Wirtschaft : WWF macht sich stark für fossile Kraftwerke Naturschützer sehen Stromversorgung gefährdet

Klaus Stratmann (HB)

Düsseldorf - Ausgerechnet die Umweltschutzorganisation WWF pocht auf eine rasche Reform des Strommarkts, damit fossile Kraftwerke am Netz bleiben und neue gebaut werden können. Diese seien wichtig, um die unstete Produktion aus erneuerbaren Quellen abzusichern.

„Der Handlungsbedarf ist enorm“, sagte Regine Günther, Leiterin Klimaschutz und Energiepolitik beim WWF, dem „Handelsblatt“. Nötig sei „ein neues Marktdesign“. Ansonsten sei die Energiewende gefährdet. Günther warnte vor umfangreichen Kraftwerksstilllegungen in naher Zukunft, die die Versorgungssicherheit bedrohen. Ein Blackout, so die Sorge, könnte die Reputation der Erneuerbaren dann nachhaltig schädigen.

Der WWF stützt sich bei seiner Forderung auf eine Studie, die am heutigen Dienstag vorgestellt werden soll und dem „Handelsblatt“ vorliegt. Aus Sicht des WWF verschleppen Politik und Energiebranche das Thema derzeit. „Man kann sich lange darüber unterhalten, wie man die Stilllegung von Kraftwerken verhindern kann, aber irgendwann muss es konkret werden. Weiteres Warten hat keinen Zusatznutzen“, warnte Günther.

Das Gutachten, das der WWF in Auftrag gegeben hatte, zeigt, dass die Diskussion um Stilllegungen unterschätzt wird. „Man muss davon ausgehen, dass in Deutschland fossile Kraftwerke mit einer Kapazität von 15 Gigawatt (GW) in ihrem Bestand gefährdet sind“, sagte Ben Schlemmermeier, Geschäftsführer der LBD-Beratungsgesellschaft. Er ist gemeinsam mit Felix Matthes vom Öko-Institut einer der Hauptautoren der Studie. Zur Einordnung: 15 GW entsprechen der Kapazität von 15 Großkraftwerken. Der Bedarf an Strom liegt in Deutschland im Moment des höchsten Verbrauchs bei gut 80 GW („Spitzenlast“). Schlemmermeier geht davon aus, dass alle fossilen Kraftwerke, die weniger als 2000 Stunden im Jahr laufen, bestandsgefährdet sind.

Weil konventionelle Kraftwerke jedoch immer einspringen müssten, wenn keine Sonne scheint und kein Wind weht, seien sie auf mittlere Sicht unerlässlich.

Matthes und Schlemmermeier schlagen als Lösung das Modell eines „fokussierten Kapazitätsmarktes“ vor. Matthes verspricht sich Effizienzvorteile gegenüber anderen Modellen. Die Betreiber sollen nicht nur für den Stromverkauf Geld bekommen, sondern auch für das Bereithalten von Kapazität. Von dieser Regelung sollen die im Bestand gefährdeten Altanlagen und auch Neuanlagen profitieren. Klaus Stratmann (HB)

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