Wirtschaft : Zehn Minuten Strom statt 600 Sit-Ups Warum Elektroimpulse Trainingseinheiten nicht ersetzen

Jan Friedmann

Muskeln ohne Qual – das klingt so wunderbar verlockend wie „Abnehmen ohne Diät“ oder „Reich werden in zehn Tagen“. Und so unwahrscheinlich es ist, dass es funktioniert, ein bisschen Hoffnung ist doch immer dabei. Die Hersteller preisen die Körperformer vor allem im Internet und im Spätprogramm an. Etwa so: „Der AbTronic formt und strafft Ihre komplette Bauchmuskulatur, Ihre Hüften und Ihren gesamten Körper ohne anstrengendes Training“, verspricht die Werbung für ein Übungsutensil (49,90 Euro bei Thane International).

Das Prinzip der vermeintlichen Wundergeräte: Mit einem Gürtel oder mit Saugnäpfen an den Körper angelegt stimulieren Elektroden bestimmte Muskelgruppen mittels Reizstrom und setzen diese in Bewegung. Statt Gewichte zu stemmen oder sich beim Waldlauf zu plagen, reicht es angeblich, den Stromschalter umzulegen. Zehn Minuten mit dem AbTronic bringen laut Werbung so viel wie 600 Sit-Ups – egal ob der Fitnesswillige nebenbei spazieren geht, einkauft oder vor der Glotze sitzt. Nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren auch Elektrostimulatoren der Firma Sport-Elec (75 bis 365 Euro), der Gymform Plus (79,95 Euro bei Galeria Kaufhof) oder der AB-Builder von Rio (74,95 Euro bei Neckermann) .

Der Trainingseffekt ist aber höchst umstritten. „Der Traum von strammen Muskeln ohne Anstrengung ist eben nur ein Traum“, schreiben Wissenschaftler der Universität von Wisconsin. Weder führten die untersuchten Geräte zu erhöhter Muskelkraft, noch zur Gewichtsabnahme.

„Die Versprechen in der Werbung gehen zu weit“, sagt auch Joachim Mester, Professor für Angewandte Bewegungswissenschaften an der Sporthochschule Köln. „Zwar kann auch ein künstlicher elektronischer Impuls – der Anstoß kommt normalerweise vom Gehirn – ein Zusammenziehen des Muskels bewirken. Elektrostimulatoren sind aber nicht zum Muskelaufbau geeignet.“ Ein Zuwachs entstehe, wenn der Muskel über einen längeren Zeitraum regelmäßig belastet werde. Dann richte er sich in einem „Superkompensationseffekt“ auf künftige, noch größere Anstrengungen ein. „Praktische Übungen sind erheblich effektiver“, sagt Mester. Statt teurer, aber nutzloser Technik empfehlen die Fitness-Experten deshalb lieber klassische Quälerei – zum Beispiel mit der guten alten Rumpfbeuge.

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