Wirtschaft : Wolfgang Hempel

Geb. 1927

Kerstin Decker

Sie nannten ihn „Doktor“. Dabei war er Evangelist. Die DDR, wissen Insider, besaß vier Evangelisten. Die vier Evangelisten hießen Wolfgang Hempel, Werner Eberhardt, Hubert Knobloch und Heinz Florian Oertel. Die frohen Botschaften, die sie überbrachten, bestanden meist aus kurzen Zahlenkombinationen, welche jedesmal bemerkenswerte Wirkungen bei der Gemeinde erzeugten. Etwa der Ruf: 0:2! Alles kommt darauf an, wie man das betont. Und wie man den Doppelpunkt ausspricht. Wolfgang Hempel war Meister in beiden Disziplinen. Nur Mathematiker glauben, Zahlen seien völlig neutral.

Die Lieblingsmannschaft des Erfurter Jungen war Schalke 04, und am 22. Juni 1941 fuhr er mit seinem Vater nach Berlin. Schalke stand im Endspiel gegen Rapid Wien. Es wurde einer der schlimmsten Tage im Leben des jungen Hempel, denn Schalke verlor. 3:4. Am selben Tag eröffnete Hempels Vaterland noch ein anderes Endspiel. Genau an diesem 22. Juni 1941 überfiel es die Sowjetunion. In dieses Endspiel geriet Hempel selbst mitten hinein, war, keine achtzehn Jahre alt, erst Flakhelfer und dann Kriegsgefangener. Warum fiel ihm bei diesem 22. Juni 1941 trotzdem immer Schalke ein?

1952 fuhr der Ex-Sparkassenlehrling Hempel mit einem Ex-Schauspieler in den Prenzlauer Berg. Dimitroffstraße 12b. Hier sollte eine Dame wohnen, die ein Zimmer zu viel hat, weshalb der Schauspieler und er jetzt bei ihr einziehen wollten. Beide junge Abgesandte des jungen DDR-Rundfunks, die künftigen Sportreporter der Nation. Der Nicht- mehr-Schauspieler hieß Heinz Florian Oertel, irgendeine innere Stimme hatte ihm geflüstert, dass er doch nicht Hamlet ist, worauf Oertel beschloss, seine rhetorischen Fähigkeiten der Sportreportage zu widmen. Sport – Theater mit anderen Mitteln? Kann sein, dass dem Sparkassenlehrling Wolfgang Hempel das gleich verdächtig war. Er konnte die Sparkasse und die wirklich ernsten Dinge des Lebens immer auseinander halten.

Denn Fußball, erklärte er, Fußball ist Kunst. – Ist es nicht, antwortete der Nicht-Hamlet. – Guck dir die Ungarn an. Guck sie dir an!, sprach Hempel. Die Ungarn Anfang der fünfziger Jahre kamen für ihn gleich nach Schalke oder sogar noch davor. Zumindest einzeln waren sie noch besser als die von Schalke, eben Künstler. – Fußball ist trotzdem keine Kunst, das ist Artistik, widersprach Oertel, der schon mal die Spiele von „Aktivist Brieske Senftenberg“ übertragen hatte. Aktivist Brieske Senftenberg! Der Schalke-Fan und Ungarn-Enthusiast dachte, das könnte schwierig werden. Ein Zimmer mit jemandem teilen, der nicht weiß, dass es nichts Höheres auf der Welt gibt als Fußball? Nicht einmal den Sieg des Sozialismus. Höchstens noch Eishockey. Oder Skat. Da ahnte Wolfgang Hempel, Sportreporter bei Radio DDR, noch nicht, dass er dieses kleine Prenzlauer-Berg-Zimmer volle zehn Jahre mit Oertel, dem Fußball-Skeptiker, Sportreporter des Berliner Rundfunks teilen würde.

Oertel war genauso alt wie er, war wie er Soldat gewesen und Kriegsgefangener. Nach dieser großen Endspielerfahrung fanden es beide nicht gut, dass die Nazisportführer Carl Diem und Ritter von Halt auch die neuen Sportführer im Nachbardeutschland waren. Da fanden sie die DDR überzeugender. Das sagten sie auch dem West-Berliner Kaufmann, der immer kam, um ihre Wirtin zu besuchen.

Trotz der politischen Agitation durften beide bald Mädchen mitbringen. Immer, wenn Hempel dran war, lief Oertel den Abend lang durch den Prenzlauer Berg – und umgekehrt. Oertel musste öfter durch den Prenzlauer Berg laufen, denn Wolfgang Hempels Erfolg bei den Frauen war schon in Erfurt bemerkenswert gewesen. Meist stellte er sich ihnen als Kreistierarzt Doktor Lellebäppel vor. Mit Titel, fand er, hat der Mensch doch gleich eine ganz andere Glaubwürdigkeit. Zwar fand Hempel dann bald seine Frau, sie kam aus Erfurt wie er, und er hätte den Titel wieder ablegen können, aber es war zu spät. Er hieß „der Doktor“, und wer ihn nicht kannte, glaubte erst recht an den Akademiker Hempel.

Hempel und Oertel hatten wenig Chancen, nicht zusammen zu sein, auch jenseits des Prenzlauer Bergs. Schließlich konnte die DDR nicht jedem ihrer Reporter ein extra Hotelzimmer bezahlen. Schon gar nicht im Westen. So fuhren sie 1954 nach Bern und teilten sich ein Zimmer. Die ganze Welt bestand nur noch aus Fußball; Hempel erschien das sehr realistisch, nur Oertel störte. Denn Oertels Welt bestand gerade vor allem aus Bauchschmerzen. Mit den Bauchschmerzen übertrug er noch das Vorrundenspiel Deutschland gegen Ungarn, beim Endspiel lag er im Krankenhaus. Blinddarmdurchbruch. Hempel war allein als Reporter.

Oertel hat nicht gehört, was der Kollege rief, als es aus war. In dem Schweizer Krankenhaus hatte Radio DDR keinen Empfang. „Schlusspfiff, Schlusspfiff im Berner Wankdorf! Das Unvorstellbare ist passiert! Die westdeutsche Nationalmannschaft wird Fußball-Weltmeister 1954 im Endspiel gegen Ungarn“, rief Hempel. Andere wollten gehört haben: „Aus! Aus! Ein Unglück ist geschehen!“ Hempel bekam viel böse Post; jemand wollte die „Kommunisten-Sau“, sogar auf dem Marktplatz von Wittenberg neben Walter Ulbricht aufhängen. Natürlich, er liebte die Ungarn, aber deshalb parteiisch Bericht erstatten? Über Fußball? Niemals. Hempel war tief gekränkt.

Oertel tröstete ihn. Fußball sei doch ohnehin ein Spiel der Unwahrheiten: Manchmal bekommt der schlechteste Spieler den Ball an den Hinterkopf, und der geht ins Tor. Das sei Fußball, nun, vielleicht nicht das Wesen, aber... Der Sportreporter von Radio DDR sah den Sportreporter des Berliner Rundfunks lange an und wusste, dass Oertel niemals das Wesen des Fußballs begreifen würde. Hempels bester Freund wurde Rudi Michel, der oberste West- Fußballreporter. Sie trafen sich auf der ganzen Welt. Hempel wurde dann auch noch der beste Eishockey-Reporter der DDR; Oertel übertrug Eiskunstlaufen. Hempel hielt das für symptomatisch.

Einmal, am 22. März 1986 in Leipzig, hat sich Hempel schwer geirrt. Seit 1979 wurde der Berliner Fußballclub BFC Dynamo ununterbrochen DDR-Meister. Außerhalb Berlins hieß der BFC nur der Stasi-Verein, auch weil Mielke oberster BFC-Fan war. Es stand 1:0 im Spiel Lok Leipzig gegen BFC, die Spielzeit war längst um, aber der Schiedsrichter pfiff nicht ab, dreizehntausend Leipziger warteten auf den Schlusspfiff, und dann pfiff der Schiedsrichter: Elfmeter für den BFC! Und Hempel schrie ins Mikrofon, was alle Leipziger dachten: „Das kann doch wohl nicht wahr sein!“ Die Leipziger dachten nicht nur, sie tobten. Sie tobten so sehr, dass der Schiedsrichter umgehend suspendiert werden musste, um das Schlimmste zu verhüten. Der Schiedsrichter schrieb an Erich Honecker – vergebens. Erst Jahre nach der Wende zeigte der MDR ein Video, aus anderer Perspektive aufgenommen, und jeder sah, dass der Schiedsrichter den Elfmeter zu Recht gegeben hatte. Sogar Hempel hat das nicht gesehen. Aber er stand schon damals, 1986, auf der richtigen Seite. Auf der Seite des Volkes. Bei den Leipzigern.

Unterwegs zu den Wettkämpfen dieser Welt spielte Hempel am liebsten Skat, und wenn nirgends ein dritter Mann aufzutreiben war, durfte Oertel mitspielen. Er war gefürchtet als dritter Mann. Denn Oertel langweilte sich beim Skat, weshalb er seinen Kollegen vieles erzählte, was keiner hören wollte. Etwa, dass seine Lieblingsdisziplin noch vor jeder Sportart die Rhetorik sei. Hempel schaute dann immer auf Oertel wie auf einen Außerirdischen, und wenn dieser dann erklärte: Eigentlich müsst ihr alle erst einmal zur Sprecherziehung!, schwor sich Hempel, nie wieder mit Oertel Skat zu spielen. Und wenn Oertel dann beim „Sport als Metapher des Lebens“ war, wusste Hempel ganz deutlich, was ihn auf immer von ihm trennte: Der Sport ist keine Metapher. Nicht einmal Skat ist eine Metapher.

Als Radio DDR genau wie der Berliner Rundfunk „abgewickelt“ wurden, waren Hempel und Oertel 64 Jahre alt. Sportreporter mit fast Siebzig sind albern, fanden beide. Die Tore ihres Lebens waren drin. Also aufhören? Hempel versuchte es noch einmal über die ARD. Und verstummte vor dem Kurz-Sprech der neuen Jungdynamiker. Die alten und noch nicht ganz so alten Ost-Reporter trafen sich nun am ersten Montag jedes Monats in einem Vereinsheim in Berlin. Hempel kam immer von Erfurt, denn kein echter Thüringer lässt sich in Berlin ganz naturalisieren. Plötzlich war vieles anders. Von Rot-Weiß Erfurt sprach keiner mehr, aber die Cottbuser konnten plötzlich Fußball spielen. Energie Cottbus! Oertel kam aus Cottbus.

Im letzten Jahr fehlte Wolfgang Hempel schon an den Montagen. Er hat seinen Schlaganfall nur um ein knappes Jahr überlebt.

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