Wirtschaft : Wirtschaftsweise klagen über „vergiftetes Klima“ Vorsitzender Wiegard kündigt Rückzug an

Carsten Brönstrup

Berlin - In Deutschlands renommiertestem Professorenrat für Wirtschaftsfragen, den „Fünf Weisen“, gibt es heftigen Streit. Peter Bofinger, auf Wunsch der Gewerkschaften im Frühjahr in das Gremium berufen, hat mit seiner Arbeitsweise und seinen Ansichten offenbar den Zorn der Kollegen auf sich gezogen. Auch deshalb will nun der Ratsvorsitzende Wolfgang Wiegard die Leitung 2005 ablegen und 2006 ganz ausscheiden. Bofinger habe oft „sachlich sehr falsch“ gelegen und das „Klima vergiftet“, verlautete am Donnerstag aus Kreisen des Rats.

Die „Fünf Weisen“ legen im Auftrag der Bundesegierung einmal pro Jahr ein Gutachten über die Entwicklung der Wirtschaft vor. Ernannt werden die Professoren vom Bundespräsidenten. Der Würzburger Bofinger, der 2004 erstmals an der Expertise beteiligt war, plädiert dafür, mit einer stark auf die Gesamtnachfrage fokussierten Politik die Konjunktur anzuregen.

Bei seinen angebotsorientierten Kollegen ist er damit angeeckt. „Die Zusammenarbeit im Rat ist schwieriger geworden“, sagte Wiegard jetzt dem „Rheinischen Merkur“. „Da stoßen Denkmodelle aufeinander, die in fast allen Bereichen völlig unvereinbar sind.“ Auch früher seien Diskussionen im Rat sowie Minderheitsvoten normal gewesen. „Aber es wurde nie mit der Schrotflinte auf alle Bereiche geschossen, in denen man kein Experte ist.“ Bofinger verstehe zwar viel von Währungspolitik, „aber dazu finden Sie im Gutachten kein einziges Wort“. Dafür habe er sich zur Steuerpolitik geäußert, „wovon er erwiesenermaßen überhaupt nichts versteht“. Anders als üblich will der in Regensburg lehrende Wiegard seine fünfjährige Amtszeit daher nicht verlängern.

Auch andere Ratsmitglieder kritisierten Bofinger. Er habe durch sein Festhalten an Extrempositionen „das Klima total vergiftet“ und zu dem 840 Seiten starken Gutachten kaum etwas beitragen können, sagte einer der Experten dieser Zeitung. Das habe „Sand ins Getriebe“ des Gremiums gestreut. Die Diskussion unter den Professoren soll der 50-Jährige mit „plakativen Sprüchen wie bei Sabine Christiansen“ aufgehalten haben. Zudem seien seine Minderheitsvoten „sachlich sehr falsch“. Auf Unmut stießen auch Bofingers zahlreiche Interviews sowie das Erscheinen seines neuen Buches kurz nach Veröffentlichung des Gutachtens. Damit habe sich Bofinger unnötig festgelegt. Im Januar wollen die vier Professoren mit Bofinger in einer Sitzung „alte Rechnungen begleichen“. Bofinger war am Donnerstag für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

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