Wirtschaft : Wohlfühlen geht vor

„Happiness Economics“ ist zu einer Wissenschaft gewachsen. Sie fordert eine neue Art der Wirtschaftspolitik

Flora Wisdorff

Die gute Nachricht vorweg: In Deutschland ist man glücklicher als in Großbritannien, Frankreich oder Polen. Allerdings sind die Dänen, die Schweizer und die Niederländer mit ihrem Leben noch zufriedener als wir. Die „World database of happiness“, die von der Erasmus-Universität in Rotterdam erstellt wird, hat diese Ergebnisse geliefert. Insgesamt gilt: Die westeuropäischen Industrienationen, Nordamerika und Lateinamerika sind die glücklichsten Nationen dieser Welt, während man in Osteuropa und Afrika am unglücklichsten ist.

Die Ärmsten sind immer noch die Unzufriedensten, bestätigt Richard Layard von der London School of Economics (LSE) (siehe Interview). Wenn aber ein bestimmter Wohlstands-Level erreicht sei, dann mache mehr Geld eben nicht noch glücklicher. Andere Faktoren als Geld beeinflussen dann das Glücksempfinden – wie zum Beispiel stabile persönliche Beziehungen oder ein Arbeitsplatz.

Hier setzen die „Glücksökonomen“ an. „Happiness Economics“ ist inzwischen zu einem eigenen Forschungszweig zwischen Psychologie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften gewachsen. Vor allem in den USA und in Großbritannien ist die Lehre populär. Einer der Begründer der Wissenschaft, Daniel Kahneman, hat 2002 sogar den Nobelpreis für Wirtschaft bekommen. Und Richard Layard beriet Tony Blair jahrelang in der Arbeitsmarktpolitik. Blair hat in seinem Kabinett eine Strategieeinheit für „Lebenszufriedenheit“ gegründet, und der neue Vorsitzende der Konservativen Partei, David Cameron, spricht von „Glück, Lebensqualität und Nachhaltigkeit als zentrale Ziele einer modernen Regierung“. Ein Erfolg für die Wissenschaftler, die in der Politik nicht mehr nur die Steigerung von Wachstum und Einkommen als Ziel sehen wollen, sondern das Glück der Bürger. Damit führen sie die Ansätze von Ökonomen aus dem 18. und 19. Jahrhundert fort wie etwa von Jeremy Bentham und John Stuart Mill. Deren Credo war der Utilitarismus – Handlungen sollten nützlich sein, wenn sie die Tendenz haben, Glück zu befördern.

Grundlegend für das Revival der Glücksforschung ist die Entwicklung der Psychologie und der Neurologie, die Glücksempfinden inzwischen für objektiv messbar hält.

Die „World database of happiness“ ist bisher der maßgebliche Index dafür, sagt Layard. Jedoch weist dieser noch einige Ungereimtheiten auf – zum Beispiel könnten die Menschen zum Zeitpunkt ihrer Befragung gerade punktuell in besonders guter oder schlechter Stimmung sein und so die Ergebnisse verzerren.

Zum Beispiel beschreiben 64 Prozent der Dänen sich als „sehr zufrieden“ in einer Umfrage des Eurobarometers, dem Meinungsforschungsinstitut der Europäischen Kommission. Nur 16 Prozent der Franzosen empfanden so. Der Unterschied ist aber doppelt so groß wie der Unterschied zwischen den Arbeitslosenzahlen – die Diskrepanz muss also noch andere Gründe haben.

Deshalb arbeiten Daniel Kahneman und Alan Krueger von der Princeton-Universität gerade daran, einen neuen Index zu erstellen. Das „nationale Wohlbefindens-Konto“ soll neben dem Bruttoinlandsprodukt Regierungen als Orientierung dienen, sagt Alan Krueger. Sie messen die Zufriedenheit von Menschen mit bestimmten Lebensaktivitäten über einen längeren Zeitraum. Das US-Meinungsforschungsinstitut Gallup bezahlt die Wissenschaftler. Nicht nur Regierungen, auch Unternehmen mit unzufriedenen Mitarbeitern sieht das Institut als potenzielle Kunden für den neuen Index. „Das ist eine Ergänzung zum Bruttoinlandsprodukt (BIP). Das BIP misst nur die wirtschaftliche Aktivität. Die Quantität und Qualität menschlicher Beziehungen oder Umweltverschmutzung sind nicht darin enthalten, obwohl diese genauso wichtig für das Wohlbefinden sind“, sagt Krueger.

Zentral für die Wirtschaftspolitik ist das Ergebnis der Glücksforschung, dass ein Job sehr wichtig für das persönliche Glück ist. Richard Layard hat darauf die Arbeitsmarktpolitik Tony Blairs aufgebaut, die zum Ziel hat, jeden Arbeitslosen nach einem gewissen Zeitraum wieder in Arbeit zu bringen. Nimmt ein Arbeitsloser diesen Job nicht an, wird ihm die Unterstützung gestrichen.

Auch Professor Bruno Frey vom Institut für Empirische Wirtschaftsforschung an der Universität Zürich ist Layards Meinung. „Jeder Arbeitslose fühlt sich aus der Gesellschaft geworfen.“ Fast alle Jobs seien besser als keiner, argumentiert Frey. Die deutsche Politik beachte die Glückforschung noch zu wenig, sagt Frey. „Die sind da noch hintendran.“ Menschen, die zufrieden seien, kosteten die Sozialsysteme auch weniger. Arbeitslosigkeit und psychische Krankheiten seien teuer. Deshalb fordert Layard auch zusätzliche Psychotherapeuten für den staatlichen Gesundheitsdienst.

Auch die aktive Einbeziehung der Bürger in die Politik sei wichtig für die Zufriedenheit der Menschen, sagt Frey. Die Schweiz steht im „World Happiness survey“ immer ganz weit oben – laut Frey auch, weil es hier die direkte Demokratie gibt. „Die Bürger fühlen sich ernster genommen und weniger machtlos.“

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