Wirtschaft : Wo Verbraucher noch vertrauen

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Berlin (ce/asi/hop). Die Bundesregierung geht von einer deutlichen Belebung des Wirtschaftswachstums und einem raschen Rückgang der Zahl der Arbeitslosen aus. Bis zu drei Prozent Wachstum seien im kommenden Jahr möglich, sagte Bundeswirtschaftsminister Werner Müller (parteilos) gestern in Berlin. Arbeitsminister Walter Riester (SPD) sagte, dass die Arbeitslosenzahl im Mai unter die Vier-Millionen-Grenze fallen werde. Dies seien Gründe, optimistisch in die Zukunft zu blicken, betonten beide Minister bei einer gemeinsamen Pressekonferenz, in der sie eine Bilanz von vier Jahren sozialdemokratischer Wirtschafts- und Arbeitsmarktpolitik zogen.

Trotz der Appelle der Minister zu mehr Zuversicht hat sich die Stimmung der Verbraucher in Deutschland in den vergangenen Wochen kaum verbessert. Im Gegenteil: Selbst wenn sich die Laune nun schnell aufhellen werde, könne man die Umsatz- und Gewinnrückgänge des ersten halben Jahres wohl kaum noch aufholen, prognostizierten Einzelhandelsexperten in dieser Woche. Der Grund liege - neben der Unsicherheit über die konjunkturelle Entwicklung - vor allem in der Verärgerung und Verunsicherung der deutschen Verbraucher über mögliche Preiserhöhungen seit der Einführung des Euro-Bargeldes.

In den USA dagegen hat das Verbrauchervertrauen im Mai den höchsten Stand seit eineinhalb Jahren erreicht. Das teilte die Universität von Michigan, die den Vertrauensindex berechnet, am Freitag mit. Damit haben die amerikanischen Verbraucher offenbar nicht nur die wirtschaftlichen Folgen der Anschläge des 11. September viel schneller verarbeitet als erwartet. Die Verbraucher kauften im April deutlich mehr, als das von Volkswirten vorhergesagt worden war.

Auch die Zuversicht, dass die Rezession nun vorbei ist, scheint insgesamt deutlich gewachsen zu sein. Unabhängig von noch steigenden Arbeitslosenzahlen sind offenbar immer mehr Konsumenten der Ansicht, dass dies nur die letzte Folge des Abschwungs ist. In den USA ist die Stimmung der Konsumenten noch wichtiger als beispielsweise in Deutschland: Der Binnenmarkt steht für zwei Drittel der US-Wirtschaft. Positiv reagierte die US-Börse auf die Zahlen aus Michigan. Der Dow Jones Index lag zur Handelseröffnung in New York bei fast 10000 Punkten.

Deutschland wartet weiter

Von solchen Werten kann Europa im Augenblick nur träumen. Trotz der Entwarnung der Statistiker argwöhnen vor allem die deutschen Verbraucher, dass der Einzelhandel und andere Dienstleister die Einführung des Euro-Bargeldes zu drastischen Preiserhöhungen genutzt haben. Am Freitag veröffentlichte die Europäische Statistikbehörde Eurostat eine erste Schätzung für den Monat Mai. Danach sank die Inflation im Euroraum auf zwei Prozent. Das wäre der niedrigste Stand seit Dezember vergangenen Jahres. Im vergangenen April hatte die Teuerungsrate noch 2,4 Prozent betragen, betonten die Statistiker.

Eine weitere Entlastung für die Preissteigerungsrate könnte durch die weitere Stärkung des Euro gegenüber dem Dollar kommen. Auch am Freitag notierte der Euro bei rund 93,5 Cent. Das senkt die Importpreise - vor allem die Rechnung für Öleinfuhren, die seit Jahresanfang kräftig gestiegen war.

Seit der Euro-Umstellung sind nach Angaben des Statistischen Bundesamtes die Preise in Hotels und Gastronomie um durchschnittlich 3,7 Prozent gestiegen. Diese Preiserhöhung begründete Christian Ehlers vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband mit höheren Fleisch- und Gemüsepreisen sowie den Kosten für die Euro-Umstellung.

Studie: Dienstleistungen teurer

Aktuelle Studien belegen außerdem, dass die starken Preissteigerungen in Deutschland seit Euro-Einführung kein Hirngespinst sind – und bei vielen Warengruppen deutlich über der mittleren Rate von 1,9 Prozent für die ersten drei Monate des Jahres liegen. Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hatte schon in der Wochenmitte eine Studie veröffentlicht, wonach vor allem Gemüse seit Jahresbeginn deutlich mehr kostet als im Vorjahreszeitraum. Hier lag der Preisanstieg bei 14,3 Prozent. Auch Flugreisen wurden wesentlich teurer – um 11,4 Prozent. Da vor allem Produkte des täglichen Bedarfs betroffen seien, sei die „gefühlte Inflation“ dadurch wesentlich höher als die tatsächliche.

Eine Untersuchung, die die ARD-Sendung „Tagesthemen“ in Auftrag gegeben hatte, ergab, dass vor allem Dienstleistungen teurer geworden sind. In den Großräumen Köln/Bonn, Frankfurt (Main) und Berlin seien 117 Dienstleistungen untersucht worden, vom Frisör bis zur Autowaschanlage, teilte der Westdeutsche Rundfunk mit. Die durchschnittliche Teuerung zwischen Juni/Juli 2001 und den ersten drei Monaten 2002 liege hier bei 9,8 Prozent. Es habe auch drastische Einzelfälle gegeben wie eine chemische Reinigung, die früher für die Reinigung einer Hose 3,90 Mark in Rechnung gestellt habe, nun aber drei Euro verlange.

Die meisten Deutschen fühlen sich von der Bundesregierung jedoch - trotz Preisgipfel und lauten Bekenntnissen zum Verbraucherschutz - mit dem Problem der eurobedingten Preissteigerungen allein gelassen. Dies ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa für den Nachrichtensender N24. Zwei Drittel der befragten Bürger sagten, die Regierung mache es sich mit ihrem Ratschlag zu leicht, nur bei solchen Händlern zu kaufen, die ohne Preiserhöhungen ausgekommen seien.

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