Wirtschaft : Zaghafte Erholung an den Tigerbörsen

SINGAPUR (kr).Nach den massiven Kurseinbrüchen vom vergangen Sommer herrscht auch an den ostasiatischen Aktienmärkten wieder eine freundlichere Stimmung.Im weltweiten Vergleich hatten manche "Tiger"-Börsen in den letzten Wochen sogar die besten Zuwachsraten.Vor allem Hongkong, Singapur, Bangkok und Manila legten seit Ende September zwischen 35 und 45 Prozent zu.Wegen der Kapitalmarktkontrollen stark ins Hintertreffen geraten ist Kuala Lumpur, wo der Leitindex seit dem 1.Oktober etwas über 15 Prozent zulegte.

Im Vordergrund der Erklärungsversuche standen zunächst Zinssenkungen in den USA und in Fernost.Geholfen haben auch der schwächere US-Dollar und der stärkere Yen, in dessen Sog die übrigen ostasiatischen Währungen ebenfalls wieder fester notieren.Doch ein großer Teil der jüngsten Entwicklung ist wohl eine bloße Gegenreaktion auf die extremen Kursverluste im zweiten und dritten Quartal.Unbeantwortet bleibt nach wie vor die Frage, ob die jüngsten Kurserholungen übertrieben sind - und ob die Gefahr, daß es wieder rapide abwärts geht, nun gebannt ist.

Inzwischen haben sich allerdings einige fundamentale Daten zum Positiven gewendet: In den meisten von der Krise betroffenen Ländern sind die massiven Fehlbeträge in den Leistungsbilanzen inzwischen in Überschüsse verwandelt worden.Zugenommen haben die Währungsreserven, was wiederum zu einer gewissen Stabilisierung und Stärkung der Währungen beigetragen hat.

Vor diesem Hintergrund revidieren jetzt manche Broker ihre Prognosen.Timothy Love, Global Strategist bei SG Securities, spricht von den ersten "grünen Knospen".Im Vergleich zu Osteuropa und Lateinamerika hält er die aufstrebenden Märkte in Asien wieder für "interessanter", da Währungen und Aktienkurse tendenziell unterbewertet seien.Skeptischer ist die Beurteilung im SG Securities Research in Hongkong, wo die Prognose für den Hang Seng-Index (HSI), der jetzt bei über 10 000 Zählern notiert, auf 6000 lautet.Eine mächtige Adjustierung sei im Gange: Der starke Einbruch bei den Löhnen sowie der Preisverfall am Immobilienmarkt und bei anderen Gütern lähmten die wirtschaftlichen Aktivitäten.Zuversichtlicher ist Dong Tao, Chefökonom bei Credit Suisse First Boston (CSFB) in Hongkong.Die Stimmung habe sich zum besseren gewendet.So komme es nun auch zu einer etwas besseren wirtschaftlichen Leistung.Dong hat seine Konjunkturprognosen entsprechend nach oben korrigiert: Im September rechnete er für 1999 noch mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes 6,4 Prozent, jetzt erwartet er für das kommende Jahr ein Wachstum von drei und für 2000 ein Wachstum von vier Prozent.

Trendwende oder Launenwechsel? Gegen eine dauerhaftere Erholung an den ostasiatischen Aktienmärkten spricht, daß die Banken trotz niedrigerer Zinsen bei der Vergabe von neuen Kredite extrem zurückhaltend sind, von einer Überwindung der Kreditengpässe kann noch keine Rede sein.

Nachdem es in Südkorea zwar gleich zu Beginn der Krise zu einem erfolgreichen Umschuldungsabkommen zwischen privaten Schuldnern und ausländischen Gläubern gekommen war, tritt man sowohl in Indonesien als auch in Thailand auf der Stelle.Solange es aber in diesem Punkt nicht vorwärts geht, ist ein solider Aufschwung illusorisch.Nicht zuletzt wegen der ungelösten Schuldenkrise prognostiziert Goldman & Sachs für Indonesien für dieses Jahr einen Rückgang BIP um 18 Prozent.50 Millionen Indonesierinnen und Indonesier - rund ein Viertel der Gesamtbevölkerung - können sich jetzt nicht einmal mehr den Kauf von Reis zu Marktpreisen leisten (50 Rp.das Kilo).

In Thailand ist die Schuldenkrise etwas weniger akut.Auch da gab die Notenbank dieser Tage jedoch bekannt, von 353 Unternehmen, die im Juni für ein Umschuldungsprogramm bestimmt worden waren, sei es bis jetzt keinem einzigen gelungen, mit den ausländischen Gläubigern zu einem Abkommen zu gelangen.Dies alles hat Desmond Supple, Ökonom bei Barclays Capital, letzthin während einer Anhörung vor dem US-Kongress über die Asienkrise zu dem Verdikt bewogen: "Nur wenige Krisenländer sind sich bewusst, vor was für riesigen Aufgaben sie immer noch stehen..."

Ein heftiger Expertenstreit dreht sich um die Frage, ob der Kurswechsel des Internationalen Währungsfonds (IWF) gegenüber den Schuldnern den Wiederaufschwung herbeiführt.Der IWF erlaubt Indonesien jetzt ein Etatdefizit von 8,5 Prozent des BIP; für Südkorea sind es 5 Prozent und für Thailand 4 Prozent."Zu spät und zu wenig", urteilt PK Basu, Regional Economist für CSFB in Singapur.Fazit: Zu einer dauerhafteren Kurserholung an den "Tiger"-Börsen fehlen zur Zeit drei elementare Voraussetzungen: Ausreichende Liquidität, eine Steigerung der Ertragskraft asiatischer Unternehmen sowie die Rückkehr zu einem gesunden Wirtschaftswachstum.

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