Wirtschaftsnobelpreis : Zwischen Markt und Staat

Der Wirtschaftsnobelpreis 2009 geht an die US-Umweltökonomin Elinor Ostrom und an den Transaktionsforscher Oliver Williamson. Volkswirte sehen in der Entscheidung auch eine Reaktion auf die Finanz- und Wirtschaftskrise.

Henrik Mortsiefer
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Wirtschaftsnobelpreis 2009 Elinor Ostrom erhält ihn, zusammen mit Oliver Williamson. -Foto: dpa

Berlin - Zum ersten Mal hat eine Frau den Wirtschaftsnobelpreis erhalten. Die US-Umweltökonomin und Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom (76) erhält die diesjährige Auszeichung zusammen mit ihrem Landsmann Oliver Williamson (77). Beide teilen sich das Preisgeld von 10 Millionen Kronen (knapp eine Million Euro). Die Königlich-Schwedische Wissenschaftsakademie hob in ihrer Begründung am Montag hervor, dass beide Wissenschaftler „jenseits der traditionellen Markt- und Preistheorie“ bahnbrechende Erkenntnisse darüber geliefert hätten, wie Gemeinschaften Konflikte lösen, Eigentum verwalten und Entscheidungsprozesse in Unternehmen organisieren. Ökonomen begrüßten die Entscheidung.

„Es ist notwendig, Institutionen zu verstehen, die Märkte aufrechterhalten“, schrieb die Stockholmer Akademie. „Beide Wissenschaftler haben unser Verständnis darüber außerordentlich erweitert.“ Beide Forscher hätten gezeigt, dass wirtschaftswissenschaftliche Analysen auch „die meisten Formen sozialer Organisation“ beleuchten könnten. „In den vergangenen drei Jahrzehnten haben ihre Beiträge die Forschung über Wirtschaftsregime vom Rand in den Mittelpunkt der wissenschaftlichen Aufmerksamkeit gerückt.“ Volkswirte sehen in der Entscheidung der schwedischen Akademie auch eine Reaktion auf die Erfahrungen mit der Finanz- und Wirtschaftskrise.

Elinor Ostrom ist Professorin an der Indiana University in Bloomington. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Nutzung von Gemeinschaftsgütern (Allmendegüter), wie zum Beispiel Grundwasservorkommen, Fischgründe, Wald- oder Weidegebiete. Dabei erforscht Ostrom unter anderem, wie der individuelle Konsum ressourcenschonend in Nutzergemeinschaften organisiert werden kann. Bei ihrer Analyse setzt Ostrom auf die dezentrale Selbstorganisation und -verwaltung, nicht auf staatliche oder rein private Lösungen. Dabei nimmt sie Erkenntnisse aus der Politikwissenschaft, Ökonomie, Psychologie und Anthropologie in ihren wissenschaftlichen Arbeiten auf. „Ostroms Arbeit lehrt uns Neues über die tiefen Zusammenhänge, die die Kooperation in der Gesellschaft am Leben erhalten“, erklärte das Nobel-Komitee.

Der an der Universität von Kalifornien in Berkeley tätige Oliver Williamson beschäftigt sich mit der Frage, warum bestimmte wirtschaftliche Transaktionen innerhalb von Unternehmen effizienter sind als auf dem Markt. Dabei widmet er sich dem Problem, dass sehr große Unternehmen zwar sehr effizient arbeiten können, dass sie aber Gefahr laufen, Monopolisten zu werden und damit Wohlfahrtsverluste für die gesamte Volkswirtschaft verursachen. In Williamsons Forschung geht es um Abhängigkeiten und die Kosten der Konfliktlösung: Je stärker die Abhängigkeit zweier Parteien ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie sich in einer Institution zusammenschließen.

Die Entscheidung des Nobel-Komittees wurde von Ökonomen gelobt. „Die Akademie hat einen sehr guten Akzent gesetzt“, sagte Christian Kirchner, Professor für Wirtschaftsrecht und Institutionenökonomik an der Humboldt-Universität Berlin, dem Tagesspiegel. Ostrom und Williamson seien Ökonomen, die nicht allein formal-mathematischen Modellen vertrauten, sondern die Wirkungsweise von Institutionen, Gemeinschaften und Unternehmensstrukturen im Wirtschaftsleben untersucht hätten. „Beide sind herausragende Persönlichkeiten mit einem breiten Wirkungskreis“, sagte Kirchner. Die Wissenschaftler zeichne aus, dass sie weder rein staatliche Lösungen noch ausschließlich Privatisierungen bevorzugten. „Sie interessiert die Arbeitsteilung zwischen Staaten und Märkten“, sagte Kirchner. Auch seien Ostrom und Williamson keinem politischen Lager eindeutig zuzuordnen.

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