Wowereit und Platzeck im Interview : "Hier ist die ILA groß geworden"

Klaus Wowereit und Matthias Platzeck, Regierungschefs in Berlin und Brandenburg, wollen die Luftfahrtmesse ILA in der Region halten.

Gemeinsam auf der Baustelle. Klaus Wowereit und Matthias Platzeck ziehen beim BBI und bei der ILA an einem Strang. Foto: Thilo Rückeis
Gemeinsam auf der Baustelle. Klaus Wowereit und Matthias Platzeck ziehen beim BBI und bei der ILA an einem Strang. Foto: Thilo...

Herr Ministerpräsident, Herr Regierender Bürgermeister, Sie haben am Freitag das Richtfest am Flughafen in Schönefeld gefeiert. Ein großer Tag für beide Länder?

WOWEREIT: Ein sehr großer Tag. Wir stehen kurz vor der Eröffnung des BBI, des Willy-Brandt-Flughafens. Das war ein hartes Stück Arbeit, es gab manche Irrungen und Wirrungen, aber in den letzten Jahren haben wir gezeigt, dass wir dieses riesige Infrastrukturprojekt erfolgreich umgesetzt haben. Immerhin sind wir bei einem Bauvorhaben der öffentlichen Hand bis heute sowohl im Zeit- als auch im Kostenrahmen.

PLATZECK: Ich glaube, das war für viele Menschen ein wirklicher Glückstag. Für mich persönlich hat sich so ein Kreis von 20 Jahren geschlossen. Anfang der 90er Jahre war ich Raumordnungsminister in Brandenburg. Damals haben wir die ersten Studien und Raumordnungsverfahren für den Flughafenstandort durchgeführt. Heute, 2010, braucht es nicht viel Fantasie, um zu sehen: Das wird ein Flughafen.

In der Nachbargemeinde Selchow wollen Sie das nächste Projekt starten. Die Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung ILA braucht ab 2012 einen neuen Standort, weil der alte nicht mehr zur Verfügung steht, wenn der BBI in Betrieb geht. Schon 2004 hat der Branchenverband darauf hingewiesen. Berlin und Brandenburg haben aber erst jetzt ein Konzept vorgelegt – und Leipzig ist ein starker Mitbewerber. Am Montag entscheidet der Verband. Warum reden wir eigentlich erst heute darüber?

WOWEREIT: Wir reden seit Jahren darüber, und wir waren auch tätig. Nur muss man auch wissen, dass die Planung allein der Bundesregierung Zeit brauchte. Es war zum Beispiel lange unklar, wo die Protokollstrecke des Bundes hinzieht, ob die Flugbereitschaft ganz nach Schönefeld kommt. Darum konnte man bestimmte Flächen nicht vorher vergeben, auch darum war das ein jahrelanger Prozess. Und was man auch nicht vergessen darf: Die ILA ist eine herausragende Veranstaltung, die wir in der Region ohne jeden Zweifel halten wollen, aber sie hat auch einen Zuschussbedarf in Millionenhöhe . Und durch den Neubau sind erhebliche Investitionskosten notwendig, die beide Länder stemmen müssen.

Wie hoch werden diese Kosten sein?

WOWEREIT: Wir rechnen mit 27 Millionen Euro für die Erschließung des Geländes, dazu kommen noch einmal zehn Millionen für die Verbindungswege zwischen den Landebahnen am Flughafen und dem Messegelände. Das ist eine gewaltige Summe.

PLATZECK: Über diese Millionen Euro entscheidet man nicht mit lockerer Hand. Unsere Länder sind wie die gesamte Bundesrepublik in einer finanziell höchst gespannten Situation. Aber: Wir wollten ein Angebot machen, das für uns finanziell tragbar, für die ILA qualitativ angemessen und das nachhaltig ist. Das ist uns gelungen. Das Angebot liegt auf dem Tisch, und ich werbe am Montag persönlich dafür, dass der Zuschlag auch erfolgt.

Womit werben Sie?

PLATZECK: Wir planen hier ein Messegelände, das modernste Technik und kurze Wege ermöglicht. Unser Hauptargument aber ist: Die ILA passt nirgendwo so gut hin wie in diese Region. Hier kommt sie her, hier ist sie groß geworden. Berlin-Brandenburg ist mittlerweile der drittgrößte Standort der Luft- und Raumfahrtbranche in Deutschland. Die ILA ist eine wirtschaftliche, aber auch eine höchst politische Veranstaltung, bei der Kontakte gepflegt werden. Wo kann man das besser als in der Hauptstadtregion? Die unmittelbare Nähe zur Bundesregierung ist ein Standortvorteil, den kein anderer der ursprünglich vielen Bewerber ins Feld führen kann. Das wissen auch alle Beteiligten. Hinzu kommt eine einzigartige Medienlandschaft. Beim Richtfest zum BBI hat man gesehen, wie viele Botschafter anwesend waren. Ob die alle sich für eine Stunde in einen ICE oder ein Flugzeug gesetzt hätten, um nach Stuttgart, Leipzig oder Hannover zu kommen, ist eine hier nicht zu beantwortende, aber nicht ganz unbedeutende Frage.

Wie dauerhaft ist die Lösung in Selchow? Wird die Fläche nicht eines Tages gebraucht werden, um den Flughafen zu erweitern? Sie wollen die Standortdiskussion doch nicht alle acht Jahre wieder führen.

WOWEREIT: Wir sind mit dem BDLI (Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie) bis 2020 durch eine unterschriebene Absichtserklärung in Sachen ILA verbunden. Bis dahin garantieren wir auch die Nutzung des neuen Geländes. Aber wenn der BDLI die Entscheidung trifft, die ILA auch danach in ihrer Geburtsregion fortzuführen, dann sind Matthias Platzeck und ich natürlich offen für eine Verlängerung der Vereinbarung. Die Fläche liegt ja außerhalb des Flughafengeländes, drum herum steht ein Zaun, überzeugen Sie sich selbst.

PLATZECK: Wir, und damit meine ich Politik und Flughafenleitung, sind der festen Überzeugung, dass auch nach 2020 auf diesem Gelände die ILA stattfinden kann und wir den neuen Standort auch durch andere Veranstaltungen bekannt machen werden. Aber lassen Sie uns erst mal abwarten, ob wir den Zuschlag bekommen.

Die ILA ist den letzten Jahren kontinuierlich gewachsen. Gibt es in Selchow noch Spielraum für Erweiterungen?

WOWEREIT: Richtig, die ILA ist seit 1992 in Berlin kontinuierlich gewachsen. die Flächen, die jetzt geplant sind, reichen, aber keine Bange: Es gibt auch noch ausreichend Reserveflächen. Und die Qualität einer ILA hat ja nicht nur mit Masse zu tun. Es geht nicht nur darum, wie viel ausgestellt wird, sondern was ausgestellt wird und wie es ausgestellt wird.

Wie wird der neue Standort zu erreichen sein? Noch hält nicht einmal eine S-Bahn in Selchow.

PLATZECK: Der S-Bahnhof wird bereits gebaut, 2011 zur BBI-Eröffnung soll er fertig sein. Von dort aus kann man zum Messegelände laufen. Eine vierspurige Straße, die die umliegenden Autobahnen auch mit dem ILA-Areal verbinden wird, haben wir schon gebaut. Damit ist klar: Der neue Standort wird wie der BBI nicht nur aus der Luft zu erreichen sein.

Warum konnte man nicht die Flughafengelände in Tempelhof oder Tegel für die Luftfahrtausstellung weiternutzen?

WOWEREIT: Die ganz großen Maschinen können weder da noch dort landen, und in Tempelhof darf das schon jetzt überhaupt niemand mehr. Außerdem: Die ILA prägt die Zukunft, auch deshalb gehört sie zum Willy-Brandt-Airport.

Wer trägt die Kosten für die Investition?

PLATZECK: Die Messe Berlin und die Zukunftsagentur Brandenburg. Für notwendige Kredite bürgen die Länder Berlin und Brandenburg.

Sie regieren beide mit der Linken. In der Partei wollen viele kein Geld ausgeben für eine Ausstellung, bei der Militärflugzeuge beworben werden. Stehen Ihre Koalitionspartner hinter der Bewerbung?

WOWEREIT: In Berlin war das überhaupt kein Thema.

PLATZECK: Wir haben das Konzept gemeinsam beschlossen. Beide Wirtschaftsminister engagieren sich in hohem Maße für die ILA und das weiß auch der BDLI.

Was bringt die ILA für die Region?

PLATZECK: Was nicht jeder sofort zur Hand hat: Die Hauptstadtregion ist der drittgrößte Luftfahrtstandort Deutschlands geworden. Mit MTU und Rolls- Royce haben sich zwei führende Triebwerkshersteller angesiedelt, Rolls-Royce hat zum Beispiel erst vor wenigen Tagen das modernste Testzentrum der Welt in Dahlewitz eröffnet. Dazu kommen viele kleine und mittelständische Betriebe. Die Luftfahrtindustrie allein sichert über 5000 Arbeitsplätze in der Region, sie ist mittlerweile unsere exportstärkste Branche. Bereits heute kommt jeder achte Euro, den die deutsche Luft- und Raumfahrttechnik erarbeitet, aus Berlin-Brandenburg. All diese Firmen haben uns gesagt: Wir brauchen die ILA, sie ist ein exzellenter Werbeträger. Außerdem hat die Luft- und Raumfahrt immer noch eine besondere Anziehungskraft. Eine Kugellagermesse ist auch wichtig, aber sie lockt nicht so viele Menschen an wie die Maschinen, mit denen man in die Luft und in den Weltraum startet. Und potenzielle Besucher wohnen hier. Allein im Nahverkehrsbereich des künftigen ILA-Standortes leben nun mal über vier Millionen.

Was bringt die ILA der Stadt, Herr Wowereit? Beim letzten Mal kamen 240 000 Besucher. Nach Berechnungen der Berliner Messegesellschaft brachten sie mehr als 160 Millionen Euro an zusätzlicher Kaufkraft in die Region, vor allem nach Berlin.

WOWEREIT: Natürlich lassen die Besucher durch Hotelkosten, Veranstaltungen und nicht zuletzt durch Shoppingtouren viel Geld in der Region. Die ILA ist aber auch ein Treffpunkt geworden für Wirtschaftsleute und Politiker aus aller Welt. Das heißt also, mehr als die eigentliche Ausstellung ist die ILA auch eine Fachtagung. Für die Konferenz- und Messestadt Berlin ist das ein absolutes Highlight.

PLATZECK: Das ist richtig, aber auch für unsere regionale Industrie hat die ILA einen hohen Stellenwert. Darum gibt es bei der Bewerbung auch eine einmalige Allianz: Unternehmerverbände, Kammern und Gewerkschaften haben sich in einem gemeinsamen Schreiben an den Branchenverband gewandt und gesagt: Die ILA muss hierbleiben.

Das Interview führten Miriam Schröder und Gerd Appenzeller.

KLAUS WOWEREIT (56) trat schon als Schüler der SPD bei. Der Jurist wurde 1979 Bezirksverordneter in Tempelhof und 1984 Berlins jüngster Bezirksstadtrat. 1995 kam er ins Abgeordnetenhaus. Nach dem Bruch der großen Koalition wählten ihn SPD, PDS und Grüne 2001 zum Regierenden Bürgermeister. Seit 2002 regiert er in einer rot-roten Koalition.

MATTHIAS PLATZECK (56) ist seit 2002 Ministerpräsident in Brandenburg. Der Ingenieur stammt aus Potsdam und nahm an den Verhandlungen des Runden Tisches der DDR teil. 1990 zog er zunächst für die Grünen in den Landtag ein und wurde Minister für Raumordnung. Seit 1995 ist er Mitglied der brandenburgischen SPD, seit 2002 ihr Vorsitzender. mirs

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