Zeichen der Krise : Geld gegen Vertrauen

Nach der Zinssenkung in den USA bekommen Banken und Verbraucher günstiger Kredit - das soll die Wirtschaft ankurbeln.

Hannes Heine[Rolf Obertreis],Henrik Mortsiefer
Börse in New York
US-Börsenhändler warten nach der Zinsentscheidung ab. -Foto: dpa

Die US-Notenbank (Fed) hat die Zinsen auf den niedrigsten Stand in der Geschichte der USA gesenkt. Sie reduzierte die sogenannte Federal Funds Rate unerwartet deutlich von 1,0 Prozent auf das Rekordtief von 0 bis 0,25 Prozent.

Wird die Zinssenkung helfen, den Abschwung der Weltwirtschaft zu bremsen?

Ziel der Leitzinssenkung ist es, Unternehmen und Verbraucher mit günstigeren Krediten zu versorgen. Da sich die Geschäftsbanken nun bei der Notenbank mit billigerem Geld versorgen können, sollten sie – mit zeitlicher Verzögerung – auch in der Lage sein, zinsgünstige Investitions- und Konsumentenkredite zu vergeben. So hofft zumindest die Notenbank. Doch Experten bezweifeln, dass Banken und Verbraucher ihre Zurückhaltung aufgeben. „Ich glaube nicht, dass die Menschen wegen der Zinssenkungen jetzt Autos kaufen“, sagte der US-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Joseph LaVorgna. Wer Angst haben müsse, im kommenden Jahr seinen Job zu verlieren, nehme keinen neuen Kredit auf. Die Geldhäuser reichen zwar noch Kredite aus, aber nicht zu Niedrigzinsen. Sie wollen und müssen Geld verdienen. Außerdem schauen sie genauer hin, nachdem sie jahrelang Kredite fast ohne Sicherheiten ausgegeben und damit die Finanzkrise mit ausgelöst haben. Kredite mit höherem Risiko bleiben deshalb teurer.

Als politisches Signal wurde die Zinssenkung am Mittwoch begrüßt: „Dies ist ein guter Impuls aus den USA“, sagte Gustav Horn, Leiter des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung, dem Tagesspiegel. So werde erfolgreich die Deflation bekämpft und den Banken die Konsolidierung ermöglicht. Zwar sei die Notenbank am Ende der konventionellen Geldpolitik angekommen. Der Schritt sei aber nötig gewesen.

Oskar Lafontaine, Bundesvorsitzender der Linkspartei, sagte dieser Zeitung, die Senkung des US-Leitzinses praktisch auf null sei „ein wichtiger Beitrag, um Konsum und Investitionen zu stärken“. Die gleichzeitige Ankündigung massiver öffentlicher Ausgabenprogramme stärke zudem die Nachfrageseite. „Während sich die USA mit ganzer Kraft gegen die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise stemmen, drehen Bundeskanzlerin Merkel und SPD-Finanzminister Steinbrück Däumchen“, sagte Lafontaine.

Wird die Zinssenkung das Vertrauen der Banken untereinander stärken?

Da die effektiven Notenbankzinsen ohnehin schon seit einer Weile in der Nähe des jetzt offiziellen Satzes liegen, wiegt eine Ankündigung der US-Notenbank schwerer als der eigentliche Zinsschritt. Sie wolle die Zinsen für einige Zeit auf dem niedrigen Niveau belassen, teilte die Fed mit. Die Banken können sich also bei ihrer Refinanzierung auf niedrige Zinsen einstellen und werden nicht von Erhöhungen überrascht. Das schafft Vertrauen. Bereits früher haben die Notenbanken in den USA und Europa privaten Banken Geld geliehen und im Gegenzug in Anleihen verpackte Kredite übernommen – eine Last in den Bankbilanzen. Jetzt kündigte die Fed an, Haushalte und Kleinunternehmen direkt mit Krediten zu versorgen. All das kann helfen, die Vertrauenskrise zwischen den Geldhäusern zu entschärfen. Das Problem: Geschäftsbanken haben es trotz niedriger Leitzinsen zuletzt vorgezogen, Guthaben bei der Notenbank zu halten, statt anderen Banken Geld zu leihen.

Sollte die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt auch die Zinsen senken?

Allgemein wird mit weiteren Zinssenkungen auch im Euro-Raum gerechnet. „Der Druck auf die EZB steigt, etwas zu tun“, sagte Allianz-Dresdner-Bank-Chefvolkswirt Michael Heise. Die Inflation ist deutlich gesunken und bietet den Währungshütern Spielraum für eine weitere Lockerung der geldpolitischen Zügel. Stefan Schneider, Konjunkturexperte bei der Deutschen Bank, schätzt, dass der Leitzins im gemeinsamen Währungsraum im Frühjahr bei wahrscheinlich 1,0 Prozent liegt. Derzeit beträgt er 2,50 Prozent. Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) forderte die EZB auf, dem Beispiel der amerikanischen Notenbank zu folgen. „Wir hoffen, dass sich auch die EZB noch einen Ruck gibt, die Zinsen um einen weiteren halben Prozentpunkt zu senken“, sagte DGB-Bundesvorstand Claus Matecki.

Hat die US-Notenbank ihr geldpolitisches Pulver jetzt verschossen?

Die Fed hat neben ihrer schärfsten Waffe – dem Leitzins – noch weitere Munition, die sie schon in den vergangenen Monaten eingesetzt hat. Stärker als bisher dürfte sie nun von der Zinspolitik auf die sogenannte Mengenpolitik umstellen. Dabei bestimmt sie nicht mehr über den Leitzins den Preis für Geld beziehungsweise Liquidität. Sie geht im Kampf gegen die Konjunkturflaute stattdessen dazu über, direkt die Menge der den Banken zur Verfügung gestellten Liquidität zu steuern. Sie kauft dazu Wertpapiere von den Banken an. Diese bekommen dafür im Gegenzug bei der Zentralbank ein Guthaben, auf dessen Basis sie Geld als Kredit an Unternehmen und Haushalte weiterverleihen können. Die Zentralbank verfolgt also in erster Linie das Ziel, eine Kreditklemme zu verhindern.

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