Wirtschaft : WM-Übertragung: Der Wettlauf um die Rechte führte in die Pleite

dbi/tmh

Die Zahlen waren in den letzen Jahren in den Himmel gewachsen: Zuerst waren es Millionen, dann Hunderte von Millionen und schließlich in den lukrativsten Fällen sogar Milliarden Dollar, die die in der Schweizer Steueroase Zug angesiedelte Sportrechtegesellschaft ISL einzelnen Sportverbänden und Veranstaltern für die Abtretung der Werberechte zusicherte. Zum Hauptgeschäft der ISL gehörte die Vermarktung der Fußball-Weltmeisterschaften (Ausnahme: TV-Rechte für Europa und die USA), die ATP-Serie im Männer-Tennis sowie die Leichtathletik-Sportfeste. Doch nun ist die Seifenblase geplatzt: Vor allem das Engagement im Tennis stellte sich als nicht refinanzierbar heraus, dazu kamen überhöhte Verpflichtungen im einst gepriesenen brasilianischen Fußball sowie in der US-Rennwagenmeisterschaft.

Die Zuger Sportvermarkter dürften im vergangenen Jahr über eine halbe Milliarde Franken Schulden eingespielt haben. Das Loch ist so groß, dass auch der potenzielle Retter, der französische Mischkonzern Vivendi Universal, vor der Übernahme der ISMM-Gruppe, zu der die ISL gehört, zurück schreckt. Der französische Konzern, zu dem diverse TV-Kanäle gehören, war im April für die Löhne des Personals aufgekommen. Nach der Absage Vivendis scheint der Konkurs des noch im Vorjahr auf einen Börsenwert von bis zu zwei Milliarden Franken geschätzten Unternehmens unvermeidlich. Ein Vertreter der von den Zuger Behörden eingesetzten Sachwalterin Ernst & Young wird nach eigenen Angaben den Richtern in Kürze empfehlen, den Konkurs zu eröffnen.

Michael Payne, ein ehemaliger ISL-Mitarbeiter, der später für das Internationale Olympische Komitee (IOK) eine eigene Marketing-Agentur aufgebaut hat, sagte in einem Interview, dass die größeren Verbände die Vermarktung ihrer Veranstaltungen künftig wieder vermehrt in die eigenen Hände nehmen könnten. Das IOK werde seine eigenen Erfahrungen an die Mitgliedsverbände weiter leiten und beratend zur Seite stehen. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass für diverse Sportverbände die goldenen Jahre mit schier unbegrenzten Wachstumsraten zu Ende gehen dürften.

Der Internationale Fußballverband (Fifa) hat bereits Schritte in Richtung Autonomie unternommen. Angesichts der drohenden ISL-Pleite gründete die Fifa im April ein eigenes Unternehmen, das die Vermarktung der 2002 anstehenden WM nun weitgehend selbst abwickeln könnte.

Kirch hat Option auf TV-Rechte

Was die TV-Rechte im Fußball und anderswo betrifft, steht insbesondere Kirch in den Startlöchern. Für die Münchener Mediengruppe ergeben sich aus dem ISMM-Bankrott neue Geschäftsmöglichkeiten. Es bestehe in der Tat eine Option auf die bei den Schweizer ruhenden Rechte für die Fußball-WM 2002 und 2006, bestätigte ein Kirch-Sprecher am Freitag auf Anfrage. Derzeit werde geprüft, ob der Münchner Rechtehändler sie wahrnimmt, wovon Branchenkenner ausgehen.

Die Verträge zwischen Kirch, ISMM und Fifa erlauben dafür eine Frist von 30 Tagen. ISMM war bislang für die WM-Vermarktung außerhalb Europas und der USA zuständig. Für diese Regionen hatte Kirch die Rechte übernommen. Wenn der Medienunternehmer Leo Kirch die Option wahrnimmt, würde das seine Gruppe nochmals 1,4 Milliarden Schweizer Franken kosten, das entspricht dem früheren Preis für die Europa-Rechte. Für die Münchner wäre das ein wichtiger Schritt in die Internationalisierung, sagte ein Kirch-Sprecher. Bislang ist der Medienkaufmann vor allem in Europa eine bestimmende Marktmacht. Das Know-how für eine außereuropäische Vermarktung sei aber vorhanden, versichert Kirch. Zudem könne man ISMM-Personal übernehmen. Eine Übernahme des gesamten, maroden Rechtevermarkters hatte Kirch nach einem Blick in die Bücher der Schweizer abgelehnt. Auch an anderen, bei der ISMM über die WM hinaus ruhenden Rechte bestehe kein Interesse, sagte ein Unternehmenssprecher.

0 Kommentare

Neuester Kommentar