Wirtschaft : WTO: Die Volksrepublik China öffnet sich dem Weltmarkt

Harald Maass

Seit er vor dreißig Jahren begann, mit ein paar Tausend Bienen und seiner Familie durch die Provinzen zu ziehen, kennt Chen Zizhong das harte Leben auf der Straße. Alle paar Wochen müssen sie ihre Zelte an einem anderen Ort aufschlagen, um die Bienen mit frischen Blüten zu versorgen. Von den paar Hundert Yuan, die sie mit dem Honig verdienen, kommt die vierköpfige Familie gerade so über die Runden. Bald könnte für die Chens alles noch schwieriger werden. Wenn Peking demnächst der Welthandelsorganisation WTO beitritt, werden Millionen chinesischer Bauern plötzlich mit internationalen Agrarunternehmen konkurrieren müssen. Chen hat sich mit seinem Schicksal abgefunden: "Sollen sie ruhig kommen. Dann werden wir eben noch härter arbeiten."

Eine stille Revolution bahnt sich an im Reich der Mitte. Diesmal sind es nicht die Studenten und Intellektuelle, die es zum Umsturz drängt. Es ist die KP-Führung selbst, die das Land in das wohl größte Abenteuer seit zwei Jahrzehnten stürzt. Nach 14 Jahren Verhandlungen wird Peking Mitglied der WTO. Wie nie zuvor in seiner dreitausendjährigen Geschichte wird sich China der Welt und den Spielregeln des internationalen Handels öffnen. "In der Vergangenheit haben wir den Fluss überquert, indem wir nach den Steinen getastet haben", zitiert der Pekinger Politikwissenschaftler Wang Shan ein Sprichwort. "Jetzt werden wir mit den Reformen auf einer geteerten Straße voranschreiten."

Nie zuvor hatte ein Land so lange und zäh mit den Industrienationen dieser Erde gepokert, ehe es seinen Markt öffnete. Jahrelang schienen die Gespräche in der Sackgasse. Pekings offiziell noch kommunistische Führung hatte Angst, dass die unerfahrenen Staatsunternehmen und jungen Privatfirmen von den internationalen Großkonzernen überrollt werden. Der Westen zögerte, weil man eine Überschwemmung der Märkte mit chinesischen Billiggütern fürchtete. In unzähligen Verhandlungsrunden mit den USA und Europa wurde über Einfuhrzölle und Übergangsfristen gestritten. Im November vergangenen Jahres kam schließlich der Durchbruch: In den bilateralen Verhandlungen mit Washington sicherte Peking eine weitreichende Senkung der Zölle und den Abbau von Handelsbarrieren zu. Im Mai dieses Jahres kam die Einigung mit der EU. In diesen Tagen verhandelt der US-Senat darüber, China den permanenten Meistbegünstigtenstatus als Handelspartner zuzusichern. Die letzte große Hürde vor dem Beitritt wird damit beseitigt.

Für China geht es um mehr als nur Handel. Für die 1,3 Milliarden Chinesen ist es der größte Schritt in Richtung Öffnung und Reformen seit 1978. Damals hatte der Mao-Nachfolger Deng Xiaoping mit dem Spruch "Reich werden ist ehrenhaft" das Ende der chinesischen Planwirtschaft eingeleitet. Fortan durften Chinesen mehr oder weniger frei handeln und kleine Firmen gründen. Mit der WTO lässt China nun endgültig den Kapitalismus ins Land: Vom Bankwesen über die Computerindustrie bis zur Agrarwirtschaft - kaum ein Bereich des Lebens bleibt unberührt. Für ausländische Unternehmer wird sich der Markt öffnen wie nie zuvor. Auf 100 Milliarden Dollar sollen sich bis 2005 die jährlichen Auslandsinvestitionen erhöhen. Die Einkommen in Chinas Städten werden im gleichen Zeitraum um 4,6 Prozent steigen. Bis 2010, schätzt der chinesische Staatsrat, wird China von einem kumulierten Wachstum von mehr als 34 Prozent profitieren. Allein in der Textilindustrie sollen in den fünf Jahren nach dem WTO-Eintritt fünf Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Ein "Jahrhundertdeal", jubeln die Staatszeitungen.

Was die chinesischen Propagandamedien kaum berichten ist: China zahlt für seinen Sprung in den freien Markt einen hohen Preis. Während es den Menschen in den Städten und in Industriegebieten entlang der südlichen Küste deutlich besser gehen wird, sind mehr als 800 Millionen Bauern und Landarbeiter die Verlierer der Reformen. Mit dem WTO-Beitritt werden die Zölle für importierte landwirtschaftliche Produkte drastisch fallen. Statt Tomaten aus Shandong und Reis aus Sichuan werden Chinesen in Zukunft auch Lebensmittel aus Illinois und Thailand in ihren Supermärkten finden. Viele Kleinbauern werden gegen die übermächtige Konkurrenz aus dem Ausland nicht ankommen. Im Vergleich zu den modernen Landwirtschaftsfabriken im Westen sind Chinas Gehöfte unproduktiv und rückständig. Amerikanische Felder sind durchschnittlich 14 Mal größer als chinesische, Europas Bauern beackern immerhin die fünffache Fläche. Chinesische Agrarprodukte sind in der Herstellung rund 30 Prozent teurer als Weltmarktpreise - Sojaöl aus China kostet beispielsweise 50 Prozent mehr als amerikanisches. Schon heute sind 200 Millionen Arbeitskräfte auf dem chinesischen Land eigentlich überflüssig. 50 Millionen Bauern leben unter dem Existenzminimum von 120 Mark im Jahr. Mindestens neun Millionen Bauern und Landarbeitern droht durch WTO die Arbeitslosigkeit. "Wenn die Bauern keine Arbeit in den Städten finden und auch kein Land haben, zu dem sie zurückkehren können, wird es die Gefahr von sozialen Unruhen geben", warnt der Pekinger Wirtschaftsexperte An Deqiang.

Bienenzüchter Chen weiß, dass die Konkurrenz ihm das Leben nicht einfacher machen wird. Mit seiner Frau, Sohn und Schwiegertochter betreut er insgesamt 132 Bienenstöcke. "In Europa kann ein einziger Züchter 500 Stöcke unterhalten. Das ist natürlich effektiver", sagt der 57-Jährige. Den Honig verkaufen sie unterwegs an staatliche Abnahmestellen. 2,7 Yuan - rund 70 Pfennig bekommen sie für das Pfund. "Natürlich mache ich mir Gedanken über die Zukunft", sagt Sohn Chen Jianping. Die Bienenzüchter im Westen seien moderner ausgerüstet und besser organisiert. "Aber bei uns sind die Arbeitskräfte billiger."

Die Gewinner der Reformen sitzen in den Städten. Weil China in der Vergangenheit praktisch alle wichtigen Wirtschaftszweige durch Schutzzölle und staatliche Quotenregelungen geschützt hat, mussten Chinesen bislang für schlechte Qualität und Service viel Geld zahlen. Ein Beispiel ist die Autoindustrie. Ein im nordchinesischen Changchun produzierter Audi A6 kostet 50 000 Mark mehr als in Deutschland - 70 Prozent über dem Weltmarktpreis. Der Grund sind Korruption und die in China übliche Einmischung der Regierungskader in unternehmerische Entscheidungen. Die Qualität ist bei manchen Autoherstellern so schlecht, dass fabrikneue Wagen manchmal schon nach wenigen Wochen in die Werkstatt müssen. Mit der WTO soll sich das alles ändern: Bis 2006 werden die Importzölle für Autos auf 25 Prozent sinken - vor allem für japanische Hersteller öffnet sich damit ein riesiger Markt.

Auch in anderen Branchen reibt man sich die Hände. Amerikanische Filmstudios, die bislang nur zehn Kinofilme nach China exportieren durften, planen Multiplexkinos aufzubauen. "Wir werden endlich all das haben, was es in Europa und den USA auch gibt", sagt die Pekinger Künstlerin Hai Chen. Bei deutschen Unternehmen, von denen viele seit Jahren auf ihre Chance in China warten, herrscht ebenfalls Optimismus. "Der Beitritt ist ein Bekenntnis der Öffnung zur Weltwirtschaft", sagt Ernst Behrens von Siemens, die in den vergangenen Jahren mehr als 40 Unternehmen und Joint Venture in China aufgebaut haben. Vor allem im Bankwesen und im Versicherungsmarkt, die bislang streng vor ausländischer Konkurrenz abgeschottet waren, rechnen sich die die Europäer gute Chancen aus.

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