Wirtschaft : Wirtschaftsprüfer ignorierten Risiken

Bankgesellschaft kann womöglich Schadenersatz in Milliardenhöhe von BDO Deutsche Warentreuhand fordern

NAME

Von Olaf Jahn

und Mathew Rose

Die Bilanzfälschungs-Skandale der US-Konzerne Enron und Worldcom waren für Anleger weltweit ein Schock. Dass sich Manager und Wirtschaftsprüfer führender Unternehmen zusammentaten, um kriminelle Milliardenbetrügereien zu decken, erschütterte Politiker und Ökonomen. Aber nicht nur in den USA haben Bilanzprüfer Augen und Ohren geschlossen. Schon fünf Jahre bevor Enron und Worldcom in die Negativ-Schlagzeilen kamen, haben in Deutschland Wirtschaftsprüfer und Manager zum Schaden eines Konzerns zusammengearbeitet. Ausgerechnet bei der mehrheitlich dem Land gehörenden Bankgesellschaft Berlin, dem damals fünftgrößten Geldinstitut in Deutschland. Dem Handelsblatt und dem ARD-Magazin „Kontraste“ liegen Unterlagen vor, die nach Expertenmeinungen belegen, dass Wirtschaftsprüfer der BDO Deutsche Warentreuhand in dem Berliner Konzern Mitte der neunziger Jahre wissentlich Bilanzen falsch testiert haben.

Aufgrund eines Zusammenspiels nahezu sämtlicher Kontrollinstanzen geriet die Bank über rasant wachsende Geschäfte mit Immobilienfonds an den Rand der Insolvenz. Das Land musste Milliardenzuschüsse und Risikobürgschaften in Höhe von mindestens 21 Milliarden Euro aufbringen – und wurde praktisch zahlungsunfähig. Experten sind sich sicher, dass die Bank gegenüber den Wirtschaftsprüfern Schadensersatzansprüche in Milliardenhöhe hat und damit den größten Haftungsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte auslösen kann.

Vorwürfe gegen Aufsichtsamt

Der Skandal erfasst auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin, ehemals BAKred). Nach Informationen von Handelsblatt und „Kontraste“ hat das BAKred beim Entstehen der Milliardenrisiken an entscheidenden Stellen wider besseres Wissen nicht eingegriffen und es versäumt, die fatale Entwicklung der Immobiliengeschäfte zu unterbinden. Fachleute sehen darin eine klare Amtspflichtverletzung, für die laut Artikel 34 Grundgesetz der Bund schadensersatzpflichtig ist.

Am 30. Januar 1997 gegen elf Uhr klingelte bei dem Wirtschaftsprüfer Achim Walther das Telefon. Anrufer war der Ulf-Wilhelm Decken, Vorstand der Bankgesellschaft und Vorstandschef der Landesbank Berlin (LBB). Decken und Walther hatten sich Anfang der 90er-Jahre kennen- und schätzen gelernt. Jetzt brauchte Decken Walthers Hilfe. „Er wirkte damals besorgt über die rapide zunehmenden Fondsumsätze der LBB-Tochter IBG, der Immobilien- und Baumanagement der Bankgesellschaft Berlin GmbH“, erinnert sich Walther.

Von 1993 bis 1996 hatte die IBG ihr jährliches Investitionsvolumen bei geschlossenen Immobilienfonds von 132 Millionen auf 2,7 Milliarden Mark verzwanzigfacht und war zum Marktführer in dem Segment avanciert. Grundlage des Erfolgs: Mietgarantien der IBG, mit denen sie Anlegern unabhängig von der tatsächlichen Mietpreisentwicklung die prospektierten Mieteinnahmen über 25 Jahre zusicherte. Darüber hinaus wurden Anlegern nach der Mietgarantiephase Andienungsrechte gewährt. Sie gaben den Investoren das Recht, ihre Fondsanteile nach 25 Jahren zu 100 Prozent, nach 30 Jahren sogar zu 115 Prozent des Nominalwerts zurückzugeben. So etwas gab und gibt es bisher nirgends sonst in der Republik.

Das Geschäft boomte. Schon 1997 sollte der Umsatz erneut um 35 Prozent auf 3,7 Milliarden Mark steigen. Aber LBB-Chef Decken, zugleich stellvertretender IBG-Aufsichtsratsvorsitzender, muss geahnt haben, dass diese Erfolgsstory große Gefahren barg. Er wollte sich nicht mehr allein auf die Informationen verlassen, die er von der IBG-Führung und den zuständigen Wirtschaftsprüfern der BDO Deutschen Warentreuhand erhielt. „Herr Decken sagte mir“, erinnert sich Walther, „dass er endlich Klarheit über die Risiken der geschlossenen Immobilienfonds haben wollte. Deshalb fragte er mich, ob ich die Sache als unabhängiger Fachmann für ihn prüfen könne." Wenige Tage später, am 3. Februar, traf Walther in Berlin erstmals IBG-Geschäftsführer Manfred Schoeps. Er gilt bis heute als geistiger Vater der katastrophalen Fondsgeschäfte. Schoeps erklärte seinem Besucher, dass die gesamte IBG-Rechnungslegung von der Nürnberger Kanzlei Köning & Dr. Lauritzen gemacht werde.

Am 13. März 1997 ging das Auftragsschreiben der IBG ein. Walthers Aufgabe lautete, „die von unserer Unternehmensgruppe aufgelegten geschlossenen Immobilienfonds“ auf Risiken- und Risikovorsorge zu überprüfen. Seine Arbeit solle ein Urteil darüber ermöglichen, „ob bislang seitens unserer Unternehmensgruppe mit diesen Risiken in verantwortlicher Weise umgegangen wurde".

Vier Monate lang prüfte Walther die IBG, bevor er deren Führung am 26. Juli einen Entwurf seines Prüfungsberichts schickte. Mit katastrophalem Ergebnis. Auf 34 Seiten attestierte Walther den Managern, dass ihr Fondsgeschäft unorganisiert, unkontrolliert und äußerst riskant sei. Vernichtend sein Urteil über die rechnerischen Grundlagen der Fonds: „Die Gestaltung dieser Kalkulationen ist inhaltlich und formal ungenügend und wird keiner ausreichenden Prüfung unterzogen, obwohl die Garantieleistungen der IBG direkt vom kalkulierten Einnahmevolumen abhängen.“ Die über zwanzig Jahre hinweg fest einkalkulierten Mietsteigerungen von drei Prozent jährlich entsprächen „nicht den wirtschaftlichen Gegebenheiten". Kernbereiche des Unternehmens wie Controlling und Mietenbuchhaltung würden über wichtigste Grundkalkulationen nicht informiert.

Bankkrise schon 1997 erkannt

Endgültig alarmiert aber mussten die IBG-Chefs gewesen sein, als sie lasen, welche bilanzrechtlichen Verstöße Walther festgestellt hatte. So warnte er unter Punkt C seines Berichts: „Die gewählte Methode für Rückstellungen vermittelt ein falsches Bild vom wirklichen Risikoumfang und ist weder handels- noch steuerrechtlich zulässig.“ Über den Umfang der eingegangenen Garantieverpflichtungen gebe es „nicht einmal theoretisch Klarheit, so dass auch kein nachvollziehbares, einheitliches Risikomanagement besteht". Walthers Analyse war eindeutig: „Die IBG ist durch die Mietgarantien über 25 Jahre und die angebotenen Andienungsrechte so hohe wirtschaftliche Risiken eingegangen, die sie aus heutiger Sicht vielleicht nicht alleine bewältigen kann.“ Danach war das Überleben der IBG gefährdet. Schon dies hätte im Testat vermerkt sein müssen. Doch es kam noch schlimmer: „Die augenblickliche Mietvertragsdatenverwaltung lässt einen testatfähigen Jahresabschluss der IBG nicht zu.“ Und: „Die Wertansätze für die Mietgarantierückstellungen in den Jahresabschlüssen 1995 und 1996 wurde methodisch falsch gebildet." Für Wirtschaftsrechtler Hans-Peter Schwintowski von der Humboldt-Universität waren wegen der eindeutigen Hinweise auf rechtlich unzulässige Berechnungsmethoden auch die uneingeschränkten Testate für diese beiden Jahre falsch. Er ist erstaunt, wie exakt der Autor das heutige Bankendesaster bereits 1997 im voraus erkannt und beschrieben hat. Was Walther offen legte, so Schwintowski, „waren die Wurzeln der Berliner Bankenkrise. Damals hätte man die geschlossenen Immobilienfonds dieser Art einstellen müssen.“ (HB)

0 Kommentare

Neuester Kommentar