Wirtschaft : Wolfgang Richter

Geb. 1928

Marc Neller

Eines seiner Lieder kennt das ganze Land. Auch der Papst hat es gemocht Es ist der 21. November 1959, neun Uhr am Abend. Das Telefon klingelt. Die Frau am anderen Ende der Leitung klingt aufgeregt. Ob Wolfgang Richter nicht ein Lied für die Kinderredaktion schreiben könne? Bis morgen? Es sei sehr wichtig. Einen Text gebe es schon, sie brauche nur noch die Melodie.

Beim Fernsehen der DDR geht das Gerücht um, der Sender Freies Berlin plane ebenfalls eine Sandmännchen-Sendung. Kalter Krieg, Wettbewerb der Systeme: Man will schneller sein als die Westkonkurrenz. Aber davon spricht die Redakteurin nicht.

„Mal sehen. Ich versuche es.“

„Hast du was zu schreiben?“ Sie diktiert ihm: „Kinder, liebe Kinder, es ist noch nicht soweit“.

Der Text gefällt ihm. Er setzt sich an seinen schwarzen Flügel. Nach drei Stunden ist die Melodie fertig, die noch heute allabendlich aus dem Fernseher klingt, das Sandmann-Lied. Am nächsten Morgen lässt der Sender die Noten abholen. Das Komitee ist unzufrieden. Die Melodie sei zu kompliziert, nichts, das man sich merken könne, geschweige denn mitsingen. Da aber die Zeit drängt, gesteht man Richters Komposition vier Wochen Probezeit zu. Das Ost-Sandmännchen läuft gerade ein paar Tage, da überhäufen die Eltern und Großeltern den Deutschen Fernsehfunk in Adlershof mit Lob für die schöne Titel-Musik.

Jahre später kommt ein Fanbrief aus Rom. Der Papst schreibt, dass er das Sandmännchen gesehen habe, als er noch in Polen lebte. Das Lied habe ihm gefallen. Wolfgang Richter schickt ihm eine Kassette. Der Papst lässt antworten, er freue sich außerordentlich über das Geschenk.

Wolfgang Richter ist Pianist, eigentlich. Ein Pianist, der Lehramt studiert hat, um zu begreifen, was in Kindern vorgeht. Er liebt klassische Musik, Bernstein. Und auch schwere Werke wie die von Wagner. Und er liebt Kinder. Wie Helga, eine Regisseurin, mit der er im Sender an Konzepten für die Kindersendungen arbeitet. Weil das Rundfunkstudio erst spät abends für die Fernsehleute frei ist, nehmen sie seine Melodien oft nachts auf. Sie wird seine zweite Frau, da ist er Mitte, sie Anfang dreißig.

Ein Pianist liebt die Musik bedingungslos, sagt Wolfgang Richter, sonst ist er keiner. Als Junge übte er, während draußen auf der Straße die Freunde und die Nachbarskinder spielten. Mit sechzehn ließ er das Tennisspielen sein; der Klavierlehrer hatte gesagt, die Handgelenke würden hart davon. „Musik braucht Liebe und Begeisterung. Beides kann man nicht erzwingen.“ Aber wenn die Überzeugung fehlt, merkt das jemand mit einem unerbittlichen Gehör sofort. Sein älterer Sohn unternimmt deshalb seine Versuche mit dem Horn auf der Kellertreppe, wo der Vater ihn kaum hören kann. Und Wolfgang Richters Frau und seine Freunde hoffen inständig, dass sie die Töne treffen, wenn sie eine Gartenparty spät am Abend ins Haus verlagern, der Hausherr sich ans Klavier setzt und sie anfangen zu singen. Wenn der einen Fehler bemerkt, zwinkert er streng mit dem Auge.

„Er konnte seeeehr direkt sein“, sagt seine Frau. Ein Diplomat ist er nicht, aber er ist angezogen wie einer. Er trägt maßgeschneiderte Anzüge und möglichst ein weißes Hemd dazu.

Mit seiner Musik ist er am liebsten alleine, oft spielt er nachts. Ein Leben ohne Musik gibt es für ihn nicht, aber sie bestimmt nicht alles. Dafür ist ihm die Familie zu wichtig. Man könnte auch sagen: Nur mit seiner Musik ist er gern alleine. Sonst ist die Einsamkeit gar nicht seine Disziplin. Sehr oft sind Freunde zu Besuch, in den Ferien kommen die Enkelinnen nach Wilhelmshagen. Zum Schluss der Ferien geben die Großeltern für sie und ihre Freundinnen eine Abschieds-Party. „Schöne Mädchen – und klug“, sagt er stolz, „schön und klug, das ist wichtig“. Eines der Mädchen studiert dann Kunstgeschichte in Heidelberg. Das imponiert ihm besonders.

Wolfgang und Helga Richter sehen sich am Tag im Sender und abends zu Hause. Zu viel sind sie sich nie. Sie gehen im Wald und am Müggelsee spazieren, der nur ein paar Minuten von ihrem Haus entfernt liegt. Sie lesen, jeder in einer Ecke des Wohnzimmers, er, der Atheist, sehr gerne Bücher über Kirchengeschichte und historische Romane. Als sie mal auf Kur ist, haben beide eine solche Sehnsucht, dass sie eine Woche früher zurückkommt. Und einmal sagt die Nachbarin: „Frau Richter, ich weiß immer, wann sie unterwegs sind. Ihr Mann läuft dann stundenlang im Vorgarten auf und ab.“

Und auch da ist er konsequent: Mit dem Sterben wartet er, bis seine Frau bei ihm ist. Sie war eine Woche am Bodensee, der Sohn hat ihn versorgt. Am Freitag kommt sie zurück. Am Sonnabend frühstücken sie gemeinsam, dann legt er sich zum letzten Mal hin.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben