Wirtschaftsprognose für die Hauptstadt : Berlin bis 2030 auf der Überholspur

Berlins Wirtschaft soll bis 2030 stärker sein als der Bundesschnitt. Die Berliner Industrie- und Handelskammer und das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sagen ein Wachstum von bis zu 80 Prozent voraus – sogar andere europäische Metropolen sollen eingeholt werden.

Manuel Vering
Berlins Wirtschaft boomt. Bis 2030 sagen Ökonomen der Hauptstadt eine rosige Zukunft voraus. Foto: dpa
Berlins Wirtschaft boomt. Bis 2030 sagen Ökonomen der Hauptstadt eine rosige Zukunft voraus.Foto: dpa

Mit Wirtschaftsprognosen ist es so eine Sache, spätestens seit der Finanzkrise. Weil kaum einer der hoch bezahlten Ökonomen den Crash hatte kommen sehen, ist ihr Berufsstand in den vergangenen Jahren schwer unter Beschuss geraten. Wirtschaftswissenschaften seien eine „Märchenstunde“, ätzte etwa Hans Magnus Enzensberger, und der Wirtschafts-Sachverständigenrat, den die Bundesregierung sich leistet, produziere „vor allem viel heiße Luft“, befand einst der SPD-Politiker Peter Struck.

Die Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK) schreckt das nicht. Sie setzt nicht nur weiter auf Prognosen, sie wagt sich sogar an langfristige Vorhersagen – gemeinhin ein schwieriges Feld. „Alles, was über ein Jahr hinausgeht, ist im Prinzip Lesen im Kaffeesatz“, gibt ein Ökonom, der den Bund berät, unumwunden zu. Doch immerhin, die Ergebnisse der IHK-Studie haben es in sich: Bis 2020 könnte Berlins Wirtschaftsleistung den Bundesdurchschnitt erreichen. Und bis 2030 dem Rest des Landes sogar enteilen – sowohl bei der Wirtschaftskraft als auch bei der Produktivität. „Das ist drin für diese Stadt, das ist ein realistischer Werdegang“, sagte Christian Wiesenhütter, Vize-Hauptgeschäftsführer der IHK, am Mittwoch in Berlin.

Berlins Wirtschaft: Prognose des DIW. Grafik: Tsp/ Schmidt
Berlins Wirtschaft: Prognose des DIW.Grafik: Tsp/ Schmidt

Wirtschaftsleistung Berlins wächst schneller als Bundesdurchschnitt

Die Kammer ist auf Nummer sicher gegangen und hat die Expertise beim renommierten Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) bestellt. Die Forscher haben die Wirtschaftsentwicklung der Hauptstadt seit 1995 unter die Lupe genommen und aus den wichtigsten Trends Szenarien für die Zukunft entworfen. Bis 2020 dürfte die Wirtschaftsleistung der Hauptstadt demnach jährlich um 1,9 Prozent wachsen – während der Bund nur auf 1,1 Prozent kommt. Bis 2030 soll der Abstand noch weiter wachsen, gegenüber heute um mehr als 80 Prozent. „Dann würde Berlins Bruttoinlandsprodukt um bis zu 30 Prozent über dem Bundesschnitt liegen“, sagt Martin Gornig, einer der Autoren der Studie.

Berlin 2030 - die Zukunft der Hauptstadt
Das Gespräch zur Serie: Auf die siebenteilige Artikelreihe "Berlin 2030 - Die Zukunft der Hauptstadt" folgte am Donnerstag eine Podiumsdiskussion im Tagesspiegel-Verlag. Gerd Nowakowski, Leiter des Ressorts Berlin-Brandenburg (rechts) und Herausgeber Gerd Appenzeller (links) moderierten das Gespräch mit (2. von links bis 2. von rechts): IHK-Präsident Eric Schweitzer, Wirtschaftssenator Harald Wolf, Charité-Vorstandschef Karl Max Einhäupl und Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff. Foto: Doris Spiekermann-KlaasWeitere Bilder anzeigen
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02.09.2010 21:32Das Gespräch zur Serie: Auf die siebenteilige Artikelreihe "Berlin 2030 - Die Zukunft der Hauptstadt" folgte am Donnerstag eine...

Das wäre eine bemerkenswerte Entwicklung – denn noch hinkt Berlin hinterher: 2012 lag das BIP pro Kopf in der Stadt mehr als acht Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Noch immer kämpft Berlin mit den Folgen der Teilung, es gibt nur wenige Konzernzentralen, und in der Industrie wurden jahrelang Arbeitsplätze abgebaut. Seit geraumer Zeit wandelt sich das Bild allerdings: Die Zahl der Erwerbstätigen steigt stärker als im übrigen Land, vor allem wegen des starken Tourismus und des boomenden Dienstleistungssektors. So soll es im Prinzip weitergehen.

Das DIW hat noch weitere Stärken Berlins ermittelt

Das DIW hat aber noch weitere Stärken der Stadt ermittelt. Die Bevölkerung werde wachsen, erwartet DIW-Mann Gornig – entgegen dem bundesweiten Trend. Dafür sorgen die Aussichten auf dem Jobmarkt: Mehr als 100 000 Erwerbstätige sollen innerhalb der kommenden 17 Jahre hinzukommen. Weiteres Wachstumspotenzial bieten die vielen ungenutzten Flächen in der Stadt. Ihr Anteil an Berlins Gebiet liegt laut der Studie bei insgesamt acht Prozent – in Paris sind es nur vier, in London ist es sogar nur ein Prozent. Die DIW-Leute sehen für eine Stadt grundsätzlich vier verschiedene Perspektiven: als reine Wohnstadt, als Gründermekka, als Kreativzentrum oder als Wirtschaftsmetropole. Zufall oder nicht – die Ökonomen haben in ihrer Studie nur die Utopie von der Wirtschaftsmetropole näher beschrieben.

Über das Ergebnis der Studie freuen sich die IHK-Leute natürlich. Zufrieden sind sie aber trotzdem nicht, das sind Lobbyisten ja ohnehin selten. Berlins Bilanz der vergangenen Jahre dürfe kein Grund sein, sich zurückzulehnen, sagt Vizechef Christian Wiesenhütter. „Forschung und Entwicklung sowie Kulturpotenziale können und müssen in Zukunft noch sehr viel stärker ausgeschöpft werden.“

Heute sei Berlin zwar die Hauptstadt der Universitäten, aber nicht die Hauptstadt der Bildung. Von einer „wachstumsfreundlichen Wirtschaftspolitik“ träumt die Kammer – mit einer stärkeren Industrie, einem guten Klima für Gründer, einer besseren Verwaltung und einer gestärkten „Willkommenskultur“. Die Gewerkschaften wollen indes, dass auch der Nachwuchs etwas vom wachsenden Wohlstand abbekommt. „Die Ausbildungsquote in Berlin ist immer noch unterdurchschnittlich. Hier muss etwas passieren“, sagte Christian Hoßbach, Vize- Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes in Berlin und Brandenburg.

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