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Wohltätigkeit : Hilfe für Arme: Es kommen immer mehr - vor allem Kinder

06.04.2010 00:00 Uhrvon , Svenja Markert
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Helfende Hände. Ehrenamtliche in Neukölln. - Foto: Uwe Steinert

Wohltätige Organisationen versorgen Arme mit Essen, Kleidung und Medikamenten. Die Nachfrage wird immer größer. Eine Bestandsaufnahme für Berlin.

Im Lieferwagen der Neuköllner Dreieinigkeitskirche stapeln sich 15 Kisten Obst und Gemüse, 20 Kisten Brot und Kuchen, dazu Tiefkühltorten und Schokolade. Diethard Hoffmann und Matthias Heuer haben das Essen am Großmarkt an der Beusselstraße abgeholt. Dort hat die Berliner Tafel ihren Sitz. Von dort bringen die beiden Rentner die Lebensmittel nach Neukölln. Wer belegen kann, dass er weniger als 900 Euro im Monat zum Leben hat, kann hier für einen Euro einkaufen – von allem ein bisschen, Eltern erhalten mehr als Alleinstehende. Dazu gibt es Kleider und eine Möbelbörse.

Jeden Montag um 13 Uhr stehen im Foyer der Dreieinigkeitskirche lange Tische mit Kartoffeln, Gemüse, Obst, Wurst und Käse, Saft sowie Süßigkeiten, die kein Laden mehr verkaufen wollte oder die gespendet wurden.

Hoffmann und Heuer holen die Spenden ab, bei Supermärkten wie Lidl oder Rewe, bei Bäckereien oder Lebensmittelhändlern. „Manchmal sind die Sachen sortiert“, sagt Hoffmann. „Doch oft ist auch Verdorbenes, Verschmutztes oder Müll dabei.“



DIE KIRCHEN

45 kirchliche Ausgabestellen gibt es in Berlin. Sie sind 2005 entstanden, als die Berliner Tafel gemeinsam mit dem RBB und den Kirchen die Aktion „Laib und Seele“ ins Leben gerufen hatte. In den Kirchen versorgen 1300 Ehrenamtliche rund 45 000 Menschen pro Monat. Die kirchlichen Ausgabestellen erhalten nur einen kleinen Teil der Lebensmittel von der Berliner Tafel, das meiste besorgen sie selbst in ihrem Bezirk.

DIE TAFEL

Neben der Kooperation mit den Kirchen unterstützt die Berliner Tafel soziale Projekte. Rund 300 Einrichtungen wie Kinder- und Jugendprojekte, Bahnhofsmissionen oder Obdachlosenheime können so Mahlzeiten anbieten. Dazu kommen Kleider- und andere Sachspenden, die an die Organisationen weitergegeben werden. „Wir nehmen alles, auch Spielzeug, Pflegeprodukte oder Kleidung“, sagt Gründerin Sabine Werth. Rund 60 Mitarbeiter sortieren täglich die Spenden, bevor sie ausgefahren werden – im Monat rund 660 000 Kilo Lebensmittel. Trotzdem reicht es manchmal nicht, um alle Bedürftigen zu versorgen. „Die Firmen disponieren besser und nehmen auch in Kauf, dass mal ein Regal leer ist“, sagt Werth. Zudem verkaufen die Supermärkte ihre Waren heute länger, teils bis zum Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums. Deshalb nimmt die Tafel inzwischen auch abgelaufene Lebensmittel an.

1993 wurde die Berliner Tafel als erste ihrer Art gegründet, mittlerweile gibt es 861 Organisationen mit mehr als 2 000 Ausgabestellen. 40 000 Freiwillige engagieren sich dort bundesweit, davon 90 Prozent ehrenamtlich. Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des Bundesverbands Deutsche Tafel rund 60 neue Tafeln dazugekommen. Auch die Zahl der versorgten Personen ist in den letzten Jahren stetig gestiegen, dabei besonders die der bedürftigen Kinder und Jugendlichen.

Das bestätigen die Helfer in Neukölln. Dort stehen die Leute schon ab zehn Uhr morgens Schlange. „Zu Beginn kamen 40 Familien hierher, heute sind es oft mehr als 200“, sagt Gerda Dellbrügge. Die 70- Jährige hilft seit fünf Jahren in der Ausgabestelle. „Es kommen alle hierher, Studenten, die nicht wissen, wie sie sich durchschlagen sollen, arbeitslose Akademiker, aber auch viele Ältere“, berichtet Diakon Karsten Böhm. Seit 15 Jahren ist er in der Neuköllner Gemeinde aktiv, seit fünf Jahren leitet er die Ausgabestelle. Die Zahl der Betreuten sei stetig gewachsen, auch weil Akzeptanz und Bekanntheit der Tafel gestiegen seien. „Die Leute trauen sich mehr als früher“, sagt Böhm. „Aber wenn alle kämen, die einen Anspruch haben, wären hier 1000 Familien.“

Die Statistik gibt ihm recht: Nach dem kürzlich vorgestellten Armutsbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist die Zahl der Armen in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren um rund ein Drittel gestiegen. „Auch im letzten Aufschwung ist die Armutsquote nicht gesunken“, sagt Rudolf Martens, Leiter der Forschungsstelle des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. 2008 galten 11,5 Millionen Deutsche als arm.

DIE PILLENTAFEL

Eigentlich wollen die Tafeln keine Grundversorgung bieten. „Das ist Aufgabe des Staates“, sagt Werth. Die Realität ist aber anders. So hat die Schwäbische Tafel Stuttgart ihr Angebot auch um Medikamente erweitert. „Seit der Gesundheitsreform sind viele Medikamente aus der Verschreibungspflicht herausgenommen worden“, sagt Martin Friz, Vorsitzender der Schwäbischen Tafel. Viele Bedürftige könnten diese Arzneien nicht finanzieren. „Wir haben bei den Bedürftigen eine Zunahme bestimmter Krankheiten festgestellt, etwa Lungenentzündungen und Magen-Darm-Infektionen.“ Bei der Tafel in Stuttgart können sich Betroffene ihr Rezept abstempeln lassen und erhalten nicht verschreibungspflichtige Medikamente in ausgewählten Apotheken ein Viertel günstiger. Gesponsert wird die Aktion von einem Pharmagroßhandel.

DIE TIERTAFEL

Auch für bedürftige Tierbesitzer gibt es Hilfe. Die Tiertafel Deutschland, die 2006 im brandenburgischen Rathenow gegründet wurde, hilft mit kostenlosem Futter, aber auch mit Spielzeug. Dazu geben die mittlerweile 25 Ausgabestellen auch Tipps zur Tierhaltung.

DIE BAHNHOFSMISSION

Eine weitere, wichtige Anlaufstelle sind die Bahnhofsmissionen. Hier erhalten Reisende beim Umsteigen Hilfe oder im Notfall ein Bett für die Nacht. Aber auch alle anderen können die Hilfe in Anspruch nehmen. Die Mission am Bahnhof Zoo ist 365 Tage im Jahr geöffnet, 24 Stunden lang. 2009 haben die Mitarbeiter insgesamt 670 000 Mal materielle Hilfe geleistet. Den größten Anteil macht das Essen aus. Von 6 bis 7 Uhr, zwischen 14 und 18 Uhr und von 22 bis 24 Uhr werden belegte Brote, Salate, Jogurt und Kaffee ausgegeben. Die Lebensmittel kommen von der Berliner Tafel. „Ein voller Bauch gibt Trost, man fühlt sich gleich besser“, sagt Missionsleiter Dieter Puhl. Ansonsten bietet die Bahnhofsmission seelsorgerische Beratung, vermittelt an andere Stellen und leistet erste Hilfe. 400 bis 550 Personen kommen täglich. Puhls „Gäste“, wie er sie liebevoll nennt, haben sich jedoch in den letzten Jahren geändert. „Es wird bürgerlicher“, erklärt er. Die in Bahnhöfen gestrandeten Reisenden, Obdachlose, Alkohol- oder psychisch Kranke kommen weiterhin. Neu sei die große Zahl der Rentner und der alleinerziehenden Mütter mit Kindern.

DIE KLEIDERKAMMER

Auch die Kleiderkammern berichten, dass immer mehr Kinder ihre Hilfe benötigten. „Für Kinder werden in den letzten Jahren deutlich mehr Kleider nachgefragt“, berichtet Thomas Gleißner von der Caritas. In den Kammern werden gespendete, gebrauchte Kleider, Bücher und Spielsachen kostenlos abgegeben. Beim ersten Besuch muss ein Nachweis erbracht werden. Das kann eine Hartz- IV-Bescheinigung sein oder ein Nachweis für eine geringfügige Rente. 2009 habe die Kinderkleiderkammer der Organisation in Berlin 1900 Familien eingedeckt, sagt Gleißner.

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