Wohnungsnot in Berlin : Bauland in Schwimmbädern, Friedhöfen und Flughäfen

Jetzt sollen auch am Rande von Schwimmbädern Neubauten entstehen so wie auf Friedhöfen, Flugplätzen und BVG-Betriebshöfen.

Ralf Schönball
Platz genug für Neubauten? Liegefläche vom Freibad am Insulaner.
Platz genug für Neubauten? Liegefläche vom Freibad am Insulaner.Foto: Thilo Rückeis

Nur durch den Neubau von Häusern ist der Wohnungsnot nicht beizukommen. Und damit auch die dringend benötigten günstigen Wohnungen entstehen, zum Beispiel für Studenten, braucht es landeseigene Flächen: Dann fallen die teuren Anschaffungspreise für das Bauland weg. Weil Berlin aber bereits vor Jahren tausende dieser „nicht mehr betriebsnotwendigen“ Grundstücke zur Sanierung des Haushalts verkauft hatte, müssen nun letzte Reserven mobilisiert werden. Wie vor zwei Wochen berichtet, verhandelt die landeseigene Immobilien-Firma Berlinovo mit den Bäder-Betrieben und der Stadt-Reinigung über den Kauf von Grundstücken. Werden nun Deponien und Schwimmbäder geschlossen? Eine Übersicht über mögliche Reserveflächen:


"Völlig inakzeptabel" nennen die Grünen die Pläne


2500 Studentenappartements und 300 WG-Plätze will die landeseigene Berlinovo bauen und lässt sich das 200 Millionen Euro kosten. Noch sind aber nicht alle Grundstücke gefunden. Dafür gibt es aber eine Liste mit vier Grundstücken, die den Berliner Bäderbetrieben gehören. Müssen nun Schwimmbäder schließen oder die Schwimmer sich im Stehen sonnen, weil sie sich nicht mehr auf (bebauten) Liegewiesen aalen können? „Zu boulevardesk formuliert“, nennt ein Sprecher die Behauptung, dass Liegewiesen bebaut werden. Die Bäderbetriebe und Berlinovo sprächen über die Prüfung von „Flächen, die bereits heute schon den operativen Badebetrieb nicht beeinträchtigen“. Dass Flächen vom Freibad in Pankow für den Wohnungsbau abgezwackt werden, wie spekuliert wird, gilt als unwahrscheinlich: Dort wollen die Bäderbetriebe selbst ein Multifunktionsbad errichten. Dann doch eher beim Freibad am Insulaner. Die Opposition wettert. „Der Vorschlag ist völlig inakzeptabel“, sagt Grünen-Fraktionschefin Antje Kapek. Jedes dritte Berliner Kind lebe in Armut, für viele seien „Freibäder die einzige Möglichkeit, die Sommerferien zu genießen“.

Mietskasernen auf Müllplätzen


Auch mit der Stadtreinigung verhandelt die Berlinovo über den Erwerb von Grundstücken. Werden etwa frühere Deponien für den Siedlungsbau aufgegeben? Nein, allein schon wegen der Altlasten, heißt es bei der Berlinvo. Die Firma verhandle vielmehr über den Erwerb einer freien Fläche, die früher einmal als „Betriebshof zur Unterbringung von Werkzeug und Fahrzeugen genutzt“ wurde. Der Ort wird bisher nicht genannt.

Friedhöfe zu Flüchtlingsbauten


Während über Bäder und Betriebshöfe erst verhandelt wird, hat der Bauboom Kirchen und Friedhöfe längst erfasst. Jüngstes Beispiel: 50.000 Quadratmeter nicht mehr benötigter Friedhofsfläche will die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz dem Land überlassen, damit darauf „Modularbauten“ für Flüchtlinge errichtet werden können. Bis zu 2000 Plätze für Flüchtlinge sollen entstehen an vorerst zwei Standorten, etwa an der Netzestraße nahe Hermannstraße im Bezirk Neukölln. Die Finanznot der Gemeinden zwang diese bereits zur Grunstücksverwertung, lange bevor der Wohnungsmarkt in der Stadt so richtig heiß gelaufen war. Bereits vor einem Jahrzehnt waren in der evangelischen Luther-Kirche in Spandau Wohnungen eingerichtet, was sich damals aber nicht rechnete. Heute ist das anders, deshalb könnten nach einem Plan des Senats und der Kirchen auf 85.000 Quadratmetern früheren Bestattungsflächen kurzfristig Häuser entstehen. Außerdem: ein Lebensmittel- Discounter auf einem früheren Teil des St. Simeon-und-St. Lukas-Friedhofs am Tempelhofer Weg in Neukölln; eine öffentliche Parkanlage auf dem Neuen St. Marien-und-St.Nikolai-Friedhof in Prenzlauer Berg.


Datschen zu Eigentumswohnungen


Nicht mal ein erfolgreicher Bürgerentscheid konnte die teilweise Bebauung der Kleingartenkolonie Oeynhausen in Wilmersdorf stoppen. Zuvor war bereits die Kolonie Württembergische Straße geräumt und ersetzt worden durch die „Rosengärten“, luxuriöse Eigentumswohnungen. Inzwischen hat der Senat einen Fahrplan zur Bebauung innerstädtischer Gartenkolonien erstellt. Nach dem „Kleingartenentwicklungsplan“ könnten in der Stadt ab 2020 von den 2300 Hektar landeseigener Flächen etwa 257 bebaut werden, deren „Schutzfrist“ dann endet.

Flughäfen zu Siedlungen


Vorerst konnten die Berliner per Volksentscheid den Bau von Wohnungen am Rande des stillgelegten Flughafens Tempelhof verhindern – im Fall des Flughafens Tegel ist das nicht zu erwarten. Zwar kämpft die FDP dafür, dass der Flugbetrieb aufrecht erhalten bleibt und der ewig unvollendete neue BER-Airport sorgt dafür, dass die Siedlungspläne in Tegel immer wieder aufgeschoben werden. Beschlossene Sache sind sie aber: 5000 Wohnungen für 10.000 Menschen sollen entstehen. Baustart: 2021 – mutmaßlich.

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