Wirtschaft : XXL unter dem Schleier

Übergewicht gilt bei arabischen Frauen als Schönheitsideal. Schon kleine Mädchen werden zwangsernährt

Gautam Naik Nouakchott[Mauretanien]

Jidat Mint Ethmane wuchs in einer Nomadenfamilie in Mauretanien in der Westsahara auf. Als sie acht Jahre alt war, begann ihre Mutter, sie zwangsweise zu füttern. Jeden Morgen musste das Kind vier Liter Milch trinken und dazu Couscous essen. Am Mittag gab es Milch und Haferbrei. Selbst mitternachts und in den frühen Morgenstunden wurde sie für weitere Fütterungen geweckt. Wenn sie sich widersetzte, quetschte ihre Mutter ihre Zehen mit zwei Holzstückchen, bis der Schmerz unerträglich wurde. Und wenn sie sich übergab, zwang ihre Mutter sie, das Erbrochene wieder zu essen.

Bald bekam das Kind Dehnungsstreifen am ganzen Körper, die Haut auf ihren Oberarmen und Schenkeln riss unter dem gewaltigen Druck. „Ich ging auseinander wie eine Matratze“, erzählt die heute 38-jährige Ethmane. Inzwischen ist Ethmane wieder schlank, weil sich ihre Familie die kostspielige Zwangsernährung nicht weiter leisten konnte. Von dem Brauch ist sie trotzdem überzeugt. „Schönheit ist wichtiger als Gesundheit“, sagt sie. Ihr Ehemann Brahim geht sogar noch weiter: „Es sind die dünnen Frauen, die nicht gesund sind.“

Der Glaube, dass rundliche Frauen die besseren Ehefrauen sind, bleibt für die arabische Welt nicht ohne Folgen. Vom nordafrikanischen Mauretanien bis zum Persischen Golf wird eine Explosion der Fettleibigkeit bei den Frauen beobachtet. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist zirka die Hälfte der Frauen im Nahen Osten übergewichtig oder fettleibig. In vielen Ländern mit einst nomadischem Lebensstil führten Ölreichtum und Verstädterung zu den schädlichen Ernährungsgewohnheiten, die zuvor vornehmlich in der westlichen Welt beobachtet wurden. Die Menschen essen zu viel Zucker und Fett und bewegen sich viel zu wenig.

In Bahrain sind 83 Prozent der Frauen übergewichtig, in den Vereinigten Arabischen Emiraten 74 Prozent und im Libanon 75 Prozent, so die Zahlen einer unabhängigen internationalen Projektgruppe in London, die sich bei den Regierungen für Maßnahmen gegen die Fettleibigkeit einsetzt.

Selbst die nordafrikanischen Länder ohne Öleinnahmen, darunter Tunesien und Marokko, stehen vor den gleichen Herausforderungen. Auch hier diktiert die Vorliebe für beleibte Frauen den Speiseplan. „Wir hatten gedacht, dass sich das Problem der Fettleibigkeit auf die reicheren Länder beschränkt, doch aus ärmeren Gegenden wird uns Ähnliches berichtet“, sagt Kunal Bagchi, ein Ernährungsexperte der WHO. Mauretanien ist dabei das einzige Land, wo die Zwangsfütterung systematisch praktiziert wird. Regierung und Frauenorganisationen drängen schon lange auf die Abschaffung der Prozedur, die als Gavage bekannt ist. So nennen die Franzosen die Methoden bei der Gänsemast. Doch die Appelle stießen auf taube Ohren.

Schließlich gelten füllige Frauen in einem Land mit chronischer Nahrungsmittelknappheit nicht nur als wohlhabend – ihnen wird auch eher zugetraut, gesunde Kinder zur Welt zu bringen.

Mittlerweile erkennen auch die arabischen Regierungen das Thema Fettleibigkeit als kostenträchtiges Problem an. Übergewicht und die daraus folgenden Krankheiten machen bereits ein Drittel der Gesundheitsausgaben in den Ländern des Nahen Ostens aus, so die Londoner Projektgruppe. Die Kosten steigen weiter und könnten bald die 40 Prozent erreichen, die in den USA für solche Leiden anfallen, sagen die Berater.

Anfang Dezember trafen sich zum ersten Mal Offizielle der WHO und Regierungsvertreter von 20 Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas, um Ernährungsrichtlinien zu erarbeiten. Einer der Wissenschaftler gab dem Vorhaben nur eine Chance, wenn die Richtlinien auch die regionale Vorliebe für rundliche Frauenkörper berücksichtigen. Jetzt wollen die Landesvertreter weitere Untersuchungen anstellen und in spätestens sechs Monaten darüber berichten.

In kaum einem anderen Land könnte der Widerspruch zwischen Tradition und Gesundheit gravierender sein als in Mauretanien. Das abgeschottete Drei-Millionen-Volk wird von einer autoritären islamischen Regierung geführt. Im Angesicht der schroffen Wüstenlandschaft besangen die Männer seit jeher nicht die Schönheit der Natur, sondern die Reize fülliger Damen und deren Fähigkeiten, gesunde Babys zur Welt zu bringen. Der Brauch der Zwangsfütterung hielt sich selbst in den immer wiederkehrenden Dürreperioden. Fast immer sind es die Mütter oder Großmütter, die die Prozedur bei den Mädchen anwenden.

Aktuelle Zahlen über die Häufigkeit gibt es nicht. Doch eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie kam im Jahr 2001 zum Ergebnis, dass 22 Prozent der mauretanischen Frauen als junge Mädchen zwangsgefüttert wurden. Bei der Hälfte dieser Frauen führte dies zu Fettleibigkeit im Erwachsenenalter, und viele leiden an Diabetes, Herzkrankheiten und Magen-Darm-Erkrankungen. Ein Fünftel der Betroffenen gab ferner an, dass ihnen bei der Prozedur ein Zeh oder Finger gebrochen wurde. Die Folge: Offizielle vor Ort berichten, dass sich manche Frauen vor Korpulenz kaum noch bewegen können.

Seit einem Jahr gibt es eine Hilfsorganisation, die in den ländlichen Gebieten Mauretaniens über die Gesundheitsgefahren der Zwangsfütterung informiert. Eine andere Organisation, die Mauretanische Vereinigung zur Förderung der Frauen (AMPF), zeigt ihre Videos über die Risiken der Prozedur in neun Jugendzentren in der Hauptstadt Nouakchott. Auch die mauretanische Regierung machte vor vier Jahren plötzlich mobil und drängte über Radio und Fernsehen zur Aufgabe des Brauchs. Die Warnungen sind weitgehend verhallt, nicht zuletzt, weil 65 Prozent der mauretanischen Frauen Analphabeten sind.

Die Familie von Frau Ethmane war zu arm, um die Zwangsfütterung bei ihren drei Töchtern anzuwenden. Ihre älteste Tochter Mariam blieb davon verschont. Heute bereut sie dies. „Alle meine Freundinnen haben das durchgemacht“, sagt die 19-Jährige. „Unter denen fühle ich mich jetzt nicht mehr wohl, weil ich einfach zu dünn bin.“

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