Wirtschaft : Wo Aktien schon vor dem Erscheinen gehandelt werden

Bernd Hops

Privatleute können nur über ihre Hausbank Geschäfte machenBernd Hops

Regelmäßig macht sich bei Anlegern Enttäuschung breit - nämlich immer dann, wenn sie bei Neuemissionen nicht zum Zuge gekommen sind, keine Zuteilung der neuen Aktien erhalten haben. Dabei gibt es die Möglichkeit, Aktien im Vorfeld eines Börsenganges nicht nur zu zeichnen, sondern bereits auch zu kaufen. Im so genannten "Handel per Erscheinen" oder Graumarkt werden bei Börsenmaklern die Papiere kommender Parkettneulinge umgesetzt, sobald die Konsortialbanken mit der Bookbuilding-Spanne erste Kurse vorgeben. Ebenfalls im Angebot sind Optionsscheine, Anleihen und sonstige Wertpapiere.

"Diesen Handel gibt es seit Jahrzehnten im In- und Ausland", sagt Hans-Joachim Plückers, Vorstandsmitglied des Börsenmaklers Schnigge AG. Allerdings nahmen nur Banken und Makler daran teil. "Das lief nur unter Profis ab. Bis vor zehn Jahren war der Handel per Erscheinen eine geschlossene Veranstaltung", erklärt Plückers. Doch das hat sich geändert. Je bekannter dieser vorbörsliche Handel wird, desto mehr Kleinanleger interessierten sich dafür.

In den vergangenen Jahren ist der Anteil der Kleinaufträge am Graumarkt stark gestiegen. Direkt kaufen können Privatleute allerdings nicht, sondern müssen ihre Hausbank dazwischen schalten. Dabei ist es durch die wachsende Börseneuphorie zu Auswüchsen gekommen. "Manche Privatkunden wissen wohl nicht, was sie tun", vermutet Jörg Schwarz, Vorstandsvorsitzender des Börsenmaklers Lang & Schwarz. "Das erinnert mich ein bisschen an ein Spielcasino. Zu Beginn des Jahres wurden alle Neuemissionen kritiklos gezeichnet."

Der Handel ist besonders risikoreich

Dies strahlte auch auf den Graumarkt aus und stellt eine der Hauptgefahren für Aktienkäufe dar. In den vergangenen Jahren lag die Erstnotiz der vorbörslich gehandelten Aktien laut Schnigge zu etwa 80 Prozent innerhalb der letzten eigenen Handelsspanne. In diesem Jahr war die Quote wesentlich schlechter. Die Aktien von Openshop, einem Anbieter für Internetlösungen, wechselten bei Schnigge beispielsweise für bis zu 240 Euro den Besitzer. Am Frankfurter Neuen Markt zahlten die Anleger jedoch bisher nicht mehr als 130 Euro. Zurzeit notieren die Aktien des Unternehmens sogar nur bei 65 Euro. Beispiele für Gewinne gibt es zwar, aber der Handel per Erscheinen ist im Vergleich zum Börsenparkett besonders risikoreich.

Kritisch zu sehen ist die fehlende Transparenz. Zu den Umsätzen können keine detaillierten Angaben gemacht werden. "Da bräuchten wir eine ganze Statistikabteilung", sagt Plücker. Doch die veröffentlichten Graumarktpreise sind eigentlich nur dann aussagekräftig, wenn sie bei nennenswerten Umsätzen zu Stande gekommen sind. Außerdem ist immer unklar, wer hinter den Käufen und Verkäufen steht, denn gehandelt wird nur zwischen den Banken und Maklern. Dem Vorwurf der fehlenden Transparenz will Schnigge - wenigstens bei den Umsätzen - mit einer eigenen Handelsplattform im Internet, auf der der Handel per Erscheinen integriert wird, begegnen. "Wir hoffen, das bis zum Sommer realisieren zu können", sagt Plückers.

Manipulationen nicht ausgeschlossen

Dies wird jedoch nicht gegen Manipulationen schützen. Da die Auftraggeber der Banken im Dunkeln liegen, ist es möglich, dass Kurse gezielt beeinflusst werden. Bisher sind dadurch aber nach Angaben der Makler keine nennenswerten Probleme entstanden. Zur Sicherheit verpflichten sich die Konsortialbanken, bei Neuemissionen am Handel per Erscheinen nicht teilzunehmen. Auch ihre Kunden können über sie am Graumarkt nicht ordern. Ebenfalls ausgeschlossen sind in der Regel Altaktionäre.

Das Aktienangebot kommt dann aus Leerverkäufen, wenn Banken meinen, die Papiere zunächst teuer verkaufen und an den Börsen wieder günstig einkaufen zu können. Ausländische Banken erhalten teilweise bei Neuemissionen feste Kontingente, die sie jedoch bei ihrer Kundschaft nicht platzieren können. Über den Graumarkt können sie sich frühzeitig davon trennen.

Für Anleger, die nicht am Graumarkt teilnehmen, sind gleichwohl seine Kurse interessant. An Hand der gebotenen Preise können Rückschlüsse auf den zukünftigen Börsenerfolg der Aktien geschlossen werden - wenn auch in diesem Jahr nur begrenzt. Abzulesen ist, wie erfolgreich das Interesse an den neuen Unternehmen durch Werbung geschürt wurde. "Bei Infineon hatten wir hohe Umsätze, bei T-Online sehr hohe", sagt Schwarz. Die Werbeoffensiven der beiden Unternehmen wirkte nicht nur bei den Privatanlegern positiv, sondern auch bei den Profis. Und nicht zuletzt gibt der Graumarkt Hinweise auf die Verfassung der Börsen insgesamt. Ist die Stimmung gut, werden auch mutigere Gebote am Graumarkt abgegeben.

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