Wirtschaft : Wolfgang Reuter

(Geb. 1936)||„Lieber Gott, wenn das wird, schenken wir dir eine Fußball- mannschaft“

Kirsten Wenzel

„Lieber Gott, wenn das wird, schenken wir dir eine Fußball- mannschaft“ Mit einem Handtaschenraub fing alles an. Im Prater, Prenzlauer Berg ließ er das gute Stück in einem unbeobachteten Moment mitgehen. Andere Versuche hatten partout nicht gefruchtet: Lächeln, Zuwinken, zum Tanz auffordern – alles zwecklos. Die junge Frau, die ihm so außerordentlich gefiel, würdigte ihn keines Blickes. Er war zu klein, zu blond, so gar nicht ihr Typ. „Ist das ihre?“, fragte er sie am Ausgang und streckte ihr mit der Tasche noch ein paar Blumen entgegen. Sie nahm an: die Tasche, die Blumen – und später auch den Mann, „weil er ja an und für sich ganz in Ordnung war“.

Der unscheinbare Dachdecker und die hübsche Konfektionsbüglerin: Nach schwierigen Jahren begann das Familienleben. Das erste Kind starb vor der Geburt, das zweite auch. Und als auch das dritte im Kreissaal Probleme machte, da soll, so geht die Legende, Vater Reuter gesagt haben: „Lieber Gott, wenn das jetzt was wird, schenken wir dir eine Fußballmannschaft.“ Das Kind kam gesund zur Welt. Nun war er in der Pflicht. Beim lieben Gott und bei seiner Frau.

Seine Familie wurde also größer, zog im Mietshaus am Helmholtzplatz von der Einraum- in die Zweiraum- und dann in die Dreiraumwohnung im Parterre und von da in die Vierraumwohnung in der Schönhauser Allee. Doppelstockbett stand eng an Doppelstockbett, und in den Betten schliefen irgendwann sieben Mädchen und drei Jungs. Ob Wolfgang Reuter sich eine so große Familie wirklich gewünscht hat? „Beschwert hat er sich jedenfalls nie“, sagt seine Frau. Und als bei der Geburt des zehnten Kindes die Krankenschwester fragte: „Wollen Sie es vielleicht weggeben?“, da sagte er: „Das kriegen wir nun auch noch satt.“

Die Rollenaufteilung war glasklar: Die Mutter sorgte für die Kinder, er ging arbeiten, erst auf dem Bau, später als Möbelfahrer. War oft lange weg und längst unterwegs, wenn sich sein Nachwuchs zum Frühstück am Ofen in der Küche versammelte und 20 Schrippen verspeiste. Vor dem Badezimmer bildete sich nicht selten eine Warteschlange. Er brachte, so gut er konnte, Ordnung ins Chaos, sprach Machtworte und schrieb säuberlich Tabellen, wer wann womit dran war: Abwaschen, Putzen, Müll runterbringen, mit dem Hund rausgehen. Er kontrollierte auch jede Woche den dicken Stapel mit den Hausaufgaben und half am liebsten bei kniffligen Mathematikaufgaben. Eine Tochter erinnert sich noch gut an die Lehrerfrage: „Na, Fräulein Reuter, wie hat denn der Herr Papa das wieder gelöst?“

Was er für ein Mensch war? Geduldig und fleißig. „Vielleicht hätte er gern studiert“, sagt seine Tochter. Das Tüfteln lag ihm, Zahlen, die großen Geduldsaufgaben. Doch gesprochen hat er nicht davon. Es gab immer was zu arbeiten, zu reparieren, und sogar abends beim Fernsehen webte er noch Teppiche.

Das Kostgeld, das er am Dienstagabend in die Kassette in der Küche legte, war meist schon am Montagmorgen aufgebraucht. Doch die Reuters machten kein Drama daraus: Es reichte für den Kasslerbraten am Samstag, Kakao, Nudeln mit Jagdwurstwürfeln am Dienstag. Und auch für Butter zu den Pilzen, wenn der Vater mit einem großen Korb aus dem Wald kam. Am Tisch sagte die Mutter dann halb im Spaß, halb im Ernst: „Kinder, noch nicht losessen, erst mal sehen, ob der Papa grün im Gesicht wird.“ Dann wurde laut gelacht – und zehn Minuten gewartet, bis zur Entwarnung.

Den robusten Humor brauchten die Reuters oft, von der Geburt im Wohnzimmer bis zum zehnfachen Ausbruch der Gelbsucht. „Zehn Kinder“, sagt Frau Reuter heute, „das ist gar nicht so wild. Die erziehen sich doch untereinander.“

Ihre Wohnung, das war eine kleine Welt für sich, weit weg von der Politik der Deutschen Demokratischen Republik. Und wenn die Frau vom Amt nicht extra vorbei geschaut hätte, um zu sagen: „Ihnen stehen doch eine Waschmaschine und ein neuer Fernseher zu“, hätte Frau Reuter wohl noch länger die Wäsche mit dem Brett geschrubbt, und beim Fernsehen hätte weiter eines der größeren Kinder abends die Antenne halten dürfen.

Als die Wende kam, waren die Kinder zum Glück schon groß. An den Mietpreisen spürten die Reuters den Wandel der Zeiten am deutlichsten. Für ihre 150 Quadratmeter-Wohnung hatten sie 138 Mark Miete gezahlt, im Kapitalismus wurde flugs eine Arztpraxis daraus. Und Wolfgang Reuter und seine Frau gehörten zu den vielen, die wegziehen mussten aus Prenzlauer Berg. Raus nach Hellersdorf, in das Hochhaus mit Grünblick.

Die Kinder brachten nun die Enkelkinder zu Besuch, und wenn sie wieder fuhren, war es ungewohnt still in den zwei Zimmern. Rentner wurde Wolfgang Reuter mit 60. Er hatte jetzt viel Zeit für neue Webteppiche, das Puzzle der New Yorker Skyline, den detailgetreuen Nachbau der Titanic. „Wunderbar“, sagt seine Frau, „wenn nur die Gesundheit besser mitgespielt hätte.

Als er noch Möbel schleppte, da fehlte er keinen einzigen Tag bei der Arbeit, kannte nicht mal einen Schnupfen. Nun folgten im Abstand weniger Jahre: der Zucker, der Magendurchbruch, Bypässe in beiden Beinen. Und dann stürzte er auf dem Weg zum Kühlschrank und musste ins Krankenhaus. Schlaganfall. „Haste Zigaretten dabei?“, fragte er seine Frau, als sie an seinem Bett in der Notaufnahme stand. „Ich dachte, der erholt sich wieder“, sagt sie. In der Nacht danach blieb sein Herz stehen.

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