Wirtschaft : Wo der Schutz nicht reicht

Viele Beschäftigte in Deutschland verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde – besonders betroffen ist die Landwirtschaft.

von

„Kein Lohn unter 8,50 Euro die Stunde“ titelt der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in seiner Kampagne für den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Denn für 40 Prozent der Beschäftigten in Deutschland gilt kein Tarifvertrag mehr. Und selbst wenn sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf eine Lohnuntergrenze einigen, liegt diese in vielen Fällen unterhalb der geforderten 8,50 Euro. Elf Prozent aller tariflichen Vergütungsgruppen liegen im Niedriglohnbereich, wie das Tarifarchiv des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) ermittelt hat. Untersucht wurden 4700 Tarifgruppen aus 41 Branchen.

In der Landwirtschaft beziehungsweise bei den Saisonarbeitskräften ist das Problem dem WSI zufolge am stärksten ausgeprägt. Hier liegen alle Tarifgruppen im Niedriglohnbereich (siehe Grafik). Es folgen Floristik, Friseurhandwerk und Bewachungsgewerbe.

Die Gründe für die niedrigen Lohnabschlüsse sind vielfältig. „In vielen Branchen sind Gewerkschaften sehr schwach, weil die Beschäftigten zu wenig gewerkschaftlich organisiert sind“, sagt Reinhard Bispinck, Leiter des WSI-Tarifarchivs, das der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angeschlossen ist. Besonders betroffen seien Branchen mit vielen Kleinbetrieben oder mit hoher Fluktuation bei den Beschäftigten. Zudem wollten sich die Gewerkschaften häufig nicht auf neue Tarifabschlüsse unter 8,50 Euro einlassen. „So gelten dann jahrelang veraltete Tarifverträge“, sagt Bispinck. Die Gewerkschaften bestätigen das, sehen die Schuld hierfür aber bei den Arbeitgebern. Viele ältere Tarifverträge mit Niedriglöhnen wirkten nach, „weil sich Arbeitgeber beziehungsweise deren Verbände nach wie vor Tarifverhandlungen verschließen“, sagt DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki dem Tagesspiegel. Das Grundproblem sei aber ein „erodierendes Tarifvertragssystem“, hinzu komme die „starke Ausweitung des Niedriglohnsektors“ durch die Arbeitsmarktreformen.

„Der Kunde muss die höheren Löhne mittragen“, sagt hingegen Ottheinrich von Weitershausen, der die Abteilung Lohn- und Tarifpolitik der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) leitet. In vielen Branchen sei der Spielraum hierfür nicht gegeben. „Wenn die Mehrkosten nicht weitergegeben werden können, können höhere Löhne Arbeitsplätze gefährden“, sagt von Weitershausen.

Ein Instrument gegen die niedrigen Löhne sind Branchenvereinbarungen. Mittlerweile gibt es in Deutschland zwölf solcher tariflichen und allgemeinverbindlichen Mindestlöhne – etwa in der Leiharbeit oder dem Bauhauptgewerbe, die insgesamt für rund vier Millionen Beschäftigte gelten. Doch auch hier liegen nicht alle oberhalb des Niedriglohnbereichs. Der Branchenmindestlohn für Friseure etwa, der in der vergangenen Woche vereinbart wurde, soll bis 2015 auf 8,50 Euro steigen. Erst dann dürfte die Berufsgruppe aus der Niedriglohnstatistik des Tarifarchivs verschwinden.

Insgesamt sehen WSI und Gewerkschaften einen positiven Trend: „Die Zahl der Tariflöhne unter 8,50 Euro ist in den letzten Jahren stetig zurückgegangen“, sagt der DGB-Mann Matecki. 2010 lagen dem WSI zufolge noch 16 Prozent aller Vergütungsgruppen im Niedriglohnbereich. Bei neuen Tarifverträgen lägen die Löhne bei 8,50 Euro die Stunde und drüber.

Für die Gewerkschaften gibt es nur eine Lösung: Den flächendeckenden gesetzlichen Mindestlohn. Er sei, sagt Bispinck, „eine grundsätzliche Schranke gegen den freien Fall der Löhne, von der bei einer Höhe von 8,50 Euro rund 6,8 Millionen Beschäftigte in Deutschland profitieren würden.“ Jahel Mielke

0 Kommentare

Neuester Kommentar