Wirtschaft : Wolf Dieter Gehrt

Geb. 1951

Marc Neller

Wie kann jemand uralte Handschriften und Bücher langweilig finden? An der abgelegenen Stelle, an der sich der Fluss durch das Tal schlängelt, erzeugt er eine kleine Wassermusik. Die alten Kastanien am Ufer bilden ein Dach, das Wolf Dieter Gehrt an einen mittelalterlichen Klostergang erinnert.

Mit Klöstern und dem Mittelalter kennt er sich aus. Er ist Historiker, er kümmert sich um alte Handschriften und Bücher. Ihm ist es ein Rätsel, wie man so etwas langweilig finden kann. Aus welcher Zeit stammt der Text? Aus welchem Kloster – einem bayerischen, schwäbischen oder alemannischen? Gibt es ein Wasserzeichen , welches, was für eine Papierart? Im Mittelalter sah man den Autor selten als Genie an, kaum einmal findet sich ein Verfassername. Das Werk ist alles. Diese Haltung, die Demut vor dem Inhalt, teilt der Historiker.

Ob sich später mal die Forscher so ins 21. Jahrhundert versenken werden? So viel wie heute schon übers Heute geforscht wird – da bleibt für die Philologen der Zukunft kaum was übrig.

Mittelalter-Philologen sind Literatur- Kriminalisten. Und Vielseiter. Man muss sich mit Latein, Mittelhochdeutsch, Mittelaltergeschichte, Papiergeschichte und Einbandgeschichte auskennen.

Ein langjähriger Chef, der sich selbst auch als Freund bezeichnet, sagt: „Wolf hatte ein sehr realistisches Verhältnis zu seiner Arbeit. Er war sehr kompetent, knapp, präzise, pragmatisch. Er konnte sehr gut loslassen, besser als viele Kollegen.“ Handschriften-Katalogisierer müssen sich tief in die Texte hineinarbeiten, um ein gewisses wissenschaftliches Niveau zu garantieren. Zur Oberfläche zurückzufinden, ist nicht so einfach.

Wolf Gehrts Lebensgefährtin sieht das etwas anders als der Chef. „Wolf hat seine Arbeit geliebt, aber der Zeitdruck war immens. Das hat ihn kaputtgemacht.“ Und er habe nie aufgehört zu suchen: „Er sehnte sich immer nach bürgerlicher Geborgenheit.“ In der Bücherwelt befriedigt er sie, mit Thomas Manns Romanen. Bei ihm, dem Akkuraten, dem Ästheten fühlt er sich aufgehoben.

Als er noch viel jünger war, ein hochbegabter Schüler, der eben eine Klasse übersprungen hatte, da benutzte er Bücher, um aus der profanen Welt auszubrechen. Nicht immer begnügte er sich jedoch damit, über Rebellen zu lesen. Er war in der zehnten Klasse, Gymnasium, als die Lehrerin seine Mutter zu sich bat und ihr erklärte, ihr Sohn sei unterfordert und deshalb aufmüpfig. Er zünde Gummireifen an, spiele in Katakomben. Die Mutter nahm ihn von der Schule.

Kaum dass sie beerdigt war, zog der Sohn nach München, holte sein Abitur nach und begann ein Jura-Studium – seine große Liebe war zu dieser Zeit eine Anwaltstochter aus Berlin. Nach einem Semester wechselte er trotzdem: Geschichte, Kunstgeschichte. Er reiste weiter, tiefer in sein Fach, tiefer in die Vergangenheit. Er studierte in Paris und in Siena.

Es gibt einen alten Ausweis. Der junge Mann auf dem Lichtbild sieht aus wie Jim Morrison, der Sänger der Doors. Somnambuler Blick, das Gesicht gerahmt von langen, dunkel gelockten Haaren. Mit den leicht eingefallenen Wangen wirkt er zerbrechlich und geheimnisvoll. Spätere Fotos zeigen ihn in perfekt sitzenden Anzügen aus Italien oder Frankreich im Büro der Staatsbibliothek, beamtenbrav, die Haare längst gestutzt. Was hat dieser Wolf Gehrt, dessen Texte von preußischer Knappheit sind, mit jenem jungen Mann auf dem Passbild zu tun? Bei beiden kann man einen sehnsuchtsvollen Blick erkennen, immerhin.

Es ist eines der letzten Fotos von Wolf Gehrt, das auf den ersten Blick gewöhnlich aussieht. Genauer betrachtet, scheint es das Wesentliche zu enthalten. Es zeigt einen Mann auf einem Campingstuhl, lesend. Irgendwo im Hintergrund musiziert der Fluss unter dem Blätterdach der Kastanien. Es ist ein weltferner Ort, wie ein Kloster. Ruhe. Es ist der Ort, an dem eine halbe Stunde später sein Herz stehen bleibt.

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