Wirtschaftssenatorin Yzer im Interview : "Berlin muss auf eigenen Beinen stehen"

Kurz vor Ende ihrer Amtszeit spricht Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) über die Folgen des Brexit, Berlins Haushalt und IHK-Chef Jan Eder.

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„Enttäuschte Menschen neigen zu irrationalem Handeln.“ So erklärt Yzer den regelmäßigen Zwist mit hochrangigen Vertretern der Berliner Wirtschaft.
„Enttäuschte Menschen neigen zu irrationalem Handeln.“ So erklärt Yzer den regelmäßigen Zwist mit hochrangigen Vertretern der...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Frau Yzer, eine Ihrer letzten Dienstreisen im Amt geht am Montag nach London. Dort eröffnen Sie für den Senat ein Wirtschaftsbüro. Wofür ist das gut?

Das Büro soll Anlaufstelle für die Unternehmen sein, die als Folge der Brexit-Entscheidung planen, ihre Aktivitäten nach Kontinentaleuropa zu verlagern. Und da fällt vielen Unternehmen Berlin ein. Wir wollten einen Ansprechpartner vor Ort haben, der über Berlin konkret informieren kann und sofort wichtige Ansprechpartner in der Wirtschaftsverwaltung, bei Berlin Partner oder bei der Investitionsbank vermitteln kann.

Wie viele Personen kümmern sich dort um Berlins Belange?

Das ist zunächst eine Person. Sie wird in einem Coworking-Space arbeiten, in dem schon sehr viele Ansprechpartner arbeiten wie Start-ups. Dieses Gemeinschaftsbüro betreibt ein israelischer Investor, den wir schon von der Berliner Partnerschaft mit Tel Aviv kennen. Und die Beratungsgesellschaft KPMG ist ebenfalls mit einer Start-up-Unit dort vertreten.

Was kostet dieses Büro?

Wir haben 250.000 Euro veranschlagt mit der Zielsetzung, das Büro zunächst für zwei Jahre zu betreiben.

Warum arbeitet der Senat dabei mit KPMG zusammen? Kann das Unternehmen sich nicht selbst Kunden suchen?

Wir haben uns bewusst dafür entschieden, jemanden zu suchen, der bereits ein Netzwerk vor Ort hat, und nicht erst mühsam Kontakte aufbauen muss. Diese Dienstleistung fürs Land Berlin haben wir über Berlin Partner ausgeschrieben. KPMG ist in der Start-up-Szene gut vernetzt. Großbritannien und London sind für uns wichtige Handelspartner, aber auch Standortwettbewerber.

Können Sie bereits ein britisches Unternehmen nennen, das nach Berlin umsiedelt?

BrickVest wird unser Testimonial sein bei der Eröffnung. Das ist eine Online-Plattform im Immobilienbereich. Sie werden nach Berlin ziehen – behalten aber ein Büro in London.

In diesem Jahr hat der Senat auch das erste Kontaktbüro in Istanbul eröffnet. Wochen vor dem Putsch. War das ein Fehler?

Die Entwicklung in der Türkei war politisch nicht absehbar. Gerade die Beziehungen zu Istanbul sind in Berlin sehr stark. Es gibt ein großes Interesse türkischer Unternehmer für Berlin, gerade auch aktuell. Aber wir werden bis Jahresende die Entwicklung des Büros beobachten.

Wie lange behalten Sie das noch im Blick?

Ich habe schon 2012 bei meinem Amtsantritt gesagt, dass ich dieses Amt auf Zeit bis Ende der Legislaturperiode ausüben werde.

Und dann?

Solange ich im Amt bin, werde ich mich über meine berufliche Zukunft nicht äußern.

Bleiben Sie in Berlin?

Seit der Jahrtausendwende lebe ich in Berlin. Das war und ist meine Heimatbasis, auch wenn ich nicht alle Tage hier verbracht habe.

Wie wichtig war die rot-schwarze Koalition für die Stadt?

Es war wichtig, dass die CDU mit an der Regierung war. Rot-Schwarz hat viel erreicht. Berlin hat einen wirtschaftlichen Aufschwung genommen.

Was hat die Koalition erreicht?

Die Haushaltskonsolidierung war und ist entscheidend. Das Wohl dieser Stadt wird davon abhängen, dass sie auf eigenen Beinen steht und nicht am Tropf eines Bund- Länder-Finanzausgleichs hängt. Hinzu kommen wichtige Investitionen. Ohne die starke wirtschaftliche Entwicklung kann das nicht alles realisiert werden. Berlin sollte auf diesem Weg – konsolidieren und investieren – weiterfahren.

Das hat der Regierende Bürgermeister auch gesagt. Überhaupt gab es einen Wettbewerb zwischen Ihnen, wer mehr für die Digitalisierung und die Start-ups macht.

Das war kein Wettbewerb. Dass ein Regierender Bürgermeister Gewinnerthemen an sich ziehen will, ist ja ganz normal. Und er hat viele Start-ups besucht, als er die positive Entwicklung sah. Ich habe die Start-up-Szene immer im Auge gehabt und wurde zunächst dafür belächelt, als sei das meine private Vorliebe. Dann hat er die digitale Agenda proklamiert. Auf den Weg gebracht habe ich, dass der neue Mobilfunkstandard 5G mit öffentlichen Testfeldern in die Stadt kommt, das Leistungszentrum digitale Vernetzung, den Ausbau des Clean-Tech Parks Marzahn zum Gigabit-Standort. Die 100 zusätzlichen IT-Professuren hat Herr Müller leider noch nicht geschafft.

Sie haben keine Konflikte gescheut, sich mit einigen Männern in der Wirtschaft angelegt. Warum? Weil Sie eine Frau sind?

Dieses Thema bin ich leid. Im Wesentlichen gab es einen Vertreter, der immer wieder mal ein Interview gegeben hat, wenn er nichts zu tun hatte.

Sie meinen IHK-Hauptgeschäftsführer Jan Eder?

Das ist keine Mann-Frau-Kategorie. Diese Stadt erfährt eine Restrukturierung. Diejenigen, die für Neues stehen, müssen Pfründe umverteilen. Und wer immer gedacht hat, seine Macht sei unantastbar, erfährt auf einmal, dass sich die Welt doch verändern kann. Wer nicht schnell genug ist, mit dem Wandel mitzugehen, ist dann sehr wahrscheinlich enttäuscht. Enttäuschte Menschen neigen zu irrationalem Handeln. Es gibt immer wieder Bremser. Auf diejenigen, die auf der Bremse stehen, kann man keine Rücksicht nehmen, wenn man selbst auf die Überholspur gehen will.

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