Wohltätigkeitsaktion : Strippen gegen den Hunger

Ryanair-Stewardessen posieren für einen Kalender - für einen wohltätigen Zweck. Der Erlös geht an die "Tafeln". Die Ironie an dieser Aktion ist, dass Ryanair jetzt selbst Armut produzieren könnte.

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Haltung zeigen. Weihnachtsmann Michael O’Leary mit Stewardessen. Foto: Thilo Rückeis
Haltung zeigen. Weihnachtsmann Michael O’Leary mit Stewardessen. Foto: Thilo Rückeis

Berlin - Unter Tiefdruckeinfluss läuft der Mann offenbar zu Hochform auf: Für 10.45 Uhr hatte die Billigfluglinie Ryanair am Dienstag ins Berliner Hotel Maritim geladen. Punkt 11.11 Uhr stürmt ihr Chef Michael O’Leary im Blitzlichtgewitter den Saal. Er wird begleitet von zwei Stewardessen, die (noch) ihre blau-gelben Uniformen tragen. Ein Unwetter über Dublin habe für Verspätung gesorgt, heißt es. Nun keine Zeit verlieren. O’Leary, „die Vuvuzela der Luftfahrtindustrie“, wie ihn ein Manager der Branche jüngst nannte, peitscht durchs Programm. Er muss noch weiter. Nach London. Um auch da die Botschaft zu verkünden: Ryanair tut Gutes – und diesmal nicht für sich.

Die Billigfluggesellschaft fliegt ein Mal im Jahr einige Stewardessen an einen schönen Strand, lässt sie dort in Bademoden oder nackt ablichten und druckt mit den Fotos einen Kalender. Der wird an Bord aller Ryanair-Flüge und im Internet für zehn Euro verkauft. Die Erlöse von im Schnitt jährlich rund 100.000 Euro spendet das Unternehmen (mit knapp drei Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Geschäftsjahr) einem wohltätigen Zweck – „und zwar in voller Höhe“, wie O’Leary betont. Im vergangenen Jahr profitierten von der Aktion behinderte Kinder in Großbritannien. Das Geld aus dem neuen „Cabin Crew Charity Calendar“ geht an den Bundesverband Deutsche Tafeln e. V. mit Hauptsitz in Berlin.

Der 1993 in der Hauptstadt gegründete Verein sammelt mit 40.000 freiwilligen Helfern im Einzelhandel Lebensmittel ein, die nicht mehr verkauft werden dürfen, weil ihr Verfallsdatum abgelaufen ist, und verteilt diese an Bedürftige. Mittlerweile haben sich bundesweit 877 dieser Tafeln zusammengeschlossen, 40 davon aus Berlin und Brandenburg.

Tafel-Vorstandschef Gerd Häuser bleiben an diesem Vormittag kaum mehr als 30 Sekunden, um sich für die Aufmerksamkeit der Iren zu bedanken – man könne das Geld gut für die Mieten der Lebensmittellager brauchen – da springt O’Leary auch schon auf, um vor einer Stellwand für die Fotografen zu posieren. Ildikó und Julia, zwei der im Kalender gezeigten Damen, haben derweil ihre Uniform gegen Bikinis getauscht und hocken sich bei O’Leary auf den Schoß. Der spult für die Fotografen sein Programm schräger Grimassen ab und ruft seinem Assistenten zu: „Schnell, gib mir einen Kalender, den ich halten kann, damit später niemand fragt, wo denn meine Hände sind. Meine Frau darf das nicht sehen“. Der Spruch scheint so gut, dass er ihn zweimal wiederholt.

Billig, egal was es kostet. Das ist das Programm, mit dem der 49-Jährige die einst winzige irische Regionalfluggesellschaft in den 16 Jahren seit Amtsantritt zur drittgrößten Linie Europas gemacht hat – zumindest gemessen an den Passagierzahlen rückt sie zu Lufthansa und Air France KLM auf. Auf seinen Flügen verkauft Ryanair Schnaps in Plastikbeuteln, Rubbellose und Plastikzigaretten mit Nikotinextrakt am Mundstück, die nicht qualmen. O’Leary präsentiert die Airline stets wie eine Fluggesellschaft für Hartz-Empfänger. Insofern könnte man die Entscheidung, 100.000 Euro an die Tafeln zu geben, auch als zielgruppengerechtes Marketing verstehen.

Die Ironie an dieser Strippen-gegen-den-Hunger-Aktion ist, dass Ryanair jetzt selbst Armut produzieren könnte. Vor zwei Wochen hatte die Gesellschaft angekündigt, 30 Prozent der Flüge an seiner wichtigsten deutschen Basis Frankfurt/Hahn zu streichen – als Reaktion auf die neue Luftverkehrsabgabe ab Januar. Bis zu 1000 Arbeitsplätze im Umfeld des Flughafens seien deshalb in Gefahr, hieß es. „Und wenn die Steuer nicht zurückgenommen wird, werden es bundesweit noch viel mehr sein“, kündigte O’Leary jetzt an.

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