Wirtschaft : Wohltätigkeits-Boom: Der Spendenmarkt ist ein Wachstumsmarkt

Martina Ohm

Advent ist Hochsaison. Erfahrungsgemäß spenden die meisten Menschen eher und mehr zur besinnlichen Jahreszeit. Aber auch sonst sind die Deutschen keine Spendenmuffel. In diesem Jahr, schätzt Sandro Matzke, beim Emnid-Forschungsinstitut in Bielefeld für Sozialmarketing zuständig, wird zwar nicht so viel zusammenkommen wie 1999 - im Jahr der Kosovo-Krise und der Türkei-Erdbeben. Doch optimistischere Stimmen wie Bernd Beder vom Deutschen Spendenrat rechnen immer noch mit Beträgen von über zwölf Milliarden Mark - das wäre etwa die gleiche Summe wie 1999.

Allerdings sind solche Zahlen mit Vorsicht zu genießen und in der Branche höchst umstritten. "Mehr als einen vagen Anhaltspunkt kann es nicht geben", sagt Christoph Müllerleile von der Bundesarbeitsgemeinschaft Sozialmarketing - Deutscher Fundrisingverband (BSM). Niemand wisse genau, wieviel tatsächlich und wofür in jedem Jahr gespendet werde. Eines aber steht zumindest fest: Die Spendenbereitschaft hängt glücklicherweise nicht nur von Krisen ab. Es gibt auch andere Erfahrungswerte: 40 Prozent aller Deutschen über 14 Jahre spenden mindestens einmal im Jahr; im Schnitt 175 Mark. Und rund vier Milliarden Mark wandern jährlich auf die Konten karitativer Organisationen - mehr als die Hälfte immer zur Weihnachtszeit.

Weil das so ist, versuchen immer mehr Vereinigungen daraus ihren Nutzen zu ziehen. Immerhin liegt das Spendenaufkommen, gemessen am individuellen Einkommen im Vergleich zu Amerika hier zu Lande nur bei einem Drittel. Ein Wachstumsmarkt. Immer ausgeklügelter wird daher auch das System, mit dem professionelle Spendensammler um die Hilfsgelder buhlen. Allein rund 20 000 gemeinnützige Vereine und Verbände wetteifern nach Schätzung der Bundesregierung um die Gunst der Spender. Aber es geht nicht nur um Mark und Pfennig. Auch Sachspenden und ehrenamtliche Mitarbeiter sind gefragt.

Weil das mehr als soziale Kompetenz und Kommunikationstalent verlangt, wurde auf Initiative des Spendenrates, der BSM und des Gemeinschaftswerkes der Evangelischen Presse vor einem Jahr die erste deutsche Fundraising-Akademie in Frankfurt gegründet. Die ersten drei Kursangebote, sagt Akademieleiter Thomas Kreuzer, laufen bereits. Jeweils 25 Teilnehmer lernen gegen eine Kursgebühr von 14 000 Mark innerhalb von zwei Jahren die Grundlagen des Fundraising. Auf dem Lehrplan stehen: Märkte, Organisation, Strategien und Medien des Fundraising sowie die Vermittlung von Basiswissen in Buchhaltung, Rechnungswesen und Recht. Den Absolventen winken einkömmliche Jobs, wie die einschlägigen Stellenangebote im Internet beweisen. Noch sind professionelle Fundriser in Deutschland Mangelware. Und auch Non-Profit-Organisationen sehen in professionellen Fundraisern eine gute Investition. 100 000 Mark Jahresgehalt sind keine Ausnahme.

Vor allem auch die kleineren Vereine können aus der Arbeit der Akademie Nutzen ziehen. Denn das Gros der humanitären Spenden kommt immer noch vornehmlich den ganz großen Hilfswerken zugute. Nicht nur im Katastrophenfall profitieren meist die bekannten Adressen wie Deutsches Rotes Kreuz oder Caritas International. Auch via Internet akquirieren die Großen nach Kräften. Allein beim DRK hat sich das Spendenaufkommen über das Netz in den letzten zwei Jahren vervierfacht, sagt DRK-Sprecher Lübbo Roewer. Im Vergleich zum herkömmlichen Einzahlungsschein sind die Internet-Spenden des DRK doppelt so hoch.

Allerdings wenden sich die Bürger dieses Jahr nach den einschlägigen Erfahrungen 1999 offenkundig wieder stärker kleineren Organisationen zu. Die Schwierigkeiten, wie sie etwa bei Cap Anamur mit der Verteilung der Millionen-Spendengelder für Kosovo aufgetreten sind, hat vielfach vorhandene Skepsis verstärkt. Immer mehr Menschen wollen sichergehen, dass ihre Hilfe auch direkt an die richtige Stelle kommt und nicht in der Bürokratie einer Verwaltung versickert.

Umso hilfreicher kann die neue Fundraiser-Generation insbesondere für die kleinen Hilfsorganisationen sein. Ein guter Fundraiser spart viel Lehrgeld, sagt Müllerleile. Er sorgt für Transparenz und weiß nicht nur wie, sondern wen man anspricht und wie oft. Die Zeit jedenfalls, als sich vornehmlich Theologen und Sozialpädagogen um Öffentlichkeitsarbeit und Spendenmarketing kümmerten, ist vorbei. Die Spender werden anspruchsvoller. Sie wollen nicht mehr nur ihr Gewissen beruhigen. An den Hochschulen werden mittlerweile Professuren für Sozialmarketing ausgeschrieben - Schwerpunkt Spendenbeschaffung. Wie in der freien Wirtschaft hat Kundenbindung auch im karitativen Bereich einen hohen Stellenwert. Nicht unbedingt mehr Spender gilt es zu gewinnen, aber die, die man hat, sollen die Profis bei Spendierlaune halten und zu noch großzügigeren Gaben bewegen.

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