Wirtschaft : Xetra läutet unwiderruflich das Ende des Parketts ein

ROLF OBERTREIS

Jedoch Reibereien mit den Regionalbörsen / Start ist 1999Von ROLF OBERTREIS

FRANKFURT (MAIN).Für die Oberen der Deutsche Börse AG (DBAG) in Frankfurt gibt es keinen Zweifel: Am 28.November wird die Computerbörse Xetra ­ Exchange electronic trading ­ ihre Arbeit aufnehmen und das Ende des Handels auf dem Parkett einleiten.Auch die hessische Börsenaufsicht gab am Montag grünes Licht.Xetra soll gar zur führenden Computerbörse Europas werden.Die Regionalbörsen drohen dabei unter die Räder zu geraten.Xetra wird nach dem Willen der DBAG vorerst nicht an den sieben kleinen Börsen installiert.Damit dürften sie noch mehr Geschäfte verlieren."Wir wehren uns gegen diese Diskriminierung", sagt Jörg Walter von der Berliner Börse.Der Bundesrat will nun das Börsengesetz ändern, um Xetra auch an den Regionalbörsen zu verankern. Der jahrelange Konflikt zwischen den Regionalbörsen und der großen Börse in Frankfurt ist damit aber nicht vom Tisch.Xetra ist auch ein Politikum.Dabei sind die Börsen in den Regionen nicht gegen die Computerbörse, wie Hans-Joachim Feuerbach, Geschäftsführer der Stuttgarter Börse betont.So wie die bisherige Computerbörse IBIS, über die die 100 wichtigsten Aktien gehandelt werden, soll auch Xetra Bestandteil der kleineren Börsen bleiben.So könnten wichtige Geschäfte und etliche Banken mit ihrer Börsenabteilung gehalten werden.Für die kleinen Plätze ist das eine Existenzfrage."Wenn Xetra ohne uns läuft, werden wir mit dem traditionellen Wertpapiergeschäft Probleme bekommen", sagt Feuerbach.In Berlin hat man sich auf russische Aktien spezialisiert und öffnet die Pforten auch für neue, kleine Unternehmen, die Frankfurt nicht akzeptiert würden.Solche Angebote sollen die wegfallenden Geschäfte im Handel mit den großen Aktien ersetzen und den Bestand der kleinen Börsen sichern. Walter und Feuerbach erbost besonders, daß die Frankfurter Xetra den Regiobörsen verweigern, aber der Wiener Börse kostenfrei anbieten.Für die Berliner ist der Streit mit Frankfurt um so unverständlicher, da man mit der dortigen Börse sowie mit Düsseldorf und München in einer Kooperation steckt, die, so Walter, gut laufe. Der Bundesrat steht hinter den Regionalbörsen.Die Bundesländer ­ bis auf Hessen, das natürlich auf Frankfurt setzt ­ verstehen ihre Börsen als Teil der föderalen Eigenständigkeit.Konsequenz: Das Börsengesetz soll so geändert werden, daß Xetra als Teil der Regionalbörsen eingerichtet werden muß.Auch Düsseldorfer Kursmakler wollten das 150-Millionen-DM-Projekt noch per Gericht stoppen, weil sie nach dem jetzigen Stand nicht in Xetra handeln können.Ohne Erfolg. In Frankfurt versteht man die ganze Aufregung nicht.Werner Seifert, Vorstandschef der DBAG, sieht weder einen Anlaß für die Gesetzesänderung noch einen Grund für juristische Attacken.Jeder Marktteilnehmer an den Regionalbörsen könne laut Börsengesetz an Xetra teilnehmen."Daher ist eine Einbindung der Regionalbörsen in Xetra unnötig.Wir schließen ohnehin jedes deutsche Börsenmitglied an", meinte er noch im Oktober.Schließlich hätten sich 99 Prozent der Makler und Händler, die auch an IBIS angeschlossen gewesen seien, für Xetra angemeldet.In der vergangenen Woche aber hat Seifert Kompromißbereitschaft signalisiert.Im Februar will er mit den Regionalbörsen über die Lizensierung von Xetra sprechen.Knapp zweieinhalb Jahre Arbeit hat die DBAG in den Aufbau des Computersystems gesteckt.Seit Mitte Oktober läuft die Simulationsphase, am 28.November ersetzt Xetra den Handel in IBIS.Rund 220 Banken und Wertpapierhandelshäuser aus dem In- und Ausland werden bereits dann Xetra nutzen.Bis 1999 soll das System nach und nach den gesamten Börsenhandel abdecken.Zumindest bis dahin wird in Frankfurt noch parallel auf dem herkömmlichen Parkett und per Computer gehandelt.Was nach 1999 aus dem Geschrei und Gerenne wird, ist noch offen, aber lange wird es dann die Parkettbörse nicht mehr geben.Mit Xetra soll der Handel transparenter ­ und so unempfindlicher gegen Manipulationen ­, schneller und vor allem auch kostengünstiger werden.Das Orderbuch wird überflüssig, alle Geschäfte werden elektronisch abgewickelt, jede Order soll für jeden sichtbar sein.Und schließlich sollen mittelfristig nirgendwo anders auf der Welt Wertpapiere so billig wie über die Frankfurter Computer gehandelt werden können.Börsenhändler und Makler freilich haben ihre Probleme mit dem hochgelobten Computersystem.Da wird über die Benutzerunfreundlichkeit von Xetra und über Kinderkrankheiten geklagt, auch mit Blick auf die Transparenz sind viele skeptisch.Die Widerstände gegen Xetra schmecken den Frankfurter Börsenoberen nicht.Bis zum Jahresende erläßt die DBAG Maklern und Händlern die Gebühren für den Handel: Der Einstieg in Xetra soll erleichtert werden.In Frankfurt vermuten manche hinter dem Erlaß eine versteckte Subvention für die Computerbörse.

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