Wirtschaft : Zehn Jahre Deutsche Einheit: Die Kunden kommen aus Dubai und New York

Ines Beyer

Stehen in Glashütte alle Uhren still? Wie in alten Zeiten zieren hier im Osterzgebirge die Auslagen der Textilgeschäfte lila Kittelschürzen und Damentrikotagen á la VEB. Verloren stehen Bagger zwischen den Häusern am Marktplatz. Kein Café, kaum Menschen auf den Straßen. Die wenigen geöffneten Geschäfte laden nicht zu einem Bummel ein. Dabei hat sich Glashütte in den vergangenen fünf Jahren im Gegensatz zu vielen anderen Erzgebirgsregionen hervorragend entwickelt. Nach Kurzarbeit und Kündigungen im ehemaligen Kombinat Glashütter Uhrenbetriebe (GUB), in dem in der DDR 2200 Menschen Arbeit fanden, haben fünf Uhrenbetriebe einen Neuanfang gewagt. Eine der mit mehreren 100 000 Mark wohl teuersten Uhren der Welt wird hier mit Akribie und Liebe zum Detail von Hand zusammengeschraubt. Nomos, Mühle, Lange Uhren und Glashütter Original sind Marken, die schon lange in der gesamten Welt ihre Käufer finden. Seit einigen Jahren schreiben die Unternehmen, die insgesamt rund 500 Mitarbeiter beschäftigen, sogar tiefschwarze Zahlen. Und das gleichnamige Nachfolgeunternehmen der GUB plant sogar in diesem Jahr noch seinen Börsengang.

Der älteste Glashütter Uhrenhersteller ist die Lange Uhren GmbH. Nach 1945 enteignet und verstaatlicht, hauchte Walter Lange, der Ururenkel des einstigen Firmengründers, der Traditionsmarke 1990 wieder Leben ein. Der damals 66-Jährige kaufte Gebäude und stellte ein Dutzend Feinmechaniker und Uhrmachermeister ein. "Wir hatten eine Vision. Wir wollten die Marke Lange wieder in Glashütte aufbauen", sagt Werkssprecher Arnd Einhorn. Nach vier Jahren harter Konstrukteursarbeit präsentierte die Nobelmarke die ersten vier neu entwickelten Lange-Uhren in Dresden der Fachwelt. Im selben Jahr noch wurden 120 Uhren verkauft, der Umsatz lag bei rund zwei Millionen Mark.

28 000 Mark Durchschnittspreis für eine Lange-Uhr - nirgendwo auf der Welt sind Uhren teurer. Die Produktion dieser von Sammlern heiß begehrten Stücke kann bis zu einem Jahr dauern. Trotz der langen Lieferzeiten ist der weltweite Absatz in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. 1999 wurden 4100 Uhren über Dubai bis nach Hongkong und New York verkauft. Der Umsatz lag bei 63 Millionen Mark. 200 Erzgebirglern gibt Lange einen zukunftssicheren Job.

Mit 23 Mitarbeitern ist die Mühle Uhren GmbH dagegen der kleinste Uhrenbetrieb im Ort. Nautische Messgeräte machten Jahrzehnte lang den Hauptumsatz aus. Heute sind es ausgefallene Sportuhren mit technischen Raffinessen, die dem Familienbetrieb einen knapp Sechs-Millionen-Mark-Umsatz im vergangenen Jahr bescherten. Besonderheit des Betriebes: Jedes Jahr kommt eine neue Uhr auf den Markt. "Verrückte Ideen dafür habe ich genug", sagt Geschäftsführer Hans-Jürgen Mühle. Familie Mühle ist eng mit Glashütte verwurzelt. Zufrieden ist der Geschäftsmann mit dem Aufschwung in der Stadt noch nicht. "Die Wirtschaft in Glashütte ist bereits im neuen Jahrtausend angekommen, die Entwicklung der Stadt ist 1991 stehen geblieben", sagt er. Der verwilderte Bahnhof lade nicht zum Aussteigen ein und ein Hotel gebe es sowieso nicht. Straßenschilder, die auf die Jahrhunderte alte Tradition von Glashütte hindeuteten, suche der Besucher vergebens. "Warum sollten Touristen hierher kommen?", fragt sich Mühle.

"Ich weiß, dass wir noch viel tun müssen", erwidert Bürgermeister Frank Reichel (CDU). Dass sich nichts seit der Wende in dem Ort bewegt haben soll, will er nicht auf sich sitzen lassen: "Wir hatten ja auch am Anfang kein Geld." Die Stadt nahm gerade mal 100 000 Mark jährlich an Gewerbesteuern ein. Trotzdem haben er und die Stadtratsmitglieder um Finanzen gekämpft und jeden möglichen Fördertopf ausgeschöpft.

So konnten rund 25 Millionen Mark in ein neues Wasser- und Abwassersystem fließen, betont er. "Vor zehn Jahren hatte hier jeder dritte Haushalt noch ein Plumpsklo", erinnert er und spricht von Gestank in der Stadt, weil die Abwässer der Einwohner in einen Nebenfluss der Weißeritz geflossen seien. In wenigen Jahren, meint er, "wird die Stadt wieder in alter Blüte auferstehen". Zugpferd ist die Uhrenindustrie. Die ersten Zulieferer wie die Söhnle Uhren GmbH sind schon in die Stadt gekommen und haben neue Arbeitsplätze geschaffen. Das Unternehmen stellt eigene Quarzuhren und Uhrengehäuse für die hiesige Industrie her. "Wir sind damit auf dem besten Weg", sagt der Bürgermeister.

Sorgen macht ihm vor allem der mit 44 Jahren sehr hohe Altersdurchschnitt der Stadt. Zu viele Jugendliche haben der Region in den Wendejahren den Rücken gekehrt - und das trotz einer für die Region geringen Arbeitslosenquote von zwölf Prozent. "Wir wollen wachsen, aber uns fehlt Fachpersonal", sagt Einhorn von Lange-Uhren. Besonders Uhrmacher, Mechaniker und Techniker werden gesucht. Das Potenzial der Region sei abgeschöpft. Ausbildungsstellen sind dennoch begehrt. Bis zu 50 Bewerber pro Platz wurden in manchen Jahren registriert. Im Ort wird auch darüber nachgedacht, die 1878 gegründete Deutsche Uhrmacherschule wieder als Ausbildungsstätte für alle in Glashütte ansässigen Uhrenbetriebe zu eröffnen, um noch mehr jungen Leuten eine Ausbildungschance zu geben.

Auch der Tourismus müsse noch stärker angekurbelt werden, weiss der Bürgermeister. Ehrgeizigstes Projekt sei der Umzug des Uhrenmuseums in das Stadtzentrum. Mindestens sieben Millionen Mark sind dafür eingeplant. Derzeit ist das in der DDR errichtete Museum mit seinem Archiv und der Bibliothek in einem Produktionsgebäude der GUB untergebracht. Täglich kommen bis zu 200 Besucher aus aller Welt in das Haus. Der Gast erfährt dort, dass es der sächsische Hofuhrmacher Ferdinand Adolph Lange war, der 1845 den Grundstein für die deutsche Feinuhrenindustrie in Glashütte legte. Zuvor hatte der Ort vom Erzbergbau gelebt, dessen Ausbeute jedoch immer magerer ausfiel. Viele Bergarbeiter wurden zu Uhrmachermeistern und Feinmechanikern und standen bei mehreren Dutzend großen und kleinen Firmen in Lohn und Brot. Zur Jahrhundertwende erlangten Taschen- und Armbanduhren aus Glashütte Weltruhm. Nach den beiden Weltkriegen, die der Ort nahezu unbeschadet überstand, wurden Maschinen, Werkzeuge und Material in die Sowjetunion gebracht. Die Uhrmacher versuchten jedoch einen Neustart, der für die meisten von ihnen 1951 in der Zwangs-Verstaatlichung in der GUB endete, als Glashütte auf die Massenherstellung von Quarzuhren getrimmt wurde. Das Wissen und die Erfahrung zum Bau von mechanischen Uhren blieb jedoch immer erhalten. Und so stehen die Uhren ist Glashütte auch heute noch nicht still.

0 Kommentare

Neuester Kommentar