Wo produziert Daimler? : In Sorge um den Sprinter

In Düsseldorf macht sich Panik breit, im brandenburgischen Ludwigsfelde ist man gelassen: Aber wo wird die nächste Generation des Daimler-Transporters gebaut?

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Herzlichen Glückwunsch! Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Wirtschaftsminister Ralf Christoffers kamen im Februar zu Besuch, als der 555 555 Sprinter in Ludwigsfelde vom Band lief.
Herzlichen Glückwunsch! Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke und Wirtschaftsminister Ralf Christoffers kamen im Februar...Foto: picture-alliance

Der Professor weiß schon Bescheid: „Wichtige Teil der Daimler Transporter-Produktion werden aus Düsseldorf nach USA oder Mexiko verlegt“, schreibt Ferdinand Dudenhöffer von der Uni Duisburg-Essen in einer aktuellen Analyse über das Lkw-Geschäft. Die IG Metall in Düsseldorf teilt die Einschätzung und schlug deshalb am Montag Alarm. Tatsächlich produziert Daimler den Sprinter in Düsseldorf und Ludwigsfelde bei Berlin, und beide Werke müssen sich auf Veränderungen einstellen. Doch während man im Brandenburgischen gelassen ist, macht sich im Westen Panik breit. Die dortige IG Metall sieht das Werk mit 6500 Beschäftigten in Gefahr, spricht von „Dammbruch“ und ist in Sorge um die Autoindustrie überhaupt.


Vor allem der Kastenwagen verkauft sich gut in den USA

So schlimm wird es nicht kommen. Daimler räumt zwar ein, gegenwärtig die Produktionsstrategie und damit auch die Produktionsstandorte für den nächsten Sprinter (ab 2018) zu diskutieren. Und da sich der Transporter ausgezeichnet in den USA verkauft, gilt eine Produktion in Nord- oder Mittelamerika (Mexiko) als sicher, um die dortigen Einfuhrzölle zu vermeiden. Das bedeute aber keineswegs das Ende der Produktion in Düsseldorf oder Ludwigsfelde, wie Daimler beteuert. Im Gegenteil: „Wir stehen voll zu beiden Werken und werden dort signifikant investieren“, sagte ein Sprecher auf Anfrage.
In Ludwigsfelde bauen in diesem Jahr rund 2000 Beschäftigte etwa 40<ET>000 Sprinter. Im Vergleich zur Schwesterfabrik in Düsseldorf gibt es einige Unterschiede: Die Brandenburger arbeiten 38,5 Wochenstunden, in der westdeutschen Metallindustrie gilt die 35-Stunden-Woche. In Düsseldorf werden die klassischen geschlossenen Kastenwagen gebaut (2013 waren das rund 150<ET>000), in Ludwigsfelde die offene Baureihe, also Pritschenwagen und andere Fahrzeuge mit Aufbauten, etwa für die Feuerwehr. Die Amerikaner kaufen ganz überwiegend den Kastenwagen, sodass eine Verlagerung der entsprechenden Produktion selbstverständlich Düsseldorf stärker betreffen würde als Ludwigsfelde.


Bis Ende 2016 darf es keine betriebsbedingten Kündigungen geben

Akute Gefahr für die Arbeitsplätze gibt es aber weder hier noch da: Eine Betriebvereinbarung verbietet betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2016. Dann läuft im Übrigen auch die Auftragsfertigung für VW aus, derzeit bauen die Daimler-Leute in beiden Werken knapp 50 000 VW-Crafter. Von 2017 an macht VW das selbst, sodass zusätzliche Kapazitäten frei werden für die Sprinter-Fertigung. In Ludwigsfelde könnte man die gut gebrauchen – wenn sich die aktuellen Verhältnisse bis 2017 fortschreiben ließen. Denn derzeit kann die Auftragslage nur mit Hilfe von Überstunden und Sonnabendschichten bewältigt werden, heißt es bei der IG Metall im Süden Berlins. Ferner sollen im Oktober 25 Leiharbeiter eingestellt werden. Im September produziert Ludwigsfelde so viele Fahrzeuge wie noch nie in einem Monat. Der Erfolg des Transporters hängt auch zusammen mit veränderten Konsumgewohntheiten, im Internet bestellte Artikel müssen zugestellt werden. Und das passiert häufig mit einem Sprinter.

2015 wird in Europa ein ganz schwaches Nutzfahrzeugjahr

Daran wird sich auch wenig in der aktuellen konjunkturellen Schwächephase ändern. Dudenhöffer rechnet in diesem Jahr mit einem Rückgang des weltweiten Nutzfahrzeugabsatzes um mehr als drei Prozent auf 11,75 Millionen Lkw. Und wegen des Ukraine-Konflikts werde es im nächsten Jahr in Westeuropa um weitere drei Prozent und in Osteuropa sogar um knapp zehn Prozent bergab gehen. „Der europäische Nutzfahrzeugmarkt wird innerhalb von sieben Jahren damit von der dritten, durch politische Fehlentscheidungen ausgelösten Krise hart getroffen“, schreibt Dudenhöffer in einer Analyse unter der Überschrift „Russland- Konflikt wird zur großen Belastung“. An diesem Donnerstag beginnt in Hannover mit der IAA Nutzfahrzeuge (bis 2. Oktober), das größte Branchentreffen in schwieriger Zeit.
Anders als Nordamerika oder Asien sei Europa nach der Weltfinanz- und der Euro-Schuldenkrise nun auch vom Russland-Ukraine-Konflikt besonders betroffen. 2015 werden Dudenhöffer zufolge in der Alten Welt nur 2,25 Millionen Nutzfahrzeuge verkauft, womit das „schlechteste Verkaufsjahr seit der Weltfinanzkrise 2009“ drohe, als knapp 2,1 Millionen Lkw und Transporter verkauft wurden. Besonders dramatisch sind bereits in diesem Jahr die Rückgänge um jeweils rund 25 Prozent in Russland und der Türkei. Alles in allem rechnet Dudenhöffer nun für 2015 mit „Kapazitätsanpassungen“. Doch weniger bei Daimler, denn der Konzern sei mit den Marken Mercedes-Benz, Fuso, Freightliner, Western Star, Auman (China) und Kamaz (Russland) gut aufgestellt.

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