Wirtschaftsspionage : Im Auftrag der Fledermaus

Wirtschaftsspionage aus dem Ausland kostet deutsche Unternehmen jährlich bis zu 50 Milliarden Euro. Vor allem die chinesischen Geheimdienste sind gut informiert.

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Berlin - Da war dieser chinesische Geschäftsmann, der während einer Werkstattbesichtigung in Deutschland an seinem Gürtel eine Minikamera befestigt hatte. Fast wäre es dem Leiter der Besuchergruppe entgangen, dann aber stellte er den Mann zur Rede. Ermittler fanden später auf dem Kamerachip des Chinesen Ton- und Bildaufzeichnungen in hoher Qualität. Er hatte Produkte und Abläufe dokumentiert. Am Ende erhielt er eine Haftstrafe von 18 Monaten auf Bewährung wegen des Verrats von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen.

Burkhard Even, Abteilungsleiter Spionageabwehr beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), kennt viele dieser Geschichten. Einige davon gab er dieser Tage vor Journalisten in der Außenstelle der Behörde in Berlin-Treptow zum Besten. Wie die Anekdote von einem anderen Chinesen, der Anfang des Jahres als Praktikant im Büro einer Architektur- und Planungsgesellschaft eingestellt worden war. Einem Kollegen fiel auf, dass der Praktikant Daten auf einer externen Festplatte speicherte. Eine Überprüfung des Speichers ergab, dass er auch sensible Daten von einem Großprojekt kopiert hatte, „welche in den Händen eines Konkurrenzunternehmens nicht zu suchen hätten“, erklärt Even.

Nach Erkenntnissen des BfV leben rund 80 000 Chinesen in Deutschland, darunter viele Wissenschaftler, Gastprofessoren, Studenten und Praktikanten, die in Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Forschung tätig sind. Die chinesischen Geheimdienste seien sehr gut informiert, wo „ihre Leute“ säßen und versuchten diese, gezielt anzusprechen, sagt Even.

Welchen Schluss sollen Unternehmer aus solchen Aussagen ziehen? Fördert die Behörde damit nicht pauschales Misstrauen gegenüber Kollegen aus Fernost? Er wolle „deutlich unterstreichen“, sagt Even, „dass aus den genannten Beispielen nicht gefolgert werden kann, chinesische Praktikanten sind per se oder auch nur mehrheitlich Spione.“ Gleichwohl sei Vorsicht sei geboten – übrigens nicht nur vor Kontakten mit China.

Gefahr drohe auch aus Russland, das eine lange Tradition in militärischer Spionage hat. Bekanntestes Beispiel ist Russlands heutiger Premier Wladimir Putin, der selbst Karriere beim einstigen Sowjetgeheimdienst KGB machte – ab 1985 in der DDR. Er soll angeblich noch 1990 versucht haben, einen Spionagering mit ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in Deutschland aufzubauen. Dieser flog aber auf.

Seit dem Ende des Kalten Krieges registrieren die deutschen Verfassungsschützer, dass sich Dienste aus Russland und China auch gezielteren Zugang zu deutschen Unternehmen verschaffen. Erklärtes Ziel ist es, an Schlüsseltechnologien zu gelangen, die die beiden Länder für ihren Aufstieg zu führenden Wirtschaftsmächten für unerlässlich halten. Die Regierungen betrachteten die Dienste „als festen Bestandteil der nationalen Sicherheitsarchitektur und als Ausführungsorgane der staatlichen Auslandsaufklärung“, wie Even sagt. In Russland ist Wirtschaftsspionage seit 1995 sogar als Ziel in einem Gesetz formuliert. Die Dienste genössen hohes Ansehen und Rückhalt bei der politischen Führung. „Sie gelten als unverzichtbar und loyal“, sagt Even. Und nähmen ihrerseits maßgeblichen Einfluss auf politische Entscheidungen.

In einer Aufklärungsbroschüre der Verfassungsschutzbehörden von Bund und Ländern ist konkret von drei Nachrichtendiensten der Chinesen die Rede, die Wirtschaftsspionage in Deutschland betreiben: Es sind der zivile Nachrichtendienst MSS, der militärische Dienst MID und der 3 VBA für Fernmelde- und elektronische Aufklärung. Dahinter stehen insgesamt rund eine Million Mitarbeiter. Auf Seiten der Russen, die ebenfalls Hunderttausende Menschen bei ihren Nachrichtendiensten beschäftigen, nennt der Verfassungsschutz die zivile Auslandsaufklärung SWR, die militärische Auslandsaufklärung GRU mit der Fledermaus im Sigel und den Abwehrdienst FSB, der unter anderem Internet-Spionage betreibt. Mitarbeiter dieser Mega-Behörden nehmen Projektbüros, Zulieferer und produzierende Unternehmen der Rüstungs-, Luft- und Raumfahrtbranche ins Visier – aber auch Firmen aus den Branchen Energie, Biotech, Chemie und der Autoindustrie. Zunehmend gerät auch der Bankensektor in den Fokus der Dienste. Von Interesse sind nicht nur Fertigungstechniken oder Blaupausen, sondern zunehmend auch Marktdaten, Absatzstrategien, Informationen über Preise, Kalkulationen oder patentierte Designstudien.

Besonders kleine- und mittelständische Firmen vernachlässigten den Schutz, kritisiert Even: „Als Folge der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise wird bei vielen Unternehmen bedauerlicherweise allzu häufig auf dem Gebiet der Sicherheit der Rotstift angesetzt.“ Beim Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) sieht man das ähnlich: „Sicherlich wird die Gefahr, Opfer von Wirtschaftsspionage zu werden, von vielen Unternehmen immer noch unterschätzt. Ich halte das angesichts einer Schadenssumme von bis zu 50 Milliarden Euro jährlich für fahrlässig, um nicht zu sagen: sträflich“, sagt BVMW-Präsident Mario Ohoven. Zugleich lobt er solche Unternehmen, die ihre Sicherheit nicht nur auf Aspekte des Internet beschränken. Eine Firewall und ein Virenscanner reichten eben nicht. „Oft genug beginnt es mit einem scheinbar harmlosen Plausch am Rande eines Fachkongresses, bei dem professionelle Informationsbeschaffer dann gezielt Firmenmitarbeiter aushorchen“, berichtet Ohoven. Entscheidend sei, dass die Unternehmer sensibilisiert werden.

Die großen Konzerne mit weltweiten Kontakten verfügen – anders als die Mittelständler – über eigene Sicherheitsabteilungen, die auch mal 80 bis 100 Personen stark sein können. Geld ist also da. Allerdings kämpfen die Sicherheitsexperten der Konzerne oft mit Akzeptanzproblemen in ihren eigenen Häusern, beobachten die Verfassungsschützer. Das Thema Sicherheit werde von anderen Abteilungen als lästig empfunden.

Aufgabe des dem Ministerium unterstellten BfV ist es übrigens nicht, Spione ausfindig zu machen und sie der Staatsanwaltschaft zu übergeben. Die Verfassungsschützer konzentrieren sich auf die Prävention. So bietet die Behörde unter anderem kostenlose Workshops an, bei denen Referenten den Unternehmen erklären, worauf sie achten sollen: Welcher Mitarbeiter hat Zugriff zu welchen Daten? Muss jeder Mitarbeiter auf Dienstreisen nach China oder Russland wirklich seinen Rechner mitnehmen? Wo sind die Sicherheitslücken bei Handys, im Inter- oder Intranet? 70 Veranstaltungen vor insgesamt 3000 Zuhörern waren bot das BfV 2009 an. Für dieses Jahr sind 80 bis 90 Veranstaltungen geplant. Die Spionageabwehrexperten erreichen damit aber nur einen Bruchteil der möglichen Opfer.

In Einzelfällen treten Unternehmer auch von sich aus an den Verfassungsschutz heran, wenn sie fürchten, Ziel einer Spionageattacke geworden zu sein. So habe sich ein größeres Industrieunternehmen gemeldet, erzählt Even. Eine Reihe gut ausgebildeter Chinesinnen, fachlich durchaus kompetent, hatte mit der Zeit Schlüsselpositionen in dem Unternehmen erlangt. Zwar konnte man keiner der Damen nachweisen, dass sie vertrauliche Informationen verkauft hatte. Gleichwohl zog das Unternehmen es vor, einige der Chinesinnen innerhalb des Unternehmens zu versetzen. Sicher ist sicher.

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