Wirtschaft : Zeit der Goldgräber (Leitartikel)

Corinna Visser

In Hannover finden in diesem Jahr gleich zwei Weltausstellungen statt. Die eine heißt Expo 2000 und folgt einem Konzept des 19. Jahrhunderts. Das Bild des neuen, des 21. Jahrhunderts aber zeigt die CeBIT, die an diesem Mittwoch eröffnet wird. Es ist die Welt der Bits und Bytes. Es ist die Welt des Internets, die jedermann betrifft: Schüler und Manager, Gebildete und Ungebildete. Die virtuelle Realität des Netzes beherrscht die Wirklichkeit aller Menschen bald mehr als die physische. Es ist eine Revolution der Wirtschaftswelt, die der ersten industriellen Revolution in nichts nachsteht. Gründerfieber allenthalben. Das Internet ist heute schon der globale Marktplatz, der Ort des Handels aller mit allen: E-Commerce ist sein Name.

Der elektronische Austausch von Daten zu Geschäftszwecken wird die Unternehmen verändern. Junge Firmengründer mit einer pfiffigen Idee für ein Geschäft im Netz müssen sich keine Sorgen mehr um das nötige Startkapital machen. Früher bremste die fehlende Bereitschaft der Banken und privaten Kapitalgeber das Entstehen neuer Firmen und damit neuer Arbeitsplätze. Heute reicht es, das Zauberwort Internet zu flüstern, und die Millionen fließen. Als Risikokapital wird dieser Geldeinsatz offenbar gar nicht mehr betrachtet. Wer von Goldgräberstimmung spricht, hat die Atmosphäre begriffen.

Deshalb ist das elektronische Geschäft nicht nur der neue Handels-, sondern auch der neue Arbeitsplatz. Die Branche der Informationswirtschaft beschäftigte in Deutschland im vergangenen Jahr eine Million Menschen und setzte rund 200 Milliarden Mark mit Hardware, Software, Dienstleistungen, Telekommunikation und neuen Medien um. Der Streit, ob sie damit die deutsche Automobilindustrie bereits überflügelt hat, ist müßig. Die Branche wird alle anderen Wirtschaftszweige bei Beschäftigung und Umsatz in Kürze überholen. Das bezweifelt niemand mehr. Nur das Abgrenzungsproblem könnte schwierig werden. Schließlich, so heißt es, werden in Zukunft alle Unternehmen ein "E-Unternehmen" sein - oder eben gar keines mehr.

Das mag auch die Deutsche Bank dazu bewegt haben, mit einem eigenen Stand auf der Computermesse CeBIT aufzutreten. Vielleicht hat sie auch die Mahnung des Microsoft-Gründers Bill Gates ernst genommen: Wir werden auch in Zukunft Bankgeschäfte abwickeln, das heißt aber nicht, dass wir dafür Banken brauchen. Der elektronische Handel bringt neue Unternehmensmodelle und macht alte überflüssig. Die Arbeitsplätze folgen diesem Trend. Der Wandel hin zur Informationsgesellschaft wird kein sanfter Übergang in eine andere Form des Wirtschaftens sein. Er wird zu schmerzhaften Brüchen führen. Aber er lässt sich nicht aufhalten.

Vier Millionen Menschen sind heute in Deutschland ohne Arbeit. Gleichzeitig werden in der Informations- und Telekommunikationswirtschaft 75 000 qualifizierte Mitarbeiter gesucht. Doch die Suchenden sind nicht die, die gesucht werden. Das ist bitter. Die Schere wird sich weiter öffnen. Die großen Unternehmen der Branche verlangen bereits, Zehntausenden High-Tech-Gastarbeitern eine Arbeitsgenehmigung hier zu Lande zu erteilen. Sie sollen wie in den 60er Jahren der deutschen Wirtschaft auf die Sprünge helfen.

Freilich: Nicht alle, die nach Gold suchen, werden fündig. Die Mahner sagen voraus, dass von zehn neuen Internetunternehmen nur eines überleben wird. Deutsche Firmen müssen sich bemühen, zu den letzteren zu gehören. Die Digitalisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt macht vielen Menschen Angst. Viel schöner ist es doch, auf einer Weltausstellung im alten Stil die Errungenschaften der Völker zu bestaunen. Das Internet aber macht vor Ländergrenzen nicht halt.

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