Zeitarbeit : "Die Zukunft liegt bei den Privaten"

Manpower-Chef Thomas Reitz über das Potenzial für Zeitarbeitsfirmen und über die Perspektiven der Bundesagentur für Arbeit

Reitz
Thomas Reitz: Chef der Firma Manpower, die seit mehr als 40 Jahren im Zeitarbeitsgeschäft tätig ist. -Foto: Mike Wolff

Herr Reitz, im Moment klagen viele Firmen über Facharbeitermangel. Merken Sie das auch?

Eindeutig. Wir haben derzeit etwa 5000 Stellen, die wir einfach nicht besetzen können. Und diese Zahl wächst weiter.

In welchen Branchen mangelt es besonders an Personal?

Natürlich suchen auch wir Ingenieure. Aber die Zeitarbeit ist vor allem im mittleren qualifizierten Bereich stärker vertreten. Gebraucht werden Leute mit kaufmännischen Qualifikationen und Facharbeiter unterschiedlichster Ausrichtungen, wie zum Beispiel Schlosser, Kfz- und Flugzeugmechaniker.

Es gibt die Annahme, wonach sich Unternehmen Zeitarbeiter in den Betrieb holen, wenn die Konjunktur langsam wieder anzieht und bei einer Verstetigung der positiven Geschäftslage fest anstellen. Macht sich das jetzt bei Ihnen schon bemerkbar?

Nein, die Zeitarbeit ist in einer anderen Phase angekommen. Noch vor fünf Jahren war es tatsächlich so, dass Zeitarbeiter wirklich nur eine reine Feuerwehrfunktion hatten, also nur in der Urlaubszeit oder bei einer konjunkturellen Erholung zur Abarbeitung von Auftragsspitzen eingesetzt wurden. Heute allerdings nutzen die Unternehmen die Zeitarbeit ganz klar als flexible, dauerhafte Ressource, auch wenn die Konjunktur richtig stabil ist. Insofern gilt diese alte Regel nicht mehr.

Also nehmen Zeitarbeiter doch Anderen die Arbeitsplätze weg?

Auf keinen Fall. Stünden den Firmen keine Zeitarbeiter zur Verfügung, dann müssten die vorhandenen Mitarbeiter die Mehrarbeit erledigen, ohne dass neue Jobs entstehen. Oder die Aufträge könnten gar nicht erst angenommen werden.

Wie lange bleiben Ihre Mitarbeiter denn durchschnittlich in den Unternehmen?

Das hängt meist vom Beruf ab. Ingenieure bleiben in der Regel deutlich länger als ein Jahr. Andere vielleicht durchschnittlich sechs Monate.

Wer wird übernommen?

Wir haben mal ausgerechnet, dass 93 Prozent aller Ingenieure in den Unternehmen „kleben“ bleiben. Bei den anderen Berufsgruppen haben wir keine genauen Erhebungen, aber es dürfte etwa jeder Dritte sein.

Wie sollte denn das Verhältnis zwischen Festangestellten und Leiharbeitern in den Unternehmen im Idealfall sein?

Wenn 90 Prozent der Beschäftigten festangestellt sind und der Rest mit Zeitarbeitern flexibel gehalten wird, hat man ein gesundes Maß erreicht. Ich gebe zu, dass es Unternehmen gibt, in denen dieses Maß deutlich überschritten ist. Das ist abhängig von der Branche. Dennoch: Insgesamt ist die Zeitarbeit in Deutschland noch weit unterrepräsentiert.

Wie hoch ist der Anteil der Zeitarbeiter derzeit?

Etwas weniger als 1,5 Prozent der Beschäftigten, also rund 600 000 Menschen, sind Zeitarbeiter. Im internationalen Vergleich ist diese Zahl sehr, sehr niedrig. In England zum Beispiel sind es fünf Prozent, in den Niederlanden vier Prozent. Der europäische Schnitt liegt bei rund 2,5 Prozent. Ich stelle aber fest, dass auch die deutsche Wirtschaft dabei ist, ihren Bedarf mehr und mehr über Personaldienstleister zu decken. Und deshalb wächst die Zahl auch hier.

Welchen Spielraum sehen Sie da?

Ich sehe in Deutschland einen Prozentsatz von deutlich über zwei Prozent. In drei Jahren wird sich die Zahl der Zeitarbeiter auf über eine Million verdoppeln.

Warum sind Sie so sicher, dass die Zeitarbeit so stark zunehmen wird?

Zum einen hat Deutschland etwas nachzuholen. Das Image der Branche hat sich verbessert, auch weil wir seit 2004 Tarifverträge haben. Die Unternehmen empfinden es inzwischen als normal, Zeitarbeiter zu beschäftigen. Zum anderen sehe ich viel Potenzial, weil immer mehr private Firmen mit der Vermittlung von Jobs beauftragt werden. Das ist auch das Feld, wo wir am stärksten wachsen.

Von welchen Dimensionen sprechen Sie?

Im vergangenen Jahr haben wir 1500 Menschen direkt an die Unternehmen vermittelt. Im ersten Halbjahr dieses Jahres waren es schon 1500. Und bis zum Ende des Jahres sollen es deutlich mehr als 3000 sein.

Was machen Sie denn besser als die Bundesagentur für Arbeit?

Wir machen es nicht besser, aber anders. Wir sind einfach näher an unseren Kunden dran. Schließlich wissen wir am besten, was sie brauchen. Wir sind beispielsweise in einer Schlosserei und sehen ganz genau, was für Qualifikationen verlangt werden. Dadurch bringen wir die Leute aktiv in Arbeit. Und darum sind wir auch erfolgreich.

Aber Sie werden die Arbeitsagentur nicht ersetzen können?

Nicht ganz. Denn es wird nie eine Vollbeschäftigung geben. Die Bundesagentur hat die Aufgabe eines sozialen Versicherungsträgers und einer Verwaltungsbehörde. Aber was die Vermittlungsarbeit anbelangt, liegt die Zukunft eindeutig bei den Privaten. Ich bezweifle, dass die Agentur im Jahr 2015 noch eine Vermittlungsfunktion haben wird.

Die Bundesagentur sieht derzeit eines der größten Probleme bei der Vermittlung von Langzeitarbeitslosen und niedrig Qualifizierten. Wie wollen Sie dieses Problem angehen?

Das Problem kennen auch wir sehr gut. Denn von zehn Kandidaten, die sich bei uns bewerben, kann man nur zwei sofort vermitteln. Aber immerhin sehen wir bei weiteren sechs Potenzial. Manchmal ist das beispielsweise so, dass einem nur mal gesagt werden muss, dass er sich anders kleiden muss. Dann machen wir ihm das klar. Bei anderen sind vielleicht alle Qualifikationen für eine Stelle da, nur ein Staplerschein fehlt. Dann bezahlen wir ihm diese Fortbildung.

Wie viel investieren Sie in solche Qualifikationsmaßnahmen?

Wir haben im vergangen Jahr deutlich mehr als eine Million Euro dafür ausgegeben. Wir brauchen Leute, die wir unter Vertrag nehmen können. Denn nur dann verdienen wir ja auch daran. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir die Befürchtung haben, dass wir in fünf Jahren gar keine Fachleute mehr kriegen, auch wegen des demografischen Wandels.

Wo sehen Sie ungenutztes Potenzial?

Wir haben festgestellt, dass fast 50 Prozent aller über 55-Jährigen nicht mehr arbeiten. Deshalb bemühen wir uns gezielt um Mitarbeiter über 50. Auch hier vermitteln wir Fortbildungen und finanzieren sie zum Teil. Zudem bieten wir den älteren Bewerbern besondere Arbeitszeitmodelle an. Etwa Management auf Zeit oder Teilzeit.

In Berlin wird im Vergleich zu anderen Großstädten relativ wenig produziert. Merken Sie das bei der Zeitarbeit?

In Berlin haben wir uns tatsächlich lange sehr schwer getan. Im Vergleich zu anderen Städten hatten wir in den vergangenen Jahren eher einen bescheidenen Erfolg. Inzwischen boomt der Markt aber auch hier regelrecht.

Welches Personal wird hier gesucht?

Hier sind es vor allem Leute aus dem kaufmännischen Sektor und in Call-Centern, die gebraucht werden. Unsere hier ansässige Tochterfirma Bankpower vermittelt, wie der Name schon erkennen lässt, vor allem Leute an den Finanzsektor und ist dabei sehr erfolgreich.

Die Große Koalition hat kürzlich den Weg dafür frei gemacht, dass das Entsendegesetz auch auf die Zeitarbeitsbranche übertragen werden kann. Das würde die Einführung eines Mindestlohns bedeuten. Begrüßen Sie diese Entwicklung?

Zum Teil. Denn vielleicht ist die Ausweitung des Entsendegesetzes ein guter Schutzmantel vor Billiglohnkonkurrenz aus dem Ausland. Der Mindestlohn an und für sich wäre für uns auch kein Problem. Wir haben ja einen Tarifvertrag, bei dem die unterste Tarifgruppe mit 7,20 Euro wohl in etwa auf der Höhe des Mindestlohns liegen würde. Auf der anderen Seite ist ein Mindestlohn immer ein zweischneidiges Schwert – entweder ist er zu niedrig und bewirkt gar nichts. Oder er ist zu hoch und fördert die Schwarzarbeit.

Das Gespräch führte Yasmin El-Sharif.

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