Wirtschaft : Wo Orwo draufsteht, ist nicht nur Orwo drin

EBERHARD LÖBLICH

Die Filmfabrik Wolfen startete aus der Abwicklung heraus einen beachtlichen Neuanfang / Gewinn für 1999 angepeiltVON EBERHARD LÖBLICH WOLFEN.Der Sozialismus war in Wolfen nur eine vorübergehende Angelegenheit.Ein paar Plattenbauten erinnern an diese 40 Jahre Planwirtschaft, sonst fast nichts.Schon gar nicht die Fabrik, die Wolfen inmitten des sachsen-anhaltischen Chemiedreiecks viel mehr geprägt hat als dieser Sozialismus, ohne die es die Stadt Wolfen vermutlich überhaupt nicht gäbe.Jetzt gibt es die Stadt noch, die traditionsreiche Filmfabrik aber nicht mehr.1994 schickte die Treuhand-Anstalt das Unternehmen endgültig in die Liquidation. Der Schweizer Unternehmer Mario Hauri hatte die Sachwalterin des DDR-Betriebsvermögens gerade darüber informiert, daß einige Geldgeber seines Investorenkonsortiums abgesprungen seien und um Fristverlängerung für die Suche nach neuen Partnern gebeten.Aber im Vorstand der Treuhand-Anstalt hielt man die letzte Gnadenfrist für die Filmfabrik Wolfen GmbH für bereits verstrichen, senkte den Daumen, das Schicksal der im März 1994 noch in der Filmfabrik beschäftigten 860 Mitarbeiter war damit besiegelt.16 000 waren es noch zu Wendezeiten gewesen. Auch ihre große Geschichte konnte die Filmfabrik Wolfen nicht vor dem Untergang retten.Kein Gedanke daran, daß diese Firma einst das Stammhaus der Agfa-Aktiengesellschaft war, daß hier selbst noch nach der deutschen Teilung Agfa-Filme mit bekannt hoher Qualität produziert wurden, bis ein verlorener Patentstreit mit den Agfa-Rechtinhabern auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs 1964 die wenig ideenreiche Namenschöpfung Orwo (von ORiginal WOlfen) begründete.Keine Gedanke auch daran, daß hier der erste Farbfilm das Licht der Dunkelkammer erblickte.Alles Geschichte, wie die gesamte Filmfabrik.Leeres Gelände, einer Geisterstadt nicht unähnlich, in der ABM-Kräfte die nicht mehr benötigten Gebäude abbrechen, die Böden sanieren. Daß es heute doch noch Orwo-Filme gibt und diese sogar aus Wolfen kommen, ist Heinrich Mandermann zu verdanken.Quasi aus der Konkursmasse des Traditionsunternehmens heraus kaufte Mandermann die Abteilung Konfektionierung.Rund 200 Mitarbeiter fertigen und verpacken hier jetzt Filmmaterial eines anderen Herstellers unter dem Traditionsnamen Orwo.Wo Orwo draufsteht, ist also längst nicht mehr Orwo drin.Wo Mandermann das Rohmaterial einkauft, bleibt sein Geheimnis."Es ist ein namhafter internationaler Filmhersteller", sagt der Unternehmer, der eigenen Angaben zufolge aus "reiner Nostalgie" in Wolfen eingestiegen war."Wir haben aber über die Zusammenarbeit Stillschweigen vereinbart." Auf Nostalgie insbesondere der Ostdeutschen setzt das im Oktober 1996 zur Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen auch im Vertrieb.Zwar sind die Orwo-Filme im Fachhandel und in den Drogerieketten und Warenhausfilialen im ganzen Bundesgebiet gelistet, tatsächlich in den Regalen finden sie sich aber in erster Linie in den Neuen Ländern.Vor allem aber setzt Mandermann auf den guten Namen, den sein umgetauftes Fremdprodukt in Osteuropa und im Nahen Osten hat.Fast ein Drittel der Gesamtproduktion geht in den Export, in erster Linie auf angestammte Märkte.1996 hat das Unternehmen drei Millionen Kleinbildfilme verkauft, die Verluste blieben Mandermann zufolge 30 Prozent unter den Erwartungen.Die Umsätze lagen bei rund acht Mill.DM.Schon für 1997 peilt Mandermann die Verdreifachung der Produktion und einen Umsatz in Höhe von 20 Mill.DM an.In diesen Umsatzplanungen sind allerdings die Leistungen eines Großlabors zur Filmentwicklung bereits enthalten, das erst kürzlich von Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reinhard Höppner höchstselbst in Betrieb genommen wurde.Das Labor, einer der modernsten Fotofinisher-Betriebe in Deutschland, schafft eine Kapazität von zwei Mill.Filmen oder 60 Mill.Prints im Jahr. Die laufenden Verluste der Orwo Film AG deckt das Dresdener Mandermann-Unternehmen Jos.Schneider Feinwerktechnik vollständig ab.Aber die Wolfener Geschäftsleitung hat nicht unbegrenzt Zeit, den break-even aus eigener Kraft zu schaffen.Nach den derzeitigen Unternehmensplanungen soll erstmals 1999, spätestens im Jahr 2000 ein ausgeglichenes Ergebnis erzielt werden.Als barmherziger Samariter fühlt sich Mandermann, der zu Zeiten der deutsch-deutschen Teilung jahrzehntelang Generalvertreter für Orwo-Filme in der Bundesrepublik war, bei aller Nostalgie nämlich nicht.Insgesamt 70 Mill.DM habe er schließlich in Wolfen investiert.Fünf Jahre hat die dortige Mandermann-Tochter allenfalls Zeit, um den Sprung in die Gewinnzone zu schaffen.Schafft sie das nicht, droht auch den jetzt 200 Mitarbeitern der Orwo AG das "dejà vu" eines Unternehmens in Abwicklung. Bei der Technischen Universität Berlin ist folgende Stelle zu besetzen

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