Wirtschaft : Zehn Jahre Deutsche Einheit (5): Ein kleiner Phönix aus viel Asche

Eberhard Löblich

Am 3. Oktober jährt sich zum zehnten Mal der Tag der Einheit. An zehn Sonnabenden beschreiben Wirtschaftsredakteure des Tagesspiegels deutsche Orte, die Geschichte geschrieben haben. Die bereits erschienenen Stücke finden sich unter www.tagesspiegel.de/einheit . In der kommenden Woche: Ohrdruf - vom Segen einer Autobahn.

Das Kürzel "Sket" war auch vor der Wende eines der wenigen selbst im Westen geachteten Markenzeichen der DDR. Es stand für "Schwermaschinenbau-Kombinat Ernst Thälmann". Von seinen Beschäftigten wurde das Kombinat liebevoll "Thälmann" genannt, und der stand als Identifikationsfigur überlebensgroß vor dem Verwaltungsgebäude in Magdeburg. Als die DDR zwischen November 89 und Oktober 90 ihr Leben nach und nach aushauchte, waren bei Sket weit mehr als 20 000 Menschen beschäftigt, 13 000 davon im Magdeburger Stammwerk des Kombinats, das mit der Wirtschafts- und Währungsunion zur Aktiengesellschaft metamorphosierte.

Die Treuhandanstalt bot das Unternehmen in der Branche wie Sauerbier an. Aber der weltweite Markt des Schwermaschinen- und Anlagenbaus hatte seinerzeit mit erheblichen Überkapazitäten zu kämpfen. Auch bei Sket brachen die Umsätze ein, den angestammten Comecon-Kunden fehlten die harten Devisen in Währungen, in denen Sket nun Lieferungen und Leistungen in Rechnung stellte. Schon bald war nicht mehr genug Arbeit für die Beschäftigten vorhanden. Aber das Kündigungsschutzabkommen zwischen IG Metall und Arbeitgebern verhinderte zunächst einen echten Arbeitsplatzabbau.

Der von der Saarstahl AG an die Elbe gewechselte Arbeitsdirektor Hans-Werner Reckstadt gründete deshalb zunächst innerhalb von Sket einen so genannten Einsatzbetrieb. Quasi ein Tochterunternehmen, in das Tausende von Beschäftigten überführt und auf Kurzarbeit Null gesetzt wurden - eine für Sket jederzeit verfügbare Einsatzreserve. Und für die Arbeitnehmer bot das Unternehmen die Möglichkeit, sich umschulen und weiterbilden zu lassen. 9200 Mitarbeiter waren über diesen Einsatzbetrieb hinaus noch im Stammwerk von Sket beschäftigt, als der Kündigungsschutz im Sommer 1991 auslief. Weitere 3000 Mitarbeiter sollten gehen, möglichst schnell und möglichst sozialverträglich. Gemeinsam mit der Stadt Magdeburg gründet Sket die GISE, die gemeinnützige "Gesellschaft für Innovation, Sanierung und Entsorgung". Magdeburg hatte seine erste Beschäftigungsgesellschaft, die Beschäftigten der Gise wurden aus ABM-Mitteln bezahlt.

Bereits früh gab es bei der Treuhand Bestrebungen, Sket zu zerlegen, um wenigstens einige Bereiche des ostdeutschen Maschinenbau-Flaggschiffs doch noch an den investitionskräftigen Mann bringen zu können. Zugleich wurde der Arbeitsplatzabbau fortgesetzt. Die wütenden Proteste von Gewerkschaft und Belegschaft dagegen erreichten ihren Höhepunkt, als die Treuhand Karl-Wilhelm Marx als neuen Vorstandsvorsitzenden nach Magdeburg schickte. Damals, im Herbst 1992, gab es noch 3800 Beschäftigte im Stammwerk von Sket. Drei Jahre später, so kündigte Marx wenige Tage nach seinem Amtsantritt an, würde davon nicht einmal mehr ein Drittel übrig geblieben sein. Als er auch noch die Symbolfigur "Teddy Thälmann" vor dem Verwaltungsgebäude beseitigen ließ, hatte er es sich mit den Magdeburgern im Allgemeinen und mit seiner Belegschaft im Besonderen verdorben. Nur wenige Monate nach seiner Berufung warf Marx entnervt das Handtuch, die Thälmann-Skulptur wurde wieder aufgestellt.

Im Sommer 1993 gab es erste Gerüchte: Eine Investorengruppe verhandelte mit der Treuhandanstalt. Die dementierte zunächst noch, aber die Verhandlungen liefen, und sie kamen auch zum Abschluss. Im August 1994 wurde das Konzept "Sket 2000" vorgestellt, die Privatisierung der Sket Maschinenbau Magdeburg (SMM GmbH) als wesentlicher Kern des Konzerns. Die niedersächsischen Unternehmer Carsten Oestmann und Helmut Borchert sollten die Mehrheit der Gesellschafteranteile übernehmen, die Sperrminorität von 25,1 Prozent der Anteile wollte die Treuhand behalten. Die Belegschaft tanzte, aber es wurde ein Tanz auf dem Vulkan. Von Stund an waren Oestmann und Borchert zwar Geschäftsführer des Unternehmens. Aber der Privatisierungsvertrag wurde wegen der ausbleibenden Genehmigung der EU-Wettbewerbskommission nie rechtskräftig, die Niedersachsen blieben leitende Angestellte im vermeintlich eigenen Unternehmen.

Die Differenzen häuften sich, obwohl die neuen Sket-Chefs einen Auftrag nach dem nächsten akquirierten. Zum größten Teil standen in den Auftragsbüchern aber Verträge, die unterhalb des Gestehungspreises abgeschlossen worden waren. Oestmann glaubte, damit im Einvernehmen mit Treuhand und BvS zu handeln. Die sah das anders. Anfang 1996 trennten sich die Treuhand-Nachfolgerin BvS und die niedersächsischen Investoren im Zorn. Zuvor hatte es zahlreiche Gerüchte gegeben. Sket stehe vor der Pleite, hieß es plötzlich etwa im südostasiatischen Markt, in Deutschland kursierte die Nachricht, Oestmann und Borchert hätten Firmengelder veruntreut. Vorermittlungen der Magdeburger Staatsanwaltschaft, die auf Grund von Selbstanzeigen der SMM-Geschäftsführung eingeleitet wurden, wurden eingestellt. Die Ermittler hatten keinerlei Beleg für die Vorwürfe finden können.

Neuer Geschäftsführer bei Sket wurde im Frühjahr 1996 Werner Kirchgässer. Und der griff durch. Er wusste nicht nur die Aufsichtsratsmehrheit hinter sich, sondern auch den sachsen-anhaltischen Wirtschaftsminister Klaus Schucht. Kirchgässer setzte dem Betriebsrat und der IG Metall die Pistole auf die Brust: entweder Zustimmung zur Reduzierung der SMM von damals noch 1800 auf nur noch 570 Mitarbeiter oder ein Konkursantrag der Geschäftsleitung. Belegschaft und Gewerkschaft blieben hart, ließen es auf eine Machtprobe ankommen; sie verloren. Kirchgässer beantragte Gesamtvollstreckung, die seinerzeit noch übliche Ost-Variante des Konkurses.

Zwangsverwalter Wolfgang Wutzke setzte das Konzept um, das Kirchgässer bereits im Kopf hatte. Aus der Konkursmasse wurden fünf neue Firmen gegründet, die zwar noch immer das Kürzel Sket in Namen führen, mit dem aber, was Sket einst für Magdeburg bedeutet hat, nicht mehr viel gemein hatten. Dennoch ist es gelungen, für alle fünf Firmen Käufer zu finden. Die größte, die Sket Maschinen- und Anlagenbau GmbH (SMA) mit ihren rund 200 Mitarbeitern wurde an die Unternehmer Aloys Wobben und Heinz Buse aus Ostfriesland verkauft. Wobbens Enercon GmbH ist einer der größten Windkraftanlagen-Hersteller Europas. Während Buse das Stammgeschäft von SMA fortführt, baut Wobben auf dem alten Sket-Gelände Windkraftanlagen vom Typ E 66. Mit nunmehr schon mehr als 500 Beschäftigten. Dennoch: So groß die Flügel seiner Windmühlen zur Stromerzeugung auch sind - verglichen mit dem, was einst auf dem Sketgelände geschah, sind sie ein recht kleiner Phönix aus mächtig viel Asche.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben