Wirtschaftsvortrag : Gregor Gysi: Ein Marxist besucht Berliner Kapitalisten

Der Linken-Fraktionschef kommt zu einem Frühstück mit Unternehmern. Dabei erntet er vor allem eines: Gelächter.

Corinna Visser

Berlin - „Es gibt eine Zukunft der Marktwirtschaft, selbstverständlich“, sagt Gregor Gysi. Das ist bestimmt eine beruhigende Botschaft für die Zuhörer im Berliner Ludwig-Erhard-Haus. Es sei aber ein Missverständnis, dass Marktwirtschaft gleich Kapitalismus sei, fügt der Fraktionschef der Linken hinzu. Privateigentum mache Sinn. „Aber wo wir drüber nachdenken müssen, ist, wie wir die Belegschaften besser beteiligen“, meint Gysi – und schlägt einen Anteil von 49 Prozent vor. Dafür gibt es im Publikum keinen Applaus. Auch sein Plädoyer für einen flächendeckenden Mindestlohn kommt schlecht an. Das sei doch Quatsch, kommentiert leise ein Zuhörer.

Früh aufstehen ist seine Sache nicht. Das gibt Gysi freimütig zu. Doch er enttäuscht seine Zuhörer beim wirtschaftspolitischen Frühstück der Industrie- und Handelskammer Berlin am Mittwoch nicht. Auch morgens um neun ist er unterhaltsam und schlagfertig. Großes Gelächter erntet er bei den 180 Vertretern der Berliner Wirtschaft für seine kurze Helmut-Kohl-Parodie. „Er ist ein Exot“, sagt einer aus dem Kfz-Gewerbe. „Aber er bleibt seiner Linie treu.“ Und Gysi weiß, wie er die Zuhörer für sich einnimmt.

Er verknüpft seine Botschaften geschickt mit Vorschlägen, die auch den Wirtschaftsvertretern gefallen. „Warum Umsatzsteuer bereits abgeführt werden muss, wenn noch gar kein Geld geflossen sei, das verstehe ich nicht“, ruft er – und bekommt erneut Applaus. In Zeiten der Finanzkrise muss er auch nicht mit Widerspruch rechnen, wenn er sagt: „Wir stehen vor einer Reform des Kapitalismus.“ Die Reform stellt sich Gysi vor allem so vor, dass die Politik künftig wieder mehr zu sagen hat. Wer etwa einen Rettungsschirm für die Banken aufstelle, müsse dafür sorgen, dass der Steuerzahler am Ende auch an den Gewinnen beteiligt werde. „Wo Geld hinfließt, muss Eigentum entstehen.“ Auf nationaler Ebene fordert er, die Privatisierungen der vergangenen Jahre wieder zurückzudrehen. Als Beispiele nennt er Bildung, Energie, Wasserversorgung, Gesundheit. Erleichtert stellt IHK-Präsident Eric Schweitzer, der den Berliner Entsorger Alba führt, am Ende fest, dass Gysi seine Branche nicht erwähnt hat.

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