Wirtschaft : Wo das Geld zur Schule geht

Als Pfand hinterlegen Schüler ihre Rolex, zum Shoppen fahren sie im hauseigenen Bentley. Dafür müssen sie jede Woche einen Brief nach Hause schreiben, und nachts leuchtet ein Wachmann in alle Betten.

Es ist Morgen auf dem Rosenberg. Aus dem Ulrichshof am Höhenweg 58, CH 9000 St. Gallen, strahlt Jugendstil, ein chinesischer Diener glättet weißes Tuch über dunkles Holz und trägt dann Tassen auf, Teller, Besteck, Marmelade, Butterhörnchen für 268 Schülerinnen und Schüler, Croissants am Dienstag, Brötchen am Mittwoch, Wurst am Donnerstag. An der Fassade rankt falscher Wein, und in den Vorplatz ist ein Schild gepasst, glänzendes Messing, The Walk of Fame: Nobelpreisträger und „Prof. Mario J. Molina, Student at the Institut auf dem Rosenberg 1956/57, Joint Winner of the Nobel Prize for Chemistry 1995.“ Daneben, längst matt, „The Board of Directors“: Von 1889 bis in die Jetztzeit, über O. Gademann I., K. Gademann bis zu O. Gademann II.

Das Ziel unserer pädagogischen Bestrebungen, lobt das Institut auf dem Rosenberg in Prospekt und Internet findet sich in Heinrich Pestalozzis Worten: Leben zu lernen ist der Endzweck aller Erziehung. Pestalozzi, hölzern und speckig, steht auf dem Pult von O. Gademann II, Präsident des Verwaltungsrats, Sohn des Karl, Enkel des Otto I. Hinter dem Sessel des Nachgeborenen, Öl auf Leinwand, wacht Napoleon Bonaparte, Kaiser der Franzosen.

Otto Albert Ekkehard Gademann, 62, Direktor seit 32 Jahren, lacht aus rundem Gesicht: „Es ist mir zu blöd, Gerüchte zu dementieren oder zu bestätigen. Wenn ich gute Laune habe, pflege ich zu sagen: Wir sind eine Schule für die Schönen und die Reichen.“

Schwarzer Anzug, gelbe Krawatte, blaues Brusttuch, der Direktor fällt ins weiße Leder zurück und hat gute Laune.

– Stimmt es, Herr Gademann, dass Sie Schülern, die Sie belohnen möchten, einen Tag lang den hauseigenen Bentley überlassen?

– Das darf ich bestätigen.

– Stimmt es, dass ein Schüler auf dem Rosenberg seine Eltern im Jahr 30 000 Euro kostet?

Er lächelt sanft. „Mit 40 000 sind Sie bei den Leuten.“

Die Hausordnung auf dem Rosenberg, das Grundgesetz der Anstalt, ist 21 Seiten lang, es gibt sie auf Deutsch, Englisch und Russisch, Ordnung in der Freiheit – Freiheit in der Ordnung, Schüler und Eltern haben sie unterschrieben.

6 Uhr 55 Wecken, duschen, Betten zurückschlagen, Fenster öffnen

7 Uhr 30 Frühstück, anschließend Zimmer in tadellose Ordnung bringen und Bett machen

In Anzügen stehen die Knaben vor dem Speisesaal, der Jüngste acht, der Älteste 23, jeder mit Krawatte, die Mädchen in kurzem Rock. Sie drängen, vorbei an sechs Erziehern, in den hohen Speisesaal. Mischa, nicht mit diesen Schuhen.

An den Hemden der Erzieher, drei Männer, drei Frauen, prangt das Wappen von Rosenberg, Rose und Bär, alle Schülerinnen und Schüler müssen im Speisesaal und auf der Direktionsetage in sauberer und korrekter Kleidung erscheinen (Mädchen: Röcke oder Kleider, Jungen: Anzüge und Krawatten). Jeans, Turnschuhe, Kampf- und Armeekleidung wie auch übertriebene Hip-hop-Outfits gehören nicht auf das Institutsgelände. In geschlossenen Räumen trägt niemand eine Kappe oder einen Hut (oder andere Kopfbedeckung) – es sei denn, es handle sich um Königin Elisabeth II.

– Man erzählt sich in der Stadt, manche Ihrer Schüler lebten hier unter falschem Namen, Kinder von russischen Oligarchen, von arabischen Scheichs...

– Das ist die einzige Frage, die ich nicht beantworte. Es ist halt so, dass auf dieser Welt gewisse Personengruppen einem höheren Risiko ausgesetzt sind als andere, und es gibt x Möglichkeiten, sie zu schützen – ein neuer Name wäre eine davon.

Nun stehen sie vor ihren dunklen hölzernen Stühlen, 250 Kinder, die Erzieherin schüttelt eine Glocke, rosenförmig, es wird fast ruhig im Saal, dann schüttelt sie die Schelle wieder, es setzen sich die Mädchen, nach dem dritten Zeichen die Knaben, keine Piercings, keine Ohrringe, keine Bärte.

Vor der Tür verharren die zu spät Gekommenen und lachen und schimpfen, Strafe muss nicht sein: Der kluge Schüler weiß in sokratischer Einsicht, dass die Einhaltung der Hausordnung die Grundlage für den Erfolg bildet. Drinnen, auf dem weißen Konzertflügel, der neben dem runden Direktionstisch steht – rosa Rosen in der Mitte des Möbels –, liegt ein Stapel gelber Zettel, die Akten des Wächters, der nachts, mit Taschenlampe, Namensliste und Schreibzeug unterwegs, an alle Betten trat, jeder Schülerin, jedem Schüler ins Gesicht leuchtete, zur Prüfung, ob das Gebot der Nachtruhe gehalten sei, und ob in diesem Bett liege, wer in dieses Bett gehört. Der konservative Charakter unserer Schule erwartet von Schülerinnen und Schülern die allergrößte Zurückhaltung in der Zurschaustellung persönlicher Gefühle. Absolut unerwünscht ist die Anwesenheit der Schüler vor den Mädchenhäusern oder deren Fenstern.

Das Institut auf dem Rosenberg, hoch über St. Gallen, besteht aus 14 Gebäuden, die meisten davon Backsteinvillen, Ulrichshof, Nussbaum, Ekkehard, Niedersteig, Hochsteig, Stammhaus. Die Anlage ist 100 000 Quadratmeter weit, zwischen Nussbaum und Ulrichshof plätschern Wassersäulen, in sanftes Licht gekleidet, bis nachts um zehn.

Im Speisesaal streckt ein Knabe ein leeres Behältnis in die Luft, ein Bediensteter, lange dunkle Schürze, weißes Hemd, schwarze Weste, eilt herbei und bringt Nachschub, frische Gipfeli.

– Herr Gademann, ist Disziplin ohne Androhung von Strafe denkbar?

Er wiegt den schweren Kopf. „Solchen Formen bin ich noch nie begegnet.“

– Ihr Institut, heißt es, diszipliniert mit Geldstrafen.

– Das darf ich bestätigen. Generationen, die in Mercedes-Einheiten groß werden, verdienen es, in Mercedes-Einheiten bestraft und belohnt zu werden.

– Ein Beispiel, bitte.

– Die Geldstrafen, die wir verhängen – das Rauchen einer Zigarette zum Beispiel kostet 15 Euro –, erfolgen aus langer Tradition. Manche Schüler behaupten zwar: Das steckt mein Vater locker weg! Ich weiß aber, dass vermögende Eltern, wenn sie unsere Rechnung bekommen, in der Regel nur eine Position prüfen, die sogenannte Nachttaxe, also die Bußen für Unfug nach 21 Uhr 45.

Auf dem Rosenberg leben Kinder aus 40 Nationen, die meisten aus Deutschland, viele aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion, sie halten sich an elf verschiedene religiöse Bekenntnisse. Sie sind Schüler der Deutschen Abteilung oder der Englisch-Amerikanischen, der Schweizer oder der Italienischen.

Halb zehn Uhr vormittags. Sechs Knaben und zwei Mädchen sitzen im Englischunterricht an alten, steifen Tischen mit Tintenfass, rechts das Handy, links das Behältnis für Lippenstift und Puder, dazwischen das Lehrbuch, an der Wand, unter Glas, hängen alte Briefe an das Institut, abgeschickt in Tokio, Bogotá, Rio de Janeiro, Elisabethville, Belgisch Kongo. Eine Schreibunterlage liegt auf dem Tisch der Lehrerin, das Bild einer rosaroten Rose, es sitzt ein magnetischer Igel darauf, Büroklammern am rosa Leib.

80 Lehrer und Erzieher arbeiten hier, dazu 30 im Nebenamt, 50 Sekretärinnen, Köche, Kellnerinnen, Wäscherinnen, Hauswarte, ein eigener Architekt. Man besitzt sechs Kleinbusse, einen Bentley, einen Rolls-Royce, eine Stretched Limousine Cadillac, um nach Zürich-Kloten zu fahren, Eltern abholen, Gäste.

Es heißt, Jelzins Enkel sei hier Schüler gewesen.

Mindestens ein Heimbrief pro Woche muss in der Versandkontrolle vermerkt werden. Auf diesen wöchentlichen Brief haben die Eltern Anspruch, bis spätestens Donnerstag, 13 Uhr, muss er im Briefkasten der Hausmutter abgegeben werden. Das gilt auch für die Schülerinnen und Schüler, die jedes Wochenende nach Hause fahren. Wer keinen Brief abgegeben hat, verzichtet aufs Taschengeld.

Die Hausmutter, Haus Nussbaum, erster Stock, ruft den Kindern, wenn sie zum Arzt müssen, ein Taxi, sie bucht ihnen den Friseur und verwaltet ihre Pässe und Ausweise. Einige der Schüler, wenn ihnen nicht mundet, was die Hausküche vorsetzt, lassen aus der Stadt einen Döner kommen, per Taxi, oder eine Pizza. Manche, die in entfernten Häusern wohnen, fahren im Taxi zum Mahl, Haus Ulrichshof, Höhenweg 58, zwei Minuten, sie besitzen, um allzeit reisen zu können, gar die private Nummer des Fahrers.

Am Schlüsselbund einer Erzieherin hängen 42 verschiedene Schlüssel, kaum eine Tür auf dem Rosenberg, die nicht verschlossen ist, kein Haus, kein Korridor ohne Videoüberwachung.

Im Keller des Ulrichhofs lärmt eine Cafeteria, zwei Spielautomaten, Tischfußball. Umgangssprachen: Russisch, Englisch.

– Herr Gademann, nehmen manche Ihrer Schüler Drogen?

– Drogen sind nicht mehr so populär. Uns bedroht vielmehr die Magersucht. Aber darüber redet niemand in dieser Gesellschaft.

– Man sagt, Sie hielten Ihre Schülerinnen an, Magersüchtige zu denunzieren.

– Mädchen verstecken ihre Magersucht. Die Beobachtungen der Kameraden sind eine Hilfe.

Jede Schülerin und jeder Schüler ist verpflichtet, sich auf Anweisung einer Alcometerkontrolle (Feststellung des Blutalkoholwerts durch Blasen) oder einer Urinkontrolle (zwecks Überprüfung auf Drogenrückstände) vor Zeugen zu unterziehen. Zudem muss jeder Schüler damit rechnen, dass sein Zimmer nach unerlaubten Gegenständen kontrolliert wird.

Zum Mittagsmahl, 12 Uhr, tragen die Diener Hähnchen auf, Reis, Gemüse, Salat, zum Nachtisch Torte aus Quark. Muslime, Vegetarier, Trennkoster tafeln an eigenen Tischen. Und auf dem Konzertflügel, wie immer, liegen Listen, 268 Namen, eine Handynummer fast hinter jedem. Langsam wandern die Erzieher durch den Saal, kritzeln nieder, wer da ist, wer fehlt, suchen die Fehlenden auf ihren Apparaten zu erreichen.

Ein wohlerzogener Mensch bedient sich so, dass auch für die Kameraden noch etwas übrig bleibt. Er lässt keine Speisen auf dem Teller und keine Brotreste auf dem Tisch zurück.

Ein Knabe streckt ein leeres Behältnis in die Luft, der Kellner eilt.

Nach einer Viertelstunde ist verzehrt, es schellt die erlösende Glocke, Zähne putzen. Schülern, die Schwierigkeiten mit den Tischmanieren und der Zahnhygiene haben, wird eine Gouvernante zur Nacherziehung zugeteilt. Anschließend Aufenthalt im Freien, jedoch nicht auf den Durchgangsstraßen, sondern hinter den Häusern Nussbaum und Ulrichshof.

Alle fünf Jahre treffen sich Ehemalige zum Fest, tausend Menschen belagern den Berg zwischen 16 und 22 Uhr. Kurz vor Schluss brennt ein Feuerwerk, der Rosenberg glüht und platzt.

– Stimmt es, Herr Gademann, dass Samstag für Samstag in Altenrhein und Kloten Privatjets landen, um Ihre Schüler abzuholen, nach Paris oder Hamburg, Rom oder Bratislava?

– Ach, es wird übertrieben.

– Ist es sinnvoll, ein Kind in einer Welt heranzuziehen, in der es keine Armen gibt, keine Schwachen?

– Von außen betrachtet stimmt das. Aber auch unter den Reichen, das würde man nicht glauben, gibt es Unterschiede.

Herr Gademann kichert.

– Die Formen des brasilianischen Reichtums sind nicht die Formen des schwäbischen Reichtums. Ich nenne das den Prada-Effekt. Das ist, wenn ein Mädchen zum ersten Mal realisiert, dass es in Tutzing in Bayern in der gesellschaftlichen Achtung an erster Stelle stand, und nun, auf dem Rosenberg, eine Brasilianerin mit dem Prada-Täschchen kennenlernt. Ich glaube, sehr wichtig ist, dass man lernt, damit umzugehen. Das darf keinen Schockzustand erwirken.

In den langen Ferien steigen die Kinder vom Rosenberg und reisen nach Hause, Schweiz, Deutschland, Korea, Peru, Lettland, Estland, Ukraine, Qatar, Argentinien. Sind die Ferien zu kurz dafür, wallt die Gemeinde für zwei, drei Tage nach Genf oder Lugano und schaut sich die Fremde an. Oder man sucht die Berge heim und fährt Snowboard. Wer ein neues Brett braucht oder aktuelle Hüllen, meldet dies der Hausmutter oder einem Erzieher. Der kümmert sich darum. Wem der Anzug nicht mehr passt, der letztes Jahr noch 600 Euro kostete, belastet mit seiner Sorge einen Lehrer. Dann beheben sie den Mangel, es fehlt an wenig auf dem Rosenberg.

Es ist Nachmittag, halb fünf. Ein Erzieher schreitet durch St. Gallen, vom Café Seeger zur Alhambra zur Colony-Bar, Stadtkontrolle, und überführt ein Dutzend Kinder des Verbotenen, Alkoholkonsum ist erst ab 18 Jahren gestattet – nur für Jungen, außerhalb des Instituts, während der Ausgangszeit und in mäßiger Menge. Eine Alcometerkontrolle darf zum Zeitpunkt des Abendessens maximal 0,30 Promille ergeben.

In der Cafeteria schlingt einer Pizza, trinkt Red Bull oder Capri-Sonne, wer ein Kartenspiel möchte, hinterlegt der Kellnerin die Rolex als Pfand. Liegen gebliebene Sachen, steht über dem Tresen geschrieben, werden um 17 Uhr von Herrn Gademann entsorgt.

Höhepunkt des Jahres ist der Herbstball Ende November. Fast 1000 Menschen, die Herren im Smoking, die Damen in Robe, Eltern, Verwandte, sitzen in einer Halle der Ostschweizerischen Land- und Milchwirtschaftlichen Ausstellung, und ihre Kinder drehen im Walzertakt, stampfen Russian Turkish Power und Irish Flamenco, sie schwingen an Trapezen und turnen an Stangen und sausen kopfüber zu Boden, dass die Frauen kreischen, eine tiefe Stimme donnert ab Band, Ladies and Gentlemen, would you please welcome the Principal of the Institut auf dem Rosenberg and your host for tonight, Mr Otto A. E. Gademann.

Manchmal, wenn ein Erzieher zu einer Strafe ansetzt, wählt das Kind eine Nummer und streckt dem Lehrer das Handy hin, hier, besprechen Sie das mit Mama in Bukarest. Verweigert der Lehrer das Gespräch mit der Mutter, ruft diese die Direktion an, was ist los auf dem Rosenberg? Unser Sohn sagt, er habe seit drei Tagen nichts gegessen, weil ihm nichts schmeckte, bitte geben Sie ihm 300 Euro, damit er wieder mal was zu sich nimmt.

18 Uhr, Abendessen. Kalbsfilet mit hausgemachter Kräuterbutter, Salad de fruits, Listen auf dem weißen Flügel, wer fehlt?, Anrufe, Kim, wo bleibst du?

Messing auch im Speisesaal, die Ehren-Tafel. Schülerinnen und Schüler, die eine vorbildliche Haltung im Internat zeigen, werden ausgezeichnet. Die höchste Auszeichnung ist die Schuläbtin beziehungsweise Schulabt, nach anglikanischem Gebrauch Headgirl oder Headboy genannt. Es muss nicht immer der Primus sein, der ausgezeichnet wird, sondern der oder die, die in faustischem Ringen ihr höheres Selbst erstrebt.

„Das ist das Einzige, auf das ich ganz ganz stolz bin – Holz berühren. Dass sich hier noch nie jemand umgebracht hat“, sagt Otto Gademann II, Frohnatur.

Seit Tagen weigert sich ein Junge, zu essen, weil die Liebste ihn nicht mehr mag. Wenn er genügend lange hungert, denkt der Junge, wird sie ihn wieder lieben auf dem Rosenberg.

19.00 Appell in allen Häusern, anschließend Studium

21.45 Lichterlöschen.

Es ist Nacht auf dem Rosenberg. Ein Wächter geht von Bett zu Bett, gelbe Strafzettel im Gepäck und eine Lampe.

22.14 Läuft im Zimmer herum.

22.31 Schaut zum Fenster raus.

22.42 Redet laut.

23.05 Hört Musik.

Wind rauscht durch Rhododendren.

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