verloren und damit die Krise ausgelöst hatten. Allerdings ist schwer zu sagen, wem diese Vermögensverluste zuzurechnen sind – die Aktien großer Institute, etwa der Deutschen Bank oder der Allianz, gehören zum Teil Ausländern, Wertverluste müssten ihnen zugeschlagen werden. Der Internationale Währungsfonds rechnet weltweit mit einem Abschreibungspotenzial von mehr als vier Billionen Dollar bis Ende 2010. Zusätzlich verfiel der Preis anderer Vermögenswerte – Aktien, Fonds, Immobilien.

Erst 2011 wird die deutsche Wirtschaft wieder auf ähnlichem Niveau produzieren wie vor der Krise – frühestens. „Wenn bis Ende 2011 die schlimmsten Einbußen wettgemacht sein sollen, braucht es dafür zwischenzeitlich kräftige Wachstumsraten. Die Antriebskräfte für diese Aufholjagd müssten vor allem aus dem Ausland kommen. Ob sich die Weltwirtschaft schnell genug erholt, ist aber noch keineswegs sicher“, warnte Kooths. „Im nächsten Jahr werden die Unternehmen wohl noch deutlich unterausgelastet sein – und beim Personal empfindlich kürzen."

Angesichts von Konjunkturkrise und Bankenproblemen hat der Staat die Wirtschaft massiv gestützt. Er investierte 80 Milliarden Euro, zusätzlich stellte er 115 Milliarden Euro für Kredite und Bürgschaften an Firmen bereit. Der Bund stützte die Banken über einen Rettungsfonds mit 22 Milliarden Euro, die Länder bewahrten ihre Landesbanken mit Kapitalspritzen von 25 Milliarden Euro vor dem Aus, wie der Bund der Steuerzahler berechnet hat. Hinzu kommt eine Reihe von Garantien, von denen unklar ist, ob die Banken sie beanspruchen werden.

Diese Ausgaben schmälern allerdings nicht den Wohlstand des Landes. „Die Staatsverschuldung steigt zwar massiv, aber Deutschland insgesamt wird dadurch nicht ärmer", befand Kooths. „Nachfolgende Generationen erben ja nicht nur die Schulden, sondern auch die staatlichen Wertpapiere.“ Ihnen bleibt das Umverteilungsproblem – „sie müssen klären, wer die Summen in Zukunft aufzubringen hat, mit denen die Kredite bedient werden. Das ist keine angenehme Hinterlassenschaft.“ Problematisch sei es aber, wenn der Staat zu früh mit dem Sparen beginne. „Damit würde er das Wachstum erneut schwächen – dann gäbe es zusätzliche Einkommensverluste, und die Krise käme uns noch teurer zu stehen.“

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