• Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz über das Bündnis für Arbeit - "Meinen Optimismus habe ich längst begraben"

Wirtschaft : Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz über das Bündnis für Arbeit - "Meinen Optimismus habe ich längst begraben"

Herr Professor Franz[im Bündnis für Arb]

Wolfgan Franz ist Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und lehrt Volkswirtschaft an der Universität Mannheim. Fünf Jahre lang saß der 59-jährige Wirtschaftswissenschaftler im "Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung", dem sogenannten Rat der fünf Weisen. Ende Februar schied er aus, nachdem die Gewerkschaften sich gegen eine Verlängerung seiner Amtszeit ausgesprochen hatten. Mit dem Arbeitsmarktexperten sprach Maren Peters.

Herr Professor Franz, im Bündnis für Arbeit scheint alles auf die Rente mit 60 hinauszulaufen. Ist das der richtige Weg?

Ich halte die Rente ab 60 prinzipiell für falsch. Es bringt nichts, ein scheinbar gegebenes Arbeitsvolumen von Alt nach Jung umzuverteilen.

Was raten sie stattdessen?

Es ist sinnvoller, eine vernünftige Wachstumspolitik zu betreiben und auf diesem Weg für mehr Beschäftigung zu sorgen. Das würde dazu führen, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesteigert wird. Dass das geht, haben wir in den USA gesehen. Voraussetzung für mehr Beschäftigung ist die Senkung der Lohnstückkosten.

Dann ist der Vorschlag, der jetzt als Kompromiss verkauft wird, eine Nullnummer?

Ich halte es für vollkommen richtig, die Lohnkosten unterhalb des Produktivitätsfortschrittes zu halten, wie die Gewerkschaften das vorgeschlagen haben - aber nicht im Gegenzug für die Zustimmung der Arbeitgeber zur Rente ab 60. Nur so können die Lohnzusatzkosten gesenkt werden, die mindestens eine ebenso große Belastung für die Dynamik auf dem Arbeitsmarkt sind wie die Lohnentwicklung selbst.

Halten Sie die Idee, dass Arbeitnehmer vorzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden, um Jüngeren Platz zu machen, grundsätzlich für falsch?

Nein, aber man sollte es den Arbeitnehmern selbst überlassen, ob sie früher aufhören wollen zu arbeiten. Das sollte eine freiwillige Entscheidung sein, und nicht per Zwang verordnet werden. Wir dürfen den Staat nicht schon wieder in die Pflicht nehmen, Kosten umzuverteilen. Der Staat täte stattdessen gut daran, eine glaubwürdig angelegte Unternehmenssteuerreform voranzutreiben. Die Unternehmen müssen durch eine Reform des Steuersystems und der Sozialversicherungssysteme spürbar entlastet werden.

Was spricht für eine freiwillige Regelung?

Wenn Arbeitnehmer, sobald sie 60 sind, gezwungen werden, in Rente zu gehen, werden sie einer anderen Beschäftigung nachgehen. Das führt dazu, dass sie trotzdem weiterarbeiten, aber das vielleicht für sich behalten. Dadurch wird die Schwarzarbeit gefördert.

Was wäre denn die Alternative zu der Rente ab 60?

In Baden-Würtemberg gibt es einen Modellversuch, in dem arbeitslose Sozialhilfeempfänger die Möglichkeit erhalten, zu ihrer Sozialhilfe etwas hinzu zu verdienen, ohne dass dies gegengerechnet würde. Dieses Modell setzt bei den Arbeitnehmern an. Es gibt ihnen Hoffnung, wieder in den normalen Arbeitsmarkt hineinzuwachsen.

Glauben Sie, dass eine solche Lösung im Bündnis für Arbeit eine Mehrheit finden könnte?

Dazu möchte ich lieber keine Prognose abgeben.

Geben Sie dem Bündnis für Arbeit überhaupt noch eine Chance?

Ich glaube, es wäre besser, die Beteiligten würden das Bündnis beerdigen. Sie haben ein Jahr Zeit gehabt, sich Konzepte zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu überlegen. Aber sie haben nur analysiert, herausgekommen ist bisher kaum etwas. Meinen Optimismus jedenfalls habe ich längst begraben.

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