Wirtschaftsverbände : Der BDI wird grün, grüner, am grünsten

Der designierte Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf kommt aus der Umweltpolitik – und das ist Programm.

Moritz Döbler
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An der Basis: Minister Werner Schnappauf wirbt für richtige Ernährung. -Foto: dpa

BerlinDa sitzen die beiden Pannenonkel, wie sie eine als industriefreundlich geltende Zeitung tituliert hat, an dem piekfein gedeckten Tisch im „Lindenzimmer“ des Adlon-Hotels und geben vor, die Welt nicht mehr zu verstehen. Dass niemand diese Personalie als Aufbruchsignal wahrgenommen hat! Dass alle nur Kritik äußern! Einer Handvoll Hauptstadtjournalisten wird nun Gelegenheit gegeben, Werner Schnappauf, den designierten Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), bei einem Abendessen kennenzulernen. Präsident Jürgen Thumann ist des Lobes voll und sucht die Weine aus.

Die Krisen-PR ist nötig. Denn neben „Pannenonkel“ haften Schnappauf schon diverse Schmäh-Etiketten wie „Leichtgewicht“ und „Populist“ an, obwohl er seinen neuen Job erst in gut zwei Wochen antritt. Kern der Kritik: Schnappauf, der bayerische Umweltminister, sei ein Provinzling und bundesweit allenfalls negativ in Erscheinung getreten. So hat er den Abschuss des Bären „Bruno“ vor einem Jahr zu verantworten, und auch in Sachen Gammelfleisch gibt es Kritik. Dass er mit seinem Abschied aus Bayern einer Kabinettsumbildung zu seinen Lasten zuvorkomme, weist er als abwegig zurück.

„Ich weiß um die Vorbehalte“, sagt er und ist sichtlich bemüht, seine neuen Gesprächspartner für sich einzunehmen. Eine freundliche Berührung hier, ein charmantes Lächeln da und stets die Frage nach der Herkunft des Gesprächspartners. Schnappauf kommt aus der Politik, jetzt ist wieder Wahlkampf. Und in mindestens einem Punkt hat er objektiv Recht: Dass der 54-Jährige bisher Umweltpolitiker war und dieser Umstand etwas für die Ausrichtung des Lobbyverbandes bedeuten könnte – das ist bisher tatsächlich weitgehend untergegangen.

Die neue Botschaft lautet: Der BDI soll grüner werden, der Klimawandel ist das Thema der Zukunft. „Für den Industriestandort Deutschland verbindet sich damit eine Megachance“, sagt Schnappauf. Seit drei Jahrzehnten sei er Mitglied des Bundes Naturschutz in Bayern, schon in der Jungen Union habe er auf Umwelt gesetzt. „Das war immer ein Nischenthema, selbst unter der rot-grünen Regierung.“ Erst Bundeskanzlerin Angela Merkel habe es auf die internationale Agenda gehoben. „Das deckt sich mit den Interessen der Industrie“ ergänzt Thumann.

Schnappauf versteht etwas vom Fach. „Wir sind am Übergang vom Kohlenstoffzeitalter zu einem Nicht-Kohlenstoffzeitalter“, doziert er. Den einstigen Landrat von Kronach lässt der promovierte Jurist nicht raushängen, sondern berichtet lieber von Reisen nach Indien und China, von fernen Konferenzen und beeindruckenden Gesprächspartnern. Eine Rede des früheren indischen Premiers Atal Bihari Vajpayee hat sich ihm eingeprägt, der damit drohte, dass sein Land die Industrialisierung ähnlich umweltschädlich vorantreiben könne, wie es der Westen 150 Jahre lang getan habe, wenn ihm nicht geholfen werde. „Das ging unter die Haut“, sagt Schnappauf.

Von einer engen Beziehung der Herren Thumann und Schnappauf ist nicht die Rede. Man kenne sich seit Jahren, sei sich zum Beispiel in Wildbad Kreuth bei einer CSU-Klausur begegnet, berichtet der Präsident freundlich. Wen er sonst noch auf seinem Zettel hatte, will er nicht preisgeben. Dass sein erster Kandidat, der CDU-Politiker Norbert Röttgen, demontiert wurde, ärgert ihn ebenso wie der Umstand, dass Staatssekretär Bernd Pfaffenbach anhaltend als Kandidat gehandelt wurde. Es war ein Tohuwabohu – Vorgänger Ludolf von Wartenberg wollte erst verlängern, trat dann aber „aus persönlichen Gründen“ von diesem Plan zurück, erinnert sich Thumann.

Anfang August – also erst vor einem Monat – klingelte bei Schnappauf das Telefon. Ob er sich vorstellen könne, aus der Politik auszusteigen, fragte Thumann. Der Minister ließ sich mit der Zusage etwas Zeit, aber geehrt fühlte er sich gleich. „Es ist ein wuchtiges Signal, wenn ein Wirtschaftsverband – der Wirtschaftsverband! – einen Umweltmann holt.“ Es folgte eine Reihe von Gesprächen, Thumann musste auch Frau Schnappauf persönlich überzeugen – eine Tochter macht im nächsten Frühjahr Abitur, erst dann will die Familie nach Berlin umziehen.

Der Präsident sieht die geplante Berufung Schnappaufs als Chance, wieder positiver wahrgenommen zu werden. Die Schlagzeile „Jürgen allein zu Hause“, mit der seine angebliche Isolation innerhalb des Verbands beschrieben werden sollte, stößt ihm bitter auf. „Ich habe ständig acht Vizepräsidenten um mich.“ Und überhaupt: „Es gibt keinen Wirtschaftsverband in der Welt, der so viel Einfluss und Ansehen genießt wie der BDI.“

Dass der BDI auch künftig Greenpeace keine Konkurrenz macht, unterstreicht Thumann schon auch. Die Industrie wolle etwas gegen den Klimawandel tun, aber sie dürfe nicht überfordert werden – das ist seine Botschaft. „Denken Sie an die Kosten! Es muss doch für uns alle bezahlbar bleiben.“ Und auch Schnappauf verweist bei aller Liebe zur Umwelt auf seinen politischen Kompass, wie er es nennt: „Ich bin Mitglied der CSU und komme aus der Heimat von Ludwig Erhard.“

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