Wirtschaft : Wolfgang Simon

(Geb. 1939)||„Wir wollten dich besuchen.“ „Das ist ja schön für euch.“

Veronika de Haas

„Wir wollten dich besuchen.“ „Das ist ja schön für euch.“ So mancher, der Wolfgang Simon kennen- lernte, wollte ihn danach nicht so schnell wiedersehen. Wie er hochnäsig die Leute um sich beobachtete und dabei allwissend vor sich hingrinste. Als Jola und ihre Freundin einmal in seiner Praxis standen und sagten: „Hallo Wolfgang, wir wollten dich besuchen“, sagte er nur: „Das ist ja schön für euch.“ Als sie dennoch mit ihm was trinken gehen wollten, erklärte er: „Das können wir machen. Aber nicht heute“.

Dabei fand er Jola schon immer gut. Wenn andere über ihn bestimmen wollten, wurde er aber widerspenstig. Das war auch schon bei Bayer in Leverkusen so. Dort war er nach der Schule zum Kaufmann ausgebildet worden und blieb nach der Lehre, weil ihm ein Posten im Ausland versprochen wurde. Dann durfte nicht er, sondern ein Kollege gehen. Wolfgang kündigte sofort, suchte sich eine neue Stelle und meldete sich beim Abendgymnasium an. Mit 30 hatte er das Abitur, mit 35 war er Zahnarzt. Und Chef in seiner eigenen Praxis. Dort lernte er auch die junge Polin Jola kennen. Sie war seine Patientin.

Unbequem und uncharmant war Wolfgang, sagen die einen. Total schüchtern war er, sagt Jola. Als er sie fragte: „Fährst du mit mir in die Toskana?“, war er verlegen wie ein kleiner Junge. „Gute Idee“, antwortete Jola, „aber nicht jetzt.“

Später haben sie sich doch verliebt. Ungefähr zehn Jahre nach ihrem ersten Treffen. Wolfgang war schon fünfzig. Das Kapitel Liebe hatte er eigentlich längst abgehakt, und Jola hatte seiner renitenten Art zunächst nicht viel abgewinnen können. Doch die Kratzbürstigkeit verwandelte sich in fürsorgliche Zuneigung, wenn ihm jemand wichtig war. Allmählich hatte er Jolas Herz erobert, und dann waren sie unzertrennlich.

Der Dottore, wie ihn die Freunde in der Toskana nannten, bekam wegen seiner Arthrose die Rente schon ab 61. Kurz darauf wurde Darmkrebs diagnostiziert. Für ihn stand da fest: Ein Hund muss jetzt her. Er hatte schon immer einen haben wollen, jetzt blieb keine Zeit mehr, Wünsche aufzuschieben. Dass der Mietvertrag keine Haustiere erlaubte, weckte nur den alten Widerstandsgeist. Monatelang stritt er sich herum und ließ schließlich das Gericht entscheiden. Labrador Aimy hatte er natürlich lange vor dem Urteil beim Züchter ausfindig gemacht.

Ohne Aimy und Jola, da war er sich sicher, hätte er kürzer gelebt. Umgekehrt kümmerte er sich um die beiden, als wäre er gar nicht krank. Trotz Chemotherapie und Schmerzen stand er nachts zwei Mal auf, um den Welpen auszuführen, fuhr, so oft es ging, mit ihm zu seinem Häuschen an der Ostsee. Die Kavalierspflichten Jola gegenüber vergaß er sowieso nie, selbst wenn ihm hundeelend war. Kurz nachdem er aus der Narkose seiner letzten Operation erwacht war, stand er, wacklig und weiß, mit Blumen in jenem anderen Krankenhaus, aus dem Jola nach einem Unfall gerade entlassen werden sollte. Sie war erschrocken über seinen Anblick und sauer, dass er sich partout nicht schonte. Ihr Ärger war ihm vollkommen unverständlich: „Was denn? Ich muss dich doch abholen.“

Wenn es um die Hochzeit ging, sagte Wolfgang: „Meine Papiere liegen parat“. Jolas Unterlagen in Polen zu besorgen, war etwas komplizierter. Als sie eines Tages sagte: „meine auch“, fuhren sie direkt aufs Standesamt und bekamen einen Termin für übermorgen, 14 Uhr.

Wolfgang wartete schon in Anzug und Fliege, mit Blumen und Champagner, als Jola von der Arbeit kam. „Wenn ich heirate, dann will ich auch betrunken sein“, sagte er und küsste sie. Als die Ärzte ihm knapp zwei Jahre später erklärten: „Wir können nichts mehr für sie tun“, rief er Jola an und weinte.

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