• Worauf wir abfahren - ist das Automobil ein so emotionales Produkt, dass wir die von ihm verursachten Schäden billigend in Kauf nehmen? (Leitartikel)

Wirtschaft : Worauf wir abfahren - ist das Automobil ein so emotionales Produkt, dass wir die von ihm verursachten Schäden billigend in Kauf nehmen? (Leitartikel)

Alfons Frese

Eine gute Zeit zum Feiern. Die Autoindustrie präsentiert sich auf der Internationalen Automobilausstellung so stark wie noch nie. Abgesehen von einigen wenigen Krisenregionen läuft der Absatz in aller Welt hervorragend; die Leute mögen Autos. 51 Weltpremieren - auch das ein Rekord - sind auf der Frankfurter Schau in den nächsten Tagen zu besichtigen. Größer und schneller, teurer und stärker - mit glänzenden Augen werden sich knapp eine Million PS-Freaks die Rennwagen von VW, BMW und Mercedes anschauen. Aber wo sind die Zweifel am Automobil geblieben? Vergangen und vergessen scheinen die Anklagen gegen den Baum- und Klimakiller. Lärm und Abgase, Staus, Energieverschwendung und Tote - fast jede Minute stirbt auf der Welt ein Mensch im Straßenverkehr - beeinträchtigen die Freude am Fahren kaum. Ist das Automobil ein so emotionales Produkt, dass die von ihm verursachten Schäden billigend in Kauf genommen werden?

Kein anderer Industriezweig hat die Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert so geprägt wie der Automobilbau; in Deutschland hängt heute immer noch jeder siebte Arbeitsplatz am Auto. Den Anfang der Erfolgsgeschichte schrieb Henry Ford mit dem T-Modell in den 20er Jahren. Erstmals kam ein Fahrzeug auf den Markt, das sich auch diejenigen kaufen konnten, die es zusammengebaut hatten. Nach diesem Quantensprung - das Auto wurde vom Luxusspielzeug zum Allgemeingut - war die Massenmotorisierung nicht mehr zu stoppen. Inzwischen fahren mehr als eine halbe Milliarde Pkw auf dem Globus herum, jeden Tag kommen einige Zehntausend hinzu. Das Auto ist - egal auf welchem Kontinent - das bedeutendste Wohlstandssymbol geworden. Mit dem persönlichen Transportmittel stieg die Lebensqualität. Die Trennung von Arbeit und Wohnen wurde durch das Auto erleichtert. Es eröffnete neue Dimensionen der Freizeit- und Urlaubsgestaltung.

Das Auto verheißt Individualität, Freiheit, Macht und sogar Erotik. Letzteres trifft vor allem auf Männer zu, bei denen die Motorleistung des Wagens eine zentrale Rolle spielt. Je stärker die Beschleunigung, je höher die Geschwindigkeit, desto größer die Faszination des Automobils. Das gilt gleichermaßen für Mantafahrer wie für die Herrschaften in blinkenden Limousinen auf der linken Autobahnspur. Die Demonstrationen von Kraft und Tempo erinnern den Psychologen Hugo Schmale zwar an das "Imponiergehabe von Affen". Doch das Auto ist nun einmal kein Gebrauchsgegenstand, mit dem der Nutzer von A nach B fährt. Es vermittelt das Gefühl der Beherrschung von Raum und Zeit. Diese hochemotionale Wertschätzung belegen die Reaktionen auf gelegentliche Versuche, dem Auto per Tempolimit oder drastischer Spritpreiserhöhungen Schranken zu setzen. Eine solche Politik wird als Freiheitsberaubung empfunden.

Der größte Feind des Autos ist der eigene Erfolg. Vollgestopfte Straßen blockieren die "freie Fahrt für freie Bürger". Zwar haben die Einführung des Katalysators sowie sparsamere Modelle Rechtfertigungsdruck vom Auto genommen. Aber es ist gar nicht auszudenken, wenn es etwa in China schon heute eine ähnliche Motorisierung gäbe wie im Westen. Und in diese Richtung geht es. Auch deshalb meint beispielsweise BMW-Vorstand Horst Teltschik, das Thema Umwelt sei für die Autohersteller "überlebenswichtig". In den Entwicklungs abteilungen wird das auch so gesehen. Die Ingenieure arbeiten an Alternativen zum Ottomotor: Elektrofahrzeuge, Erdgas- und Wasserstoff-Motoren sollen Benzin ersetzen. Doch das wird noch einige Jahre dauern. Im Glanz von Traumautos und Absatzrekorden wird in Frankfurt jetzt erstmal gefeiert.

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