Wüstenstromprojekt : Desertec setzt auf die Revolution

Das Wüstenstromprojekt Desertec sieht sich durch die Demokratisierung in Nordafrika gestärkt. Die Gesamtkosten für das Projekt, bei dem in der Wüste Solarstrom erzeugt werden soll, werden auf 400 Milliarden Euro geschätzt.

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Durch die Wüste. In Marokko soll 2012 mit dem Bau eines 500 Megawatt Solarkraftwerkes begonnen werden. Spätestens 2016 soll es Strom liefern.
Durch die Wüste. In Marokko soll 2012 mit dem Bau eines 500 Megawatt Solarkraftwerkes begonnen werden. Spätestens 2016 soll es...Foto: AFP

Frankfurt am Main - Auch wenn Nordafrika im Umbruch ist, soll das gigantische Wüstenstromprojekt Desertec vorangetrieben werden. Die Macher und Unterstützer räumen zwar ein, dass durch die Unruhen und Umwälzungen zeitliche Verzögerungen entstehen können. Insgesamt aber sehen sie ihr Vorhaben durch die politischen Veränderungen und die Demokratisierung in Ägypten und Tunesien sogar noch gestärkt, hieß es am Montag bei einer Zwischenbilanz in Frankfurt am Main. Die Gesamtkosten für das Projekt, bei dem in der Wüste Solarstrom erzeugt werden soll, werden auf 400 Milliarden Euro geschätzt. Bis 2050 soll der Strom über Fernleitungen nach Europa fließen und dort 15 Prozent des Strombedarfs decken.

Nachdem in Marokko bereits im nächsten Jahr mit dem Bau eines ersten 500 Megawatt Referenz-Solarkraftwerkes begonnen werden soll, das 2015 oder 2016 mit der Stromproduktion vor allem für Marokko beginnen, aber auch über eine bereits bestehende Leitung durch die Meerenge von Gibraltar auch nach Spanien liefern soll, hat die Desertec-Betreibergesellschaft DII jetzt ein Büro in Tunis eröffnet und beginnt dort mit einer Machbarkeitsstudie für große Solar- und Windenergievorhaben, an der 17 Industriefirmen beteiligt sind.

Dies seien weitere Schritte auf dem Weg hin zur Realisierung der Wüstenstromvision, sagte DII-Chef Paul van Son am Montag. „Die jüngsten Ereignisse in Japan und Nordafrika haben gezeigt, dass die langfristige Entwicklung von ökonomisch sinnvollen und nachhaltigen Energieprojekten in der Wüste notwendig ist.“ Auch zur Schaffung von Arbeitsplätzen vor Ort und zur regionalen und lokalen Entwicklung der Wirtschaft. „Es gibt keinen Rückschlag. Die Umwälzungen helfen uns“, sagte auch Thiemo Gropp, Desertec-Vorstand. Allenfalls in Ägypten gebe es den einen oder anderen Zweifel. Libyen sei derzeit völlig unkalkulierbar.

Vertreter aus Ägypten und Tunesien bekräftigten in Frankfurt, dass allenfalls kurze Verzögerungen denkbar seien. In Ägypten gibt es nach Angaben von Hani El Nokraschy, dem stellvertretenden Aufsichtsratschef der Desertec-Stiftung, Pläne für ein Solarkraftwerk mit einem Solarfeld in Kombination mit einer Meerwasserentsalzungs-Anlage. Nach den Worten von Mohamed Aly El Hamamsy, ehemaliger IBM- und Vodafone-Manager und aktuell Desertec-Vertreter in Ägypten, ist sein Land auf den schnelleren Ausbau von Solar- und Windenergie angewiesen, auch weil die Pläne für ein Atomkraftwerk an der Mittelmeerküste nach den Ereignissen in Japan zumindest auf Eis liegen. Ägypten sei angesichts des starken Bevölkerungswachstums auf Industrialisierung und damit auf mehr Energie angewiesen.

Nokraschy und auch der tunesische Desertec-Gründungsstifter Mouldi Miled wiesen aber auf noch schwierige technische Fragestellungen hin: etwa die Versorgung der Solarkraftwerke mit Wasser. Schließlich müssen die Panel jeden Tag gereinigt werden, um die erforderliche Leistung zu bringen. Außerdem sei noch nicht klar, wie dem Problem von Sandstürmen zu begegnen sei. Miled zufolge wird in Tunesien auch die Frage intensiv diskutiert, ob es mit Desertec nicht eine „neue Form der Kolonialisierung verbunden mit reiner Geschäftsmacherei der Industrieländer und mit neuen Abhängigkeiten“ geben könne. Völlig offen sind denn auch Fragen, zu welchen Konditionen der Wüstenstrom in die europäischen Stromnetze eingespeist werden kann. „Das ist keine triviale Angelegenheit“, sagt Gropp.

In der DII engagieren sich mittlerweile rund 50 Firmen aus Europa und Nordafrika. Aus Deutschland sind unter anderem die Deutsche Bank, Eon, Munich Re, RWE, Schott Solar und Siemens dabei. DII selbst baut nicht, kümmert sich aber um Investoren, Finanzierung und die rechtlichen Rahmenbedingungen.

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