Wirtschaft : WM 2006 lässt Berliner Kaufleute kalt

Das Fußball-Ereignis soll der Stadt eine halbe Milliarde Euro bringen – doch die Wirtschaft reagiert nicht

André Görke

Berlin - Als die Teller und die Biergläser gefüllt waren, zeigte die Berliner Wirtschaft endlich Engagement. „Typisch Berlin“, sagte ein Firmenchef aus der Baubranche. „Wir reden zwei Stunden über die Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Wir wollen alle davon profitieren, aber Einsatz zeigen wir wieder mal sehr spät.“

Die Worte klingen wie ein Resümee des Informationsabends der Industrie- und Handelskammer (IHK), die am Donnerstag zum Thema Fußball-WM in Berlin geladen hatte. IHK-Präsident Eric Schweitzer – ein gebürtiger Rheinländer wohlgemerkt, das ist hier wichtig – hatte in seiner Begrüßung vor 600 Berliner Unternehmern gewitzelt, dass „wir so viel erfahren werden wie auf einer Karnevalssitzung“. Er sollte recht behalten.

Knapp eineinhalb Jahre sind es noch bis zur WM 2006, und die Hauptstadt wird im Mittelpunkt des Turniers stehen. In Berlin findet die Eröffnungsfeier am 8. Juni 2006 statt, sechs WM-Spiele – darunter am 9. Juli 2006 auch das Finale mit der anschließenden Abschlussparty vor dem Brandenburger Tor – werden hier ausgetragen. Die IHK geht in ihrer aktuellsten Studie davon aus, dass während der WM rund 385 Millionen Euro zusätzlich in die Kassen der Berliner Unternehmen fließen werden. Weitere bis zu 100 Millionen Euro würden Hotels und Pensionen an der WM verdienen. „Das wird ein konjunktureller Adrenalinstoß für die Stadt“, sagte Bernd Schiphorst, Chef der Berliner Filiale des WM-Organisationskomitees (OK).

Experten von Universitäten und Banken sind sich einig, dass die Wirtschaft in Deutschland enorm von der WM profitieren wird. Die Postbank – ein Sponsor des Turniers – geht in ihrer neuesten Studie davon aus, dass rund um die WM 2006 neun bis zehn Milliarden Euro für Investitionen, Konsum und Werbung fließen. Das Bruttoinlandsprodukt werde um 0,5 Prozent steigen, sagte IHK-Präsident Schweitzer: „Die Prognosen versetzen mich in gute Laune.“

Das war am frühen Abend, und da waren die vielen Unternehmer auch noch voller Hoffnung. Sie wollten wissen, wie sie von der WM profitieren und wie sich einbringen können. Zumindest stand das so in der Einladung. Als es allerdings zur geplanten Podiumsdiskussion mit hochrangigen WM-Vertretern der Stadt Berlin, des OK und des Fußball-Weltverbandes Fifa kommen sollte, stellten die Berliner lediglich eine Frage: Ob mit den Einnahmen die Löcher der Berliner Straßen geflickt werden. „Ich hatte mit mehr Tumulten gerechnet“, sagte ein WM-Vertreter. „Die Berliner sehen anscheinend gar nicht, was für eine Chance auf sie zukommt.“ Und auch Gregor Lentze, Chef der Fifa-Marketingabteilung aus München, klagte, dass die Berliner Wirtschaft „überraschend verhalten“ war. 600 Vertreter, „die wichtigsten Bosse Berlins“, sagte ein hochrangiger Berliner Veranstalter, „und wir haben keine anderen Fragen oder Sorgen als so ein paar Löcher im Straßenbelag“.

Drei Millionen Touristen werden während der WM 2006 in Deutschland unterwegs sein, eine Million kommt aus dem Ausland. Doch vielen Berliner Unternehmen ist offenbar noch immer unklar, wie sie profitieren können. Die Fifa warnt immer wieder scharf vor „Ambush Marketing“. Darunter verstehen Marketingexperten den Versuch von Unternehmen, den Eindruck zu erwecken, sie seien offizieller Sponsor der WM. Tatsächlich dürfen Unternehmen die offiziellen Logos und Schriftzüge nicht in ihrer Werbung verwenden. „Wir schützen so weit wie notwendig, nicht so weit wie möglich“, sagt zwar Fifa-Marketingchef Lentze. Viel mehr als das Backen von „WM-Brötchen“ oder das Mixen von „WM-Cocktails“ ist nicht erlaubt. Diese Beispiele nannte jedenfalls der WM-Sprecher des Berliner Senats, Jürgen Kießling.

Irgendwann lachten die Unternehmer, als sie hörten, was alles nicht erlaubt ist. Außerdem, so klagten Firmenvertreter später, seien die „dicken Aufträge ja eh schon vergeben“. Mehr als 1,5 Milliarden Euro wurden in den Bau der zwölf WM-Stadien investiert. Die Verkehrsprojekte sind weitgehend fertig. Für die Berliner Baubranche könnten immerhin „temporäre Bauten“ noch interessant werden. So werden auf dem Maifeld hinter dem Olympiastadion riesige Zeltstädte samt Infrastruktur entstehen, in denen sich während der WM bis zu 30000 Vertreter aus Wirtschaft, Medien und prominente Gäste aufhalten werden.

Ideen der Wirtschaft sind gefragt, aber von denen war bei der Veranstaltung wenig zu hören. Es lief vor allem auf das Wirtschaftsengagement am Rande der öffentlichen Leinwände hinaus, auf denen die Fans gemeinsam Fußball schauen können. So soll in zehn Tagen feststehen, ob ein lokaler Biersponsor sein Produkt etwa vor dem Brandenburger Tor anbieten darf. Marken wie Beck’s scheiden aus, weil sie global agieren und eine Konkurrenz zum offiziellen WM-Sponsor Anheuser Busch, dem US-Produzenten der Marke „Budweiser“, darstellen. Lokal müssen sie sein, so wie die Brauer von Berliner Kindl, die passenderweise den Bierstand im Foyer des Ludwig-Erhard-Hauses aufgebaut hatten.

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