Wirtschaft : WM-Sponsoren schießen Eigentor

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen kostenloser Eintrittskarten / Jetzt werden die Unternehmen vorsichtig

Robert Ide[Maren Peters],Anselm Waldermann

Berlin - Einen Monat vor dem Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft weitet sich die Affäre um kostenlose Tickets für Politiker aus. Die seit Monaten andauernden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Karlsruhe gegen baden-württembergische Landespolitiker würden „intensiv vorangetrieben“, sagte ein Sprecher der Behörde, die wegen des Verdachts der Vorteilsannahme gegen mehrere Politiker ermittelt. Sie sollen von WM-Sponsoren kostenlos zu Fußballspielen eingeladen worden sein. Auch gegen EnBW-Chef Utz Claassen, dessen Firma Karten anbot, wird ermittelt. Ein Verfahren gegen den Landtagspräsidenten Peter Straub (CDU) wurde mittlerweile eingestellt.

15 internationale und sechs nationale WM-Sponsoren, darunter EnBW, haben das Vorrecht auf 550 000 von 3,2 Millionen WM-Karten. Ein Teil der Karten geht an Mitarbeiter der Firmen, viele werden verlost.

Nach Bekanntwerden der Ermittlungen gegen EnBW und die von dem Unternehmen Begünstigten werden Geschäftsleute offenbar vorsichtiger – aus Angst vor möglichen Ermittlungen. „In einigen Fällen hat das dazu geführt, dass Unternehmensvertreter ihre Tickets selbst bezahlen wollen“, sagte ein Sprecher der Deutschen Post. Die Postbank ist WM-Sponsor, sie will das Geld spenden. Der WM-Sponsor verteile insgesamt 2000 bis 3000 WM-Tickets an Geschäftspartner, nicht aber an Politiker. Auch dem WM-Sponsor Coca-Cola haben Geschäftspartner in Einzelfällen angeboten, das WM-Ticket selbst zu bezahlen.

Andere Unternehmen wie die Fluggesellschaft Emirates, McDonald’s oder EnBW-Konkurrent Vattenfall vergeben bewusst keine Tickets an Politiker. „Wir laden definitiv keine Mandatsträger ein“, sagte Vattenfall-Chef Klaus Rauscher.

Die Korruptionsexperten von Transparency International raten Amtsträgern grundsätzlich davon ab, WM-Tickets anzunehmen. Eine Ausnahme müsse aber für Repräsentanten des Staates oder einer Stadt gelten. „Es wird erwartet, dass ein Oberbürgermeister oder ein Sportdezernent ins Stadion gehen“, sagte Sylvia Schenk von Transparency International. Auch bei Unternehmen dürften Einladungen im Einzelfall akzeptiert werden, wenn dies der Kontaktpflege diene.

Korruptionsexpertin Birgit Galley, Geschäftsführerin der Berliner Beratungsfirma Forensic Management, rät Unternehmen dagegen, sehr restriktiv mit WM-Tickets umzugehen., „Sie sind auf der sicheren Seite, wenn sie das Angebot ablehnen.“ Amtsträgern in Politik und Verwaltung rät sie, sich beim Vorgesetzten abzusichern, ob die Annahme der Tickets in Ordnung ist. Theo Zwanziger, Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), gab zu, dass die Ermittlungen „eine gewisse Unsicherheit“ in Wirtschaft und Politik mit sich brächten, nicht alle Einladungen würden angenommen.

Das bestätigte auch Jürgen Hogrefe, der Generalbevollmächtigte von EnBW in Berlin. Einzelne Tickets seien sogar wieder zurückgegeben worden. Das Verfahren der Staatsanwaltschaft wies er entschieden zurück. „Sponsoring empfinden wir als Bestandteil unserer gesellschaftlichen Verpflichtung“, sagte Hogrefe. „Wenn dies nicht mehr möglich sein sollte, ist diese Art Weltmeisterschaft nicht möglich.“

Für hochrangige Politiker gibt es mehrere Möglichkeiten, ins Stadion zu kommen. Für die höchsten Repräsentanten des Staates und Staatsgäste gibt es Ehrenkarten. Zu diesem Zweck hat die Bundesregierung ein „Protokollkonzept“ erstellt, in dem 79 Personen aufgeführt sind. Dem Dokument zufolge, das dem Tagesspiegel vorliegt, gehören dazu neben dem Bundespräsidenten und den Kabinettsmitgliedern auch die Partei- und Fraktionschefs der im Bundestag vertretenen Parteien sowie alle Minister- und Landtagspräsidenten.

Auch das deutsche WM-Organisationskomitee (OK) und der Fußball-Weltverband Fifa können Karten weitergeben. Diese sollen vor allem an Mitarbeiter gehen, die die WM in den Behörden vorbereiten. „Wichtig dabei ist, dass die Einladungen von den Vorgesetzten der Karteninhaber genehmigt werden“, sagte Theo Zwanziger, DFB-Präsident und Vize des OK. „Wie Sponsoren mit ihren Karten umgehen, können wir allerdings nicht beeinflussen.“ Zusätzlich haben die WM- Städte Kaufkarten angeboten bekommen, die sie an Helfer und Politiker weitergeben können. In Berlin handelt es sich um 2370 Karten, die zu Preisen zwischen 35 und 600 Euro „verdienten Persönlichkeiten der Stadt“ angeboten werden.

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