Wirtschaftsminister Brüderle : Sein Aufschwung XL

Wirtschaftsminister Rainer Brüderle wird zum neuen Star im Kabinett – das haben ihm nur wenige zugetraut. Früher wurde er als "Mister Mittelstand" verspottet.

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Der Weltökonom. Als „Mister Mittelstand“ bespöttelten sie ihn früher, heute genießt er die Früchte des „Aufschwung XL“. Foto: AFP
Der Weltökonom. Als „Mister Mittelstand“ bespöttelten sie ihn früher, heute genießt er die Früchte des „Aufschwung XL“. Foto: AFPFoto: AFP

Berlin - Der deutsche Aufschwung sieht ein bisschen müde aus an diesem Abend. Die Augen sind klein, die Haut blass, der Anzug schlabbert. Und der Gang ist ziemlich schlurfig für einen, der gerade obenauf ist. Dafür blitzen die Augen hellwach. „Wir könnten ruhig eine halbe Stunde stolz sein auf das, was wir geschafft haben“, ruft er seinen Zuhörern zu und grinst. Es ist ein „Ich-habs-Euch-doch-immer-gesagt“-Grinsen, ein Gewinnergrinsen. Ein bisschen Optimismus ist genau das, was die 200 Berliner Mittelständler von ihrem Minister wollen. Sie grinsen mit – und klatschen.

Rainer Brüderle ist das Gesicht des deutschen Aufschwungs, und zum Grinsen hat er allen Grund in diesen Tagen. Parallel zur Wirtschaftsleistung legt auch sein persönliches Punktekonto zu. Nicht allein wegen des Wachstums von beinahe vier Prozent in diesem Jahr, so viel wie seit 20 Jahren nicht. Der Pfälzer zählt plötzlich zu den beliebtesten Liberalen, zum Einjährigen der Regierung bekam er in den Zeitungen durchweg gute Noten. Manchen gilt Brüderle gar als der neue starke Mann der FDP.

Das bedeutet eine erstaunliche Wendung für den 65-Jährigen. Elf lange Oppositionsjahre klopfte er Sprüche („erst grübeln, dann dübeln“), tingelte durch Talkshows, küsste Weinköniginnen, ließ kein Thema unkommentiert. Sein Traum, das Amt des Landeswirtschafts- gegen das des Bundeswirtschaftsministers zu tauschen, platzte 1998 durch den Wahlsieg von Rot-Grün. 2009 klappte es doch noch. Allerdings war die Zahl seiner Fans zunächst überschaubar, zu groß der Kontrast zum alerten CSU-Vorgänger Karl-Theodor zu Guttenberg. Noch kurz vor der Wahl hatte sich Brüderle in einer Art Schlafanzug bei asiatischen Turnübungen am Sylter Strand ablichten lassen, sprach von Heilkunst, innerer Kraft und Energiebahnen.

Vorbei. Als 16. Wirtschaftsminister der Republik braucht Brüderle derlei Hokuspokus nicht mehr. Er gibt den Weltökonomen – seine Freunde in Partei und Wirtschaft finden das klasse. „Guttenberg hat viel Wind gemacht und nichts erreicht. Bei Brüderle ist es umgekehrt“, lobt ein hochrangiger Frankfurter Banker. „Der ist schlauer, als viele denken“, sagt der Chef eines großen Wirtschaftsverbands. Gar zum „Mann des Jahres“ wählte ihn das Magazin „GQ“, eine Art gemäßigter „Playboy“, neben illustren Herren wie Michael Schumacher oder dem Rapper Bushido.

Begonnen hat der Aufstieg des Unterschätzten mit dessen Nein zu Staatshilfen für Opel. Während Angela Merkel geneigt war, die Schatulle zu öffnen, verwies Brüderle stur auf die Ordnungspolitik. Er verhandelte, ließ Brüssel prüfen, spielte auf Zeit – bis GM den Antrag zurückzog. Dabei war die Frage nicht unheikel für Brüderles Schicksal. „Wäre Geld geflossen, wäre er nach Hause gegangen“, sagt einer, der ihn gut kennt.

Seinen zweiten Sieg errang Brüderle, als er im Atomstreit Umweltminister Norbert Röttgen niederkämpfte. Zwölf Jahre laufen die Meiler nun länger, nicht bloß acht, wie es der Kollege wollte. Den Stromkonzernen bescherte das Milliarden. In der Öffentlichkeit genießt Brüderle derlei Erfolge im Stillen, allenfalls ein maliziöses Lächeln verrät den Triumph. Dass er der Industrie die Vergünstigungen bei der Ökosteuer rettete und die Bitten von Karstadt und Hochtief um staatliche Hilfe abbürstete, vergrößerte die Schar seiner Anhänger noch. Sie wissen, dass es vor allem sein Verdienst ist, dass die Koalition das Thema Steuersenkungen noch immer auf der Agenda hat – trotz leerer Kassen.

Das ist nicht wenig für einen Minister, der eigentlich nur reden kann und aufpassen muss, dass seine Kabinettskollegen keinen Unsinn verzapfen. Da lässt es sich verschmerzen, dass Brüderles Widerstand zum Trotz die Gewerbesteuer wohl bestehen bleibt und die Kohleförderung erst 2018 ausläuft. „Wir wissen, da ist einer, der hat ein Ohr für uns“, freut sich ein einflussreicher Industriemanager.

Dass es mit dem Ministersessel noch geklappt hat, hat Brüderle auch einer Portion Glück zu verdanken. Als vor zwei Jahren die Finanzkrise die Welt erschütterte, bekam der Glaube an die Segnungen des Kapitalismus einen Knacks. Irgendwie verebbte die Debatte, die Apokalypse wurde vertagt. Gut für Brüderle, denn Programmatisches und die großen Linien sind seine Sache nicht. „Vom Mittelstand hängt unser Aufschwung ab“, „wir müssen die Leistungsträger entlasten“ – vor allem solche Sätze hat er im Angebot. Auf dem G-20-Gipfel in Seoul machte er dafür als Vertreter von Finanzminister Wolfgang Schäuble eine gute Figur, wagte es gar, den USA „unheilvolle Planwirtschaft“ vorzuwerfen, als die auf eine Begrenzung deutscher Exporte drängten.

Brüderle genießt sein Amt, auf das er so lange hingearbeitet hat. So sehr, dass er auch Termine persönlich wahrnimmt, zu denen andere Minister allenfalls einen Staatssekretär schicken würden. Hier diskutiert er mit ein paar Dutzend Fachleuten die Energiepläne des Bundes, dort erläutert er Unternehmern den Weg zum Bürokratieabbau oder verleiht einen Preis. Nicht immer brillant: Reden liest er mitunter Wort für Wort ab, betont Sätze falsch, wirkt mäßig vorbereitet. Seine näselnden Ausführungen über „Stuttgt“, „Strassbau“ und „Straddgie“ sind oft nur mit gutem Willen zu verstehen. Vielleicht sind es gerade solche selbstbewusst dargebotenen Makel, mit denen er punktet.

Trotzdem gibt es Leute in der FDP, die in Brüderle den Mann für alle Fälle sehen, sollte die Partei 2011 weiter abrutschen. Er selbst hält sich bedeckt. „Der trägt nichts dazu bei, eine Vakanz an der Spitze zu schaffen“, heißt es über ihn. An die Rente denkt Brüderle zumindest noch nicht. „Mein Vater hat bis 86 gearbeitet, mein Großvater bis 84. Meine Parteifreunde müssen also noch lange mit mir rechnen“, sagt er. Und grinst.

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